Wer am Weyerli wohnen darf

Bei der Überbauung des Areals Weyermannshaus West soll ein Wohnquartier mit Gewerbefläche entstehen. Doch die meisten der dort bestehenden Unternehmen haben im neuen Konzept keinen Platz.

Auf diesem gewerblich genutzten Areal in Weyermannshaus West in Bern soll ein neuer Stadtteil entstehen.

Auf diesem gewerblich genutzten Areal in Weyermannshaus West in Bern soll ein neuer Stadtteil entstehen.

(Bild: Matthias Nutt)

Calum MacKenzie@CalumMacKenzie0

Neben den Diskussionen um Tramstrecken nach Ostermundigen und neue Hochbrücken in Berns Norden geht ein signifikantes Berner Stadtentwicklungsprojekt oft vergessen: die Arealentwicklung Weyermannshaus West. Auf einem Gewerbeareal zwischen der Weyerli-Badi und dem Untermattquartier sollen 800 bis 1000 Wohnungen entstehen. Die Grundfläche des Areals ist mit 70 000 Quadratmetern nur wenig kleiner als das Neubaugebiet Viererfeld. Von der Überbauung erhofft sich die Stadt ein «attraktives und lebendiges Quartier». So hiess es an einer Medienkonferenz am Dienstagnachmittag, an der über den aktuellen Stand des Projekts informiert wurde.

Nach einem Studienauftrag hat sich ein städtebauliches Konzept durchgesetzt, das von einem Team um den Architekten Rolf Mühlethaler erarbeitet worden ist. Präsentiert wurde das Konzept von Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) sowie Führungspersonen der Grundeigentümer: Stefan Dürig, Geschäftsleiter Post Immobilien, und Bernhard Ludwig, Präsident der Burgergemeinde. Jetzt wird eine Planungsvorlage erstellt, über die das Stimmvolk voraussichtlich im Jahr 2021 abstimmen wird.

Danach würde das Areal Schritt für Schritt überbaut. Die Bauverträge mit den jetzigen Mietern laufen teilweise bis ins Jahr 2039. Zwar sollen rund 20 Prozent des neuen Quartiers als Gewerbefläche dienen. Die Karosseriewerkstätten, Maschinenbauer und Fahrschulen, die das Areal derzeit nutzen, haben jedoch in diesen Zukunftsplänen keinen Platz. «Die Projektleiter wollen Gewerbe, aber nicht das, was wir machen», sagt Peter Fritz, Geschäftsleiter der Gebäudehüllenspezialistin Bernaroof AG. Wegen des Lärms komme ihr Betrieb als Nachbar einer Wohnsiedlung nicht in Frage. «Man will wohl eher Bäckereien, Coiffeurläden und Büros», sagt Fritz.

«Nicht so einfach»

Durch Bernhard Ludwigs Worte dürfte sich Fritz bestätigt fühlen. «Fakt ist, dass sich mit der Stadtentwicklung das Gewerbe an den Stadtrand verlagert – vor allem das laute», sagt der Burgergemeindepräsident. Mit den Betroffenen stehe man aber in Kontakt und suche gegebenenfalls nach alternativen Standorten.

Für einige Gewerbler ist aber fraglich, ob dies gelingt. «Die Burgergemeinde will durchaus helfen», sagt Peter Steck von der Carrosserie Steck AG. «Es wird aber nicht so einfach, wie sie sich das vorstellt.» Er könne mit seiner Firma nicht einfach in eine andere Gemeinde ziehen: «Dort hat es bereits Karosseriebetriebe.» Einen neuen Standort auf Stadtgebiet zu finden, sei schwer. «Wir sind in einer unsicheren Situation.» Gewerbler sollten das Vorhaben aber nicht blockieren, sondern die Burgergemeinde beim Wort nehmen.

Modell des neuen Stadtquartiers – rechts unten das Weyerli-Bassin.

Rachel Picard von der Quartierkommission Bümpliz-Bethlehem (QBB) sieht im Projekt Potenzial: «Im anliegenden Untermattquartier hat es etwa keine Spielplätze», sagt sie. «Das neue Quartier könnte helfen, diese und andere Ansprüche zu erfüllen.» Es sei auch eine Gelegenheit, aus früheren Stadtentwicklungsprojekten zu lernen. Im Gegensatz zu Brünnen versuche man hier, Gewerbe und Wohnungen zu kombinieren. «Das fördert sicher die Belebung des Quartiers.» Trotzdem würden nicht alle davon profitieren. «Einige Gewerbebetriebe auf dem Areal werden zu den Verlierern gehören.» Deswegen wünscht sich Picard von der Stadt eine aktivere Gewerbepolitik. «Man muss sich überlegen, wo lautes Gewerbe Platz hat – nicht nur Beizen oder herzige Lädeli.»

Am Dienstag wurde das städtische Konzept auch den Anwohnern und Gewerblern vorgestellt. Laut Anwesenden kam es dabei zu hitzigen Diskussionen zwischen momentan auf dem Areal ansässigen Unternehmern und den Projektleitern. Anscheinend glauben nicht alle an die Unterstützungsangebote der Initianten. David Freidig ist Lehrer bei der Fahrschule Zytglogge.

Auf dem Areal betreibt die Schule einen Fahrhof, den sie von der Post mietet. «Man kann die Augen nicht vor dem Fortschritt verschliessen», sagt er. «Diese Entwicklung ist für uns auch nicht der Weltuntergang.» Die Erklärungen der Initianten kommen für ihn jedoch einer Farce gleich. «Sie sagen, sie unterstützten das Gewerbe, aber für uns ansässige Gewerbler stellen sie keinen anderen Standort in Aussicht.»

Der Bund

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