«Wichtig ist mir, dass ich Spass habe»

Der Berner Gymnasiast Carlo Mühlemann holte sich Gold an der nationalen Geografie-Olympiade. In Hongkong trifft er nun auf die Besten der Welt.

Er mag Yoga, Krafttraining und Geografie: Carlo Mühlemann vom «Gymer» Neufeld.<p class='credit'>(Bild: Franziska Rothenbühler)</p>

Er mag Yoga, Krafttraining und Geografie: Carlo Mühlemann vom «Gymer» Neufeld.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Carlo Mühlemann hat zu seinem 18. Geburtstag ein erfreuliches Geschenk bekommen: Im Oktober gewann er bei der nationalen Geografie-Olympiade Gold. Erwartet hat er das nicht: «Eigentlich war es Zufall.» Alle Schüler des Gymnasiums Neufeld hätten den gleichen Test machen müssen, erzählt der Gymnasiast. Dass er danach ausgewählt wurde, mit einigen wenigen Schweizerinnen und Schweizern im Sommer ein Vorbereitungscamp zu besuchen, überraschte ihn. «Die Geografie allgemein gefällt mir sehr», sagt er. Der Unterricht in der Schule gefalle ihm weniger, denn er sei eher der Autodidakt.

Während einer Woche wurden die zwanzig Jugendlichen auf die Olympiade vorbereitet. Anfangs mussten die Schüler selbst eine Karte der Schweiz zeichnen. Diese Aufgabe ist Carlo am deutlichsten in Erinnerung geblieben. «Als Kind haben mich Karten immer fasziniert», erklärt er. Stundenlang habe er eine Karte studieren können, wenn er nicht gerade mit Freunden oder mit seinem Nintendo-Gameboy spielte. Heute treibt er aber lieber Sport, am liebsten Yoga oder Krafttraining.

Wurzeln in Guinea

Die Schweizer Karte ist ihm nicht schon seit Kindsbeinen vertraut, denn geboren und aufgewachsen ist Mühlemann in Guinea. Dass er erst seit vier Jahren in Laupen lebt, merkt man ihm überhaupt nicht an. «Als ich herkam, konnte ich kein Wort Deutsch.» Mit Händen und Füssen, Englisch und Französisch hat sich Carlo anfangs verständigt. Das sei in der Schule nicht immer einfach gewesen.

«Dadurch, dass ich beide Kulturen erleben konnte, fühle ich mich weltoffen.»Source

Obwohl sein Vater Deutschschweizer ist, redeten sie zu Hause immer Französisch – die offizielle Landessprache in Guinea. Ein Jahr brauchte er, um Hochdeutsch zu lernen. Heute spricht er auch fast akzentfrei schweizerdeutsch. Der Umzug sei schwierig gewesen, erzählt Carlo, aber heute sei er in der Schweiz glücklich. Obwohl die Leute in Guinea allgemein sehr offen und freundlich seien, wurden sie stets als «Europäer» ­betrachtet. In Bern habe er sich schnell integrieren können. Für ihn ist klar, dass seine Kindheit ihn sehr geprägt hat. «Dadurch, dass ich beide Kulturen erleben konnte, fühle ich mich welt­offen.»

Dass seine Familie 2014 in die Schweiz zog, sei für sie die beste Entscheidung gewesen. «Das Studium in der Schweiz ist besser.» Er weiss zwar noch nicht genau, was er einmal werden möchte, ein Geografiestudium könnte er sich zumindest vorstellen. «Ich will später auf jeden Fall selbstständig sein», sagt er ohne zu zögern.

Von insgesamt 16 Schülern, die an der nationalen Geo-Olympiade teilnahmen, schnappte Mühlemann sich den ersten Platz. Er habe zwar erwartet, unter den besten fünf zu sein, sagt er im Nachhinein. «Aber gleich den ersten Platz zu be­legen, das war doch überraschend.»

Nicht nur Geografie

Ist es nicht widersprüchlich, dass er an der Schweizer Wissenschafts-Olympiade für Geografie gewinnt, während ihm das Schulfach oft uninteressant erscheint? Bei der Olympiade sei es zwar hauptsächlich um Geografie gegangen, erklärt Carlo, aber auch vernetztes Denken sei verlangt worden. Bei einer Aufgabe beispielsweise bekamen die Schüler eine Karte von Europa, auf der mit Pfeilen die Ölexporte dargestellt waren. Carlo sollte anhand dieser Markierungen Vor- und Nachteile für gewisse Länder aufzeigen. Durch den Ölexport könne beispielsweise Russland die Politik des jeweiligen Importlandes beeinflussen, erklärt er. Und nicht nur Denkart, auch die Schnelligkeit des Denkens war stets eine Herausforderung. Für die letzte Aufgabe habe er nur noch vier Minuten Zeit gehabt.

Besonders gefallen hat ihm die Feldarbeit in der Berner Matte. Nur mit einer Naturgefahrenkarte bewaffnet musste er mit den restlichen Teilnehmern abschätzen, wie oft und wie stark gewisse Gebäude geflutet werden könnten. «Es war spannend, nach Schutzmassnahmen zu suchen.» Diese und weitere Aufgaben hat Carlo so gut gemeistert, dass er sich für den internationalen Wettbewerb in Hongkong qualifiziert. «Mein Vater hat Luftsprünge gemacht, als ich nach Hause kam.» Carlos breites Lächeln zeigt, wie stolz er ist. Auf China freue er sich – Freunde und Verwandte wollten ihn begleiten. Aufgeregt ist er nicht: «Wichtig ist mir, dass ich in Hongkong Spass habe.»

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