Wenn der Motor die Arie begleitet

Am Wochenende wurde der Kubus auf dem Waisenhausplatz eröffnet. Man muss nicht in der Ersatzspielstätte des Stadttheaters Platz nehmen, um zu hören, was aufgeführt wird.

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Sophie Reinhardt@sophiereinhardt

Auf dem Waisenhausplatz erklingen ganz neue Töne. Denn an diesem Wochenende hat der Kubus, das Provisorium des Berner Stadttheaters, auf dem Platz seinen Betrieb aufgenommen. Doch die Klänge der abendlichen Eröffnungsshow verhallten am Samstag nicht im Inneren des Würfels: So blieben verschiedene Nachtschwärmer auf ihrem Weg in die Aar­bergergasse überrascht stehen, als die Stimme der Mezzosopranistin Claude Eichenberger auch auf dem Waisenhausplatz leise ertönte.

Denn aus dem optisch an das Theater erinnernden Klotz drangen Stimmen, Applaus und auch das Brummen der Tuba der Brassband auf den Platz hinaus. Gleichzeitig drängte das Berner Nachtleben auch auf die Bühne: Das Aufheulen des Motors eines aufmüpfigen Autofahrers in der Speichergasse war im Kubus hörbar – und zwar just zu dem Zeitpunkt, als auf der Bühne in Dürrenmatts «Das Versprechen» die kleine Gritli Moser von ­ihrem Mörder aus seinem Auto heraus angesprochen wird.

So klingt es auf dem Waisenhausplatz, wenn drinnen im Theater-Kubus Mezzosopranistin Claude Eichenberger aus vollem Halse singt:

Während die Berner Passanten verwundert den in der Nacht beleuchteten Klotz betrachteten, eilten Servicemitarbeiter von den benachbarten Restaurants Luce und Il Grissino in den Kubus und zurück. «Wir haben einen sportlichen Job», sagte die junge Serviererin. Das Catering im Foyer des Theater-Kubus haben die beiden anliegenden Restaurants übernommen. Und weil das Provisorium nur wenig Stauraum hinter der Bar bietet, müssen die Mitarbeiter den Nachschub aus ihren Restaurants laufend besorgen. Als die Servicemitarbeiter mit Weinflaschen und Platten mit Bruschettas über die Strasse balancierten, stauten sich knapp 500 Besucher der Eröffnungsshow bis auf den Platz hinaus.

Die Restaurantinhaber Stevo Nilovic und dessen Bruder hatten einst befürchtet, dass der Schatten des elf Meter hohen Kubus die Gäste auf der Terrasse der Restaurants vertreiben würde, und mit einer angedrohten Einsprache gar das Kubus-Projekt gefährdet: «Ich hatte schon schlaflose Nächte, weil ich mir um den Betrieb Sorgen machte», sagte Stevo Nilovic. Doch die Ängste sind verflogen: Am Wochenende stand er persönlich hinter der Foyer-Bar. «Ich bin mehr als zufrieden», bilanzierte er gestern und eilte gleich persönlich mit einem kleinen Milchkännchen vom Restaurant in den Kubus, weil einer der kleinen Gäste sich ein Glas Milch wünschte.

Kinderschminken am Sonntag Gestern war der Kubus fest in Kinderhand. Während Popcorn- und Zuckerwattegeruch in der Luft lagen, bastelten Sprösslinge am «Familienfest» das Bühnenbild zu «Ferdinand der Stier» fertig. Später lauschten sie auf bunten Kissen sitzend dem Ritter Odilo oder liessen sich von den Maskenbildnern des Theaters schminken. Vor dem Kubus stauten sich derweil die Kinderwägen, während die Kinder sich bei schönstem Wetter auf dem Waisenhausplatz im Riesen­seifenblasen-Machen versuchten.

In den nächsten acht Monaten wird der Kubus die Ersatzspielstätte von Konzerttheater Bern sein. Mehr als 80 Veranstaltungen aller Sparten, Vorstellungen und Konzerte, sind geplant. Denn Anfang März sind im Stadttheater die Baumaschinen aufgefahren. Bei den Renovierungsarbeiten werden unter anderem der Zuschauerraum und die Bühnentechnik erneuert. Für die Sanierung muss ein Kostendach von 43,3 Millionen Franken eingehalten werden. Die Ausgaben für den Kubus sollen mit 1,8 Millionen Franken zu Buche schlagen. Während der Theatersommerpause wird der Würfel dann zur Public-Viewing-Zone der Fussball-Europameisterschaft.

Der Bund

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