Weniger Tierversuche dank Uni-Bern-Forscher

Tierpathologe Sven Rottenberg sind Fortschritte bei der Krebsforschung gelungen – dank «Organoiden».

Dank der neuen Technologie könnten Tierversuche «deutlich reduziert» werden.

Dank der neuen Technologie könnten Tierversuche «deutlich reduziert» werden. Bild: Robert F. Bukaty/AP Photography

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Professor Rottenberg, was genau ist ein Organoid?
Das Wort bedeutet «organähnlich». Vor etwa zehn Jahren haben niederländische Forscher eine Technologie entwickelt, mit der man aus einzelnen Darmstammzellen in der Petrischale kleine Versionen dieses Organs, Mini-Därme sozusagen, wachsen lassen konnte. Dieses Verfahren haben wir nun in Zusammenarbeit mit dem niederländischen Krebsforschungszentrum auf Brustkrebszellen angewandt.

Worin bestehen die Fortschritte bei der Forschung an der Uni Bern?
Mithilfe dieser Methode können wir jetzt Brustkrebs exakter in der Petrischale nachbilden. Man entnimmt der Patientin Krebszellen und lässt diese in vitro wachsen. Im Unterschied zu bisherigen Zellkulturen, welche nur flach wuchsen, wachsen diese in alle Richtungen. Somit entsprechen die künstlichen Tumore besser den Tumoren der jeweiligen Patientin. Die Organoide können wir auch genetisch modifizieren. So können wir die Therapieresistenz untersuchen.

Wie entsteht so eine Resistenz?
Das ist häufig nicht so klar. Meistens ist sie aber auf genetische Besonderheiten der Tumorzellen zurückzuführen. Es gibt verschiedene Resistenzarten. Manchmal reagiert ein Patient von Anfang an nicht auf eine Therapie, manchmal entwickelt sich die Resistenz im Verlauf der Behandlung. Bei unseren verschiedenen Versuchen mit den Brustkrebs-Organoiden wollen wir erforschen, welche Gene für die Resistenz verantwortlich sind. Wenn wir vermuten, dass ein bestimmtes Gen die Therapie behindert, können wir es ausschalten und schauen, wie sich die Therapie danach entwickelt.

Was hat das mit Tierpathologie zu tun?
Es gibt verschiedene Tiermodelle, um Resistenzmechanismen bei Brustkrebs zu untersuchen. Ein Modell ist, dass die menschlichen Tumorzellen dabei direkt vom Patienten in Mäuse transplantiert werden. Mit vermehrten Versuchen an Organoiden werden Versuche an Tieren weniger oft nötig sein. Bei einigen Tumoren gibt es zwar noch unbekannte Faktoren, welche wir mit den jetzigen Organoiden noch nicht ausreichend modellieren können. Wir hoffen aber, dass dank der Organoide die Tierversuche deutlich reduziert werden können.

Was bedeutet die neue Technologie für die Krebsforschung?
Die grösste Hoffnung ist, dass wir die Resistenzmechanismen besser kennen lernen. Die Krebsresistenz ist ein riesiges Puzzle, und mit der Organoidenforschung können wir die Puzzlesteinchen erkennen, sie auswerten und neue Therapieansätze suchen. Wenn wir genauer wissen, welche Gene die Resistenz verursachen, kann man neue Medikamente entwickeln, die gezielt diese Gene blockieren. So wird die Krebstherapie hoffentlich noch erfolgreicher.

Ist das ein Schritt in Richtung komplette Heilbarkeit des Brustkrebses?
Die Resistenz gegen alle verfügbaren Krebstherapien ist die häufigste Todesursache von Krebspatienten mit metastasierten Tumoren. Wenn wir die Mechanismen besser verstehen, kann dies sicher nützlich sein, um neue Therapieansätze zu finden oder um die bestehenden Therapien zu verbessern. Ich möchte aber niemandem falschen Hoffnungen machen. Es ist noch ein langer Weg, um eine komplette Heilung von metastasiertem Brustkrebs zu erreichen.

Professor Sven Rottenberg ist Leiter des Tierpathologischen Instituts an der Universität Bern (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.12.2017, 16:59 Uhr

Sven Rottenberg ist Professor am Institut für Tierpathologie an der Universität Bern.

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