Wenn ein Preis sich als Bumerang entpuppt

«Bund»-Redaktor Bernhard Ott über Reden, die Gräben im Stadtrat überwinden oder zumindest für politische Verwirrung sorgen.

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Melanie Mettler ist die beste Rednerin im Berner Stadtrat. Dies zumindest ist die Meinung von Ratspräsident Christoph Zimmerli (FDP) und Ratssekretär Daniel Weber. Sie haben die GLP-Fraktionschefin mit dem Cicero-Preis prämiert. Der Preis wird in Anlehnung an den römischen Staatsmann Marcus Tullius Cicero verliehen. Der Preis besteht aus einem Exemplar des Werkes «De re publica» (Vom Gemeinwesen) und einer Schoggi. Mettler wurde wegen ihrer Grundsatzreferate bei der Beratung des Budgets und der Legislaturrichtlinien ausgezeichnet. Die Rede zum Budget beginnt mit den Sätzen: «Es geht uns wahnsinnig gut im schönen Bern. Wir haben uns an einen äusserst hohen Lebensstandard gewöhnt. Das ist auch ein grosser Verdienst der langen Vorherrschaft der RGM-Parteien.»

Moment mal: Da wird also eine Mitte-Politikerin von einem freisinnigen Ratspräsidenten für eine Lobeshymne auf Rot-Grün-Mitte geehrt? Bahnt sich hier eine untergründige Aufweichung der tiefen politischen Gräben in der Bundesstadt an? Oder wollte Zimmerli der am linken GLP-Flügel politisierenden Mettler nahelegen, ins Lager von RGM zu wechseln? Was geschieht dann aber mit der Mitte, die ohne Führungsperson ihre Mitte verlieren könnte?

Diese Befürchtungen sind zum Glück unberechtigt. Denn gegen Ende ihrer Rede kommt Mettler doch noch auf ihr Lieblingsthema Steuersenkung zu sprechen. Es sei «ein Hohn», wenn eine moderate Steuersenkung mit dem Argument des Investitions- und Sanierungsrückstaus «abgeschmettert» werde. Und gleichzeitig zusätzliche Konsumausgaben beschlossen würden. Schliesslich bezichtigt Mettler RGM gar der «Gier nach mehr».

Diese Argumentationslinie hat der Jury wohl gut gefallen. Auch die Klage darüber, dass das Wort «Wirtschaft» in den Legislaturrichtlinien des Gemeinderats ganze sieben Mal vorkommt, dürfte Wirtschaftsanwalt Zimmerli aus dem Herzen gesprochen haben. Ganz sicher ist aber auch das nicht. Denn Mettler hat «De re publica» von Cicero jüngst «endlich ausgemistet», wie sie auf Anfrage sagt. Nun hole sie das Werk «wie ein Bumerang» wieder ein. Es könnte also auch sein, dass der «Bumerang» Zimmerlis Kommentar zu Mettlers RGM-Lob ist. (Der Bund)

Erstellt: 11.12.2017, 06:46 Uhr

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