Weitläufige Wut

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann erlebt in der Stadt Bern Wutbürgertum.

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Martin Erdmann@M_Erdmann

Wenn der Ton die Musik macht, dann wehte uns vergangene Woche vom Viktoriaplatz ein Trauermarsch entgegen. Denn dort wurde zwischenzeitlich etwas Menschlichkeit zu Grabe getragen. Einige Anwohner wollen lieber ihre Ruhe, als dass der Innenhof des anliegenden Asylzentrums unter anderem als Spielplatz genutzt werden darf. Aus wutbürgerischer Sicht ist das völlig verständlich. Spielplätze ziehen unweigerlich Kinder an und diese können beim durchschnittlichen Wutbürger schnell einmal die Stirnadern hervortreten lassen.

Wie soll man denn bitte bei diesem kindlichen Radau genügend Konzentration aufbringen können, um erzürnte Kommentare unter Artikel von Onlinezeitungen zu schreiben? Aber halt, es kommt ja noch schlimmer. Schliesslich sollen in diesem Innenhof nur ausländische Kinder spielen. Der Wutbürger an sich dürfte sich nun fragen, ob die Ausländer ihm nach den Arbeits- nun auch noch die Spielplätze wegnehmen.

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Solche Chosen sind natürlich gleichermassen mühsam wie peinlich. Was dabei aber oft vergessen geht, ist, dass der Wutbürger der Gesellschaft einen grossen Dienst erweist. Er sorgt nämlich dafür, dass diese zusammenrückt. Der Wutbürger ist quasi der Klebstoff, der das gesellschaftliche Leben zusammenleimt. Denn bekanntlich ist das stärkste Band der Freundschaft ein gemeinsamer Feind. Der wird im Wutbürgertum immer wieder gefunden und in diesem Fall erfolgreich in die Flucht geschlagen.

Der solidarische Aufschrei aus der Bevölkerung war gross und nun können sich alle gegenseitig auf die Schultern klopfen, im Wissen diese Welt, beziehungsweise diesen Innenhof, zu einem besseren Ort gemacht zu haben. Wutbürger sind also gewissermassen Bakterien, die das Immunsystem der Öffentlichkeit am Laufen halten und dafür sorgen, dass die Gesellschaft nicht krank wird.

Nun ist man ja aber als progressiver Mensch der Reflexion verpflichtet, die einem unweigerlich die Frage aufdrängt, ob man eigentlich nicht auch selber etwas Wutbürger ist, wenn auch auf der anderen Seite des Grabens. Schliesslich ist Empörung ein Phänomen, das in allen Gesellschaftsschichten und politischen Lagern etwa gleichermassen in Erscheinung tritt.

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Wenn wir ehrlich sind, regen wir ?uns doch beinahe über alles auf, was uns so über die Netzhaut huscht. Verspätete Trams, Werbeplakate für Unterwäsche, Kleidung für Hunde, Autofahrer, Vegetarier, das Fernsehprogramm, Kleinkunst, Ladenöffnungszeiten, Erich Hess, Laubbläser und selbst triviale Dinge wie das Wetter lassen unseren Puls immer wieder in die Höhe schnellen. Aber das muss nicht unbedingt schlecht sein. Lieber etwas Wut im Bauch als Hass im Herzen.

Sich über etwas aufzuregen, kann doch ganz schon aufregend sein und sogar Spass machen. Wie man das tut, ist jedoch eine Stilfrage. Gegen alles Einsprache zu erheben, das die eigenen Nerven nur im Geringsten tangieren könnte, ist jedenfalls nicht gerade nobel.

Martin Erdmann ist «Bund»-Onlineredaktor und noch etwas zu jung und zu wenig verbittert, um Wutbürger zu sein.

www.derpoller.derbund.ch

Der Bund

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