Wie gross wäre die Gaskessel-Lücke?

Der Gaskessel sei kein Freiraum für Jugendliche, kritisierten Teilnehmer am runden Tisch zum Nachtleben. Das Jugendzentrum sei nun aber auf dem richtigen Weg, sagen zwei ehemalige Kritiker.

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Der Gaskessel ist ein Stück Berner Geschichte. Doch abgesehen vom nostalgischen Wert des «Chessu»: Welche Bedeutung hat das Jugendzentrum heutzutage überhaupt noch für Junge? Eine überschaubare, sagte Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP). Die Jungen würden lieber im Stadtzentrum feiern – der Gaskessel liege zu peripher. Die Gaskessel-Betreiber wiesen diesen Vorwurf zurück. Sie sprachen von einer «Kampagne» gegen den Gaskessel, damit die Stadt ihre «Überbauungsfantasien» auf dem Gaswerkareal realisieren könne.

Partys ab 21 im Jugendzentrum

Dass der Gaskessel nicht mehr die gleiche Bedeutung für die Jugend hat wie zu besten Zeiten, ist indes keine Erfindung von Tschäppät. Am runden Tisch zum Nachtleben äusserten sich auch Teilnehmer aus dem Kulturbereich kritisch zum Gaskessel. Insbesondere, dass im Jugendzentrum Partys mit Mindestalter 21 Jahren stattfinden, sorgt für Irritationen. Zudem seien die Eintritte zu teuer und die Veranstaltungen zu kommerziell, die Drogenpolitik sei zu repressiv und der Einbezug der Jugendlichen mangelhaft – vom dringend benötigten Freiraum für Junge könne beim Gaskessel keine Rede sein.

Die Gaskessel-Betreiber wehren sich in einer Medienmitteilung gegen die Vorwürfe. Sie verweisen in erster Linie auf die knappen Mittel, die dem Angebot gewisse Grenzen setzten. «Der Gaskessel kann auch noch mehr Events für Jugendliche machen, dies ist einfach auch eine Frage der Finanzierung», schreiben sie. In diesem Licht seien auch die wenigen Partys ab 21 zu betrachten. Mit diesen würden die anderen Angebote quersubventioniert.

Auch der Vorwurf des fehlenden Einbezugs der Jugendlichen treffe nicht zu, sagt Vorstandsmitglied Jonathan Ramming auf Anfrage. Jeder Jugendliche würde ohne Bedingungen als Vereinsmitglied akzeptiert und könne mitbestimmen. «Bei uns kann sich jeder ausleben», sagt Ramming. Auch das Gerücht, dass ein paar Alteingesessene im Gaskessel inoffiziell das Sagen hätten, entspreche nicht der Realität. «Die Mitgliederversammlung ist bei uns das höchste Organ.»

Jugendliche als schwieriges Zielpublikum

Unterstützung erhalten die Gaskessel-Betreiber nun ausgerechnet von zwei ehemaligen Kritikern. Noch vor einem Jahr sagte Christian Pauli, Präsident des Dachverbands der Berner Kulturveranstalter (Bekult), im «Bund», dass der Gaskessel seiner Meinung nach den Auftrag als Jugendzentrum nicht erfülle. Heute tönt es anders: «Ich habe den Eindruck, dass im Gaskessel gute Leute gute Arbeit machen», sagt Pauli. Er habe sich unterdessen das Jugendzentrum einmal genauer angeschaut und mit den Betreibern gesprochen. «Partys mit Jugendlichen als Zielpublikum bringen wenig Geld, dafür viele Probleme – ich weiss dies aus eigener Erfahrung.» Er denke etwa an den Eigenkonsum und betrunkene Jugendliche. Nach wie vor sieht Pauli aber auch die Betreiber in der Pflicht. Trotz der Schwierigkeiten sollte es für das Jugendzentrum möglich sein, sich stärker bemerkbar zu machen, findet er. Wichtig sei jetzt, dass die Betreiber in die Diskussion um die Zukunft des Gaskessels einbezogen würden, bevor man «das Jugendzentrum aus städtebaulichen Gründen beerdigt», sagt Pauli.

Die Wende eingeleitet

Auch Stephan Wyder, Geschäftsleiter der offenen Jugendarbeit der Stadt Bern (TOJ), hat seine Meinung revidiert. «Der Gaskessel hat an Anziehungskraft als Jugendzentrum bei den 14- bis 18-Jährigen verloren», sagte er vor Jahresfrist im «Bund». Seither sei viel geschehen, sagt er nun auf Anfrage. «Der Verein hat in der Zwischenzeit konzeptionell viel getan, um das Angebot für jüngere Jugendliche wieder attraktiver zu machen.» Das zeigten auch die Zahlen. Gemäss dem Jahresbericht 2011/12 ist die Zahl der Besucher, der Veranstaltungen und der Mitglieder kontinuierlich gestiegen.

Der Gaskessel biete den jungen Erwachsenen nach wie vor Möglichkeiten, sich freiwillig zu engagieren, wie es sie sonst in der Stadt nirgends gebe, sagt Wyder. Und auch ein Kulturprogramm, das spezifisch auf die Bedürfnisse von 16- bis 20-Jährigen ausgerichtet sei, finde man nur im Gaskessel. Sollte das Jugendzentrum im Marzili tatsächlich wegfallen, würde es «eine grosse Lücke» hinterlassen. «Der Druck auf die Innenstadt würde sicher wachsen.» Die von der Stadt vorgesehene Nutzung der Nägeligasse 2 für kulturelle Veranstaltungen sei eine «grosse Chance» – aber den Gaskessel werde dieser Ort nicht ersetzen können. Für ihn ist klar: «Den Gaskessel braucht es nach wie vor.»

Der Bund

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