Wie weiter mit der Berner Markthalle?

Nach dem überraschendem Rückzug der Migros aus dem Markthallen-Projekt ist die Enttäuschung gross – und guter Rat teuer.

Tempi passati. So sah es in der Berner Markthalle vor sechs Jahren aus.

Tempi passati. So sah es in der Berner Markthalle vor sechs Jahren aus.

(Bild: Manu Friederich (Archiv))

Der Rückzug der Migros aus dem Markthallen-Projekt kam aus heiterem Himmel. Für Manuel C. Widmer, GFL-Stadtrat und erklärter Markthallen-Fan, kommen noch ein paar andere Emotionen hinzu: Er sei «wütend, traurig und enttäuscht», sagt er auf Anfrage. Der Rückzieher der Migros hinterlasse bei ihm zudem einen «sauren Nachgeschmack», so Widmer. Denn: Zuerst profiliere sich die Migros als Retterin der Markthalle, dann ziehe sie sich «unter eher fadenscheinigen Begründungen» wieder aus dem Projekt zurück.

Die Genossenschaft rechtfertigt ihren Rückzug unter anderem mit «unüberbrückbaren Differenzen» mit dem jetzigen Mieter, Media Markt Schweiz. Als weitere Gründe nennt die Migros aber auch Einsprachen und happige Auflagen, um künftige Lärmemissionen zu verhindern. Migros-Kritiker Widmer lässt dies nicht gelten und fragt rhetorisch: «Wo, wenn nicht am Bahnhof, soll denn sonst der Betrieb in der Nacht möglich sein?»

Lob für Lerch

«Wirklich geeignet für das Nachtleben ist eigentlich nur ein Gebiet, in dem niemand wohnt», sagt hingegen Regierungsstatthalter Christoph Lerch, welcher an dem Verfahren beteiligt war. Die Lärmemissionen seien ein wichtiges Thema gewesen, so Lerch. Bei den vier Einsprachen waren Befürchtungen über künftigen Lärm jedenfalls ein Hauptgrund. Trotzdem sei man «guten Mutes» gewesen, dass diesbezüglich ein Kompromiss für alle Beteiligten gefunden werden könne. Von der Genossenschaft muss sich Lerch aber nichts vorwerfen lassen, im Gegenteil: Die Migros habe sich bei ihm für sein Engagement bedankt, so Lerch.

Wollte die Migrossich nicht in einzweites Abenteuerstürzen?

Es sind solche Aussagen, welche die Annahme stärken, der wahre Grund des Rückzugs liege darin, dass sich die Migros nach dem schlechten Start der Welle 7 beim Bahnhof nicht in ein zweites Abenteuer stürzen wollte.

Und was machten die Stadtbehörden?

Trotzdem gibt es nun Stimmen, welche auch den Behörden und dem Gemeinderat vorwerfen, insgesamt zu wenig für die Markthalle 2.0 getan zu haben. Allen voran der «Vater» der ersten Markthalle, der Arzt Hans Merki, welcher auch bei der Neuauflage wieder mit dabei war. Wenn der Gemeinderat eine Markthalle in Bern wolle, müsse er dafür auch etwas tun, sagt er. «Es reicht nicht, jeweils hinterher sein Bedauern auszudrücken.» Er habe nicht den Eindruck, dass die Stadt ernsthaft interessiert sei, bei der Lösung der Probleme mitzuhelfen. Zum konkreten Rückzug der Migros wollte er sich nicht äussern. Er sei davon genauso überrascht worden, wie alle anderen. «Wie es nun weitergeht, weiss ich nicht.»

In einem «Bund»-Interview sagte der Experte Christoph Ottrubay am Mittwoch, der Standort sei «nicht einfach» und ein Konzept mit verschiedenen Mietern kaum möglich. Auch sei es schwierig, einen Mieter für eine derart grosse Fläche zu finden. «Am ehesten wäre ein Geschäft im Textil- oder Foodbereich denkbar.»

Privatsache

Dass künftig Boutiquen in die Markthalle einziehen, erachtet Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) jedoch als eher unwahrscheinlich. Diesbezüglich sei eine gewisse Sättigung mittlerweile erreicht, sagt er. «Aktiv verhindern kann die Stadt dies aber nicht.» Zwar wird sich die Stadt laut von Graffenried auch weiterhin für die Markthalle einsetzen, gleichzeitig stellt der Stadtpräsident aber klar: «Das Konzept der Berner Markthalle ist ein rein unternehmerisches Gastro-Konzept und in erster Linie Sache von privaten Unternehmen.»

Die Stadt könne aber versuchen, die verschiedenen Beteiligten zusammenzubringen und sie beim Bewilligungsverfahren unterstützen. Man sei gespannt wie es weitergehe. Zu den konkreten Vorwürfen von Hans Merki, die Stadt habe in der Vergangenheit zu wenig getan, antwortet der Stadtpräsident: «Falls dem so ist, dann tut mir das leid.» Mit Merki will von Graffenried nun Kontakt aufnehmen.

Ausser Spesen nichts gewesen

Nachdem die Migros bekannt gegeben hatte, die Markthalle übernehmen zu wollen, gingen über 120 Bewerbungen ein. Gut möglich, dass die Mikrobrauerei Braukunst aus Bümpliz einen der 20 Plätze ergattert hätte. Mitinhaber Alex Chevalley plante eine Schaubrauerei, in der die Gäste bei einem Bier hätten zuschauen können, wie Bier gebraut wird. Natürlich sei es schade, dass sich die Migros aus dem Projekt Markthalle zurückgezogen habe, sagt Chevalley. Das Markthallen-Konzept jedenfalls wäre eine tolle Bereicherung für Bern – davon ist Chevalley auch weiterhin überzeugt. «Ich denke, die Lokalität ist auch aufgrund der Architektur prädestiniert für einen Gastrobetrieb.»

Der Bund

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