Widerruf

Poller-Kolummnist Martin Lehmann hat sich zu der Behauptung verleiten lassen, im Emmental scheine die Sonne öfters als in Bern. Zur Strafe erhält er nun Smartphone-Bilder.

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Ich hätte es wissen müssen. Wenn man in einer Kolumne (die übrigens stets zu einem guten Teil auch ironisch gemeint ist, dies ein abschliessender Hinweis an die – überraschend grosse – ziemlich humorfreie Fraktion unter den «Bund»-Lesern, die mich nach bloss zwei «Poller»-Beiträgen mit Mails bombardiert und gefragt hat, ob ich wirklich meine, was ich schreibe) . . . wenn man also in einem durchaus auch augenzwinkernd gemeinten Text darlegt, dass man als Landmensch das Stadtvolk zwar um das eine oder andere beneide – um Kultur und Kulinarik zum Beispiel –, dass man aber trotzdem noch nie auch nur im Traum auf die Idee gekommen wäre, in die Lorraine oder den Breitsch zu ziehen, dann ruft man hüben und vor allem drüben die Chauvinisten auf den Plan.

Hüben – bei uns im Emmental – hat manch einer mir am letzten Langnoumärit währschaft auf die Schultern geklopft, mir im briitischte Oberämmitauer Bärndütsch gratuliert, dass ich – obwohl bloss ein Zugezogener – es diesen Städtern endlich mal gesagt, ihnen «ds Mösch putzt» habe, und mir dabei den Rauch seines Rössli-Stumpens ins Gesicht geblasen. Und in noch viel grösserer Zahl wurden mir von drüben – vonseiten der Stadtbewohner – Gründe vor- und zugetragen, warum Städter nie und nimmer auf dem Land leben möchten: «Weil hier die Wege viel kürzer sind», schrieb einer aus der Länggasse, «weil die Leute in der Stadt viel besser aussehen als jene auf dem Land» eine Frau aus der Matte, «weil die SVP-Dichte in Bern viel kleiner ist als in Langnau» ein Dritter, jemand schrieb, er sei in die Stadt gezogen, weil dort die Grüngürtel und Gärten inzwischen viel artenreicher seien als auf dem Land, und eine Frau beschied mir, sie könnte in einem Ort, wo die Coiffeursalons Trend Line, Schnipp-Schnapp oder Haarschelm hiessen, schlicht nicht leben.

Die meisten aber schickten mir ein Smartphone-Bildli. Pikiert darüber, dass ich behauptet hatte, im Emmental scheine die Sonne in den Wintermonaten viel öfter als in Bern, liessen mir Stadtbewohner Dutzende Helgeli zukommen, auf denen eine gänzlich nebelfreie Stadt zu sehen ist: die Kirchenfeldbrücke vor der über dem Obstberg aufgehenden Sonne, der ungetrübte Blick von der Kornhausbrücke Richtung Alpen, die klare Sicht vom Gurten aufs Bundeshaus. Und einer war, bevor er mir das Föteli eines kristallklaren Berner Vorfrühlingshimmels schickte, offenbar gar tief ins Archiv gestiegen, hatte stunden-, tage- und nächtelang Zahlen zusammengezählt und wohl meteorologische Daten bis zurück ins Jahr 1191 ausgewertet, um mich anschliessend wissen zu lassen, dass die Sonne in der Stadt Bern exakt ebenso oft zu sehen sei wie in Langnau.

Henusode. Dann widerrufe ich halt. Korrigiere mich – und formuliere um: Ich möchte nicht darum lieber auf dem Land als in der Stadt leben, weil es hier mehr Sonne hat – denn das stimmt gar nicht. Nein, ich möchte darum weiterhin lieber auf dem Land als in der Stadt leben, weil es hier weniger Klugscheisser hat. Weniger Besserwisser, weniger Rechthaber, weniger Erbsenzähler.

Denn das stimmt definitiv.

Martin Lehmann ist Redaktor bei Radio SRF2 Kultur. Er lebt in Langnau und ist Vater dreier Töchter – ein Mann vom Land mit eigenem Blick auf die Stadt.

DerBund.ch/Newsnet

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