Wenn schon Velooffensive, dann richtig

Der weltweite Veloboom hat die Ausgangslage im Stadtberner Velokonzept verändert. Diese müsste neu ausgelotet werden.

Der Veloverkehr in Bern soll sich bis 2030 verdoppeln.

Der Veloverkehr in Bern soll sich bis 2030 verdoppeln. Bild: Franziska Rothenbühler

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Ursula Wyss ist eine Schlaumeierin. Die Signale der Berner Verkehrsdirektorin an die zahlreichen neuen privaten Firmen, die nun in Bern Velos verleihen möchten, zeugen zwar von pragmatischer Kulanz. Dennoch will die SP-Magistratin am Donnerstagabend vom Stadtparlament das Okay für die rund zwei Millionen Franken, die es braucht, um vorerst das städtische Veloverleihsystem von Publibike in der Bundesstadt installieren zu lassen.

Um ihre Velooffensive vorwärtszubringen, wollte die Stadt ohnehin nur auf die Post-Tochter setzen. Im Gegensatz zur Stadt Zürich, wo um ein Veloverleihsystem jahrelang juristisch gestritten wurde, ging die ganze Sache in Bern ja vergleichsweise geordnet und fast wie geschmiert über die Bühne. Nun macht ausgerechnet der weltweite Veloboom den lokal geplanten rot-grünen Regulierungen einen Strich durch die Rechnung.

Konsequenterweise müsste die Stadt heute einen vorübergehenden Marschhalt beschliessen. Zumindest wäre es sinnvoller, die privaten Anbieter im Verleihkonzept besser zu berücksichtigen, die Chancen und Risiken abzuwägen, ja die Ausgangslage insgesamt neu zu analysieren und dem Stadtparlament einen aktualisierten Vorschlag zu unterbreiten – allenfalls gar in redimensionierter Form. Da sich die Ausgangslage seit der Ausschreibung des Veloverleihsystems geändert hat, wäre es ungeschickt, einem einzigen Projekt bereits jetzt so viel Priorität einzuräumen.

Denn wer eine Velooffensive ausruft, kann nicht ernsthaft Entwicklungen bremsen, die dieses Ziel geradezu exemplarisch erreichen könnten: Mehrere Veloverleiher helfen der Bundesstadt, ihren Plan umzusetzen, bis 2030 den Veloverkehr zu verdoppeln. Zudem: Ohne dass bereits ein Velo ausgeliehen worden wäre, hat der Druck der Privaten schon gewirkt. Nun prüft auch Publibike nicht nur fixe Standorte, sondern – wie die umstrittene O-Bike – auch das viel flexiblere Free-Floating-System für Bern.

Gut ist, dass Wyss von den Erfahrungen aus Zürich profitieren kann, um den dort missglückten Markteintritt von O-Bike in Bern in geordnetere Bahnen zu lenken. Denn ohne vernünftige Rahmenbedingungen ist ein freier Wettbewerb tatsächlich nicht möglich. Chaotische Velohaufen, die überall in Bern rumliegen, will niemand. Risiken will die Stadt mit den Anbietern denn auch abklären.

Kommt am Schluss das städtische Veloverleihsystem gar billiger zu stehen, bleibt Bern mehr Geld für Investitionen in Vorhaben, die für die Velofahrer effektiv spürbar sind: Bessere Velowege, breitere Spuren, sicherere Verbindungen und Kreuzungen. Welches Verleihsystem Bern auch immer haben wird, ohne optimales Streckennetz nützen noch so viele Velos nichts.

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Erstellt: 19.10.2017, 06:49 Uhr

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