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Weisser Rausch und lebendige Bowlingkugeln an der Kilbi

Die Bad Bonn Kilbi zu Düdingen ist eine Art Forschungsabteilung des Schweizer Festival-Sommers. Hier spielt die Musik meist abseits des Naheliegenden. Die 20. Ausgabe war eine besonders kostbare und nachhaltig verstörende.

Zwischen Pop und Avantgarde: Die Gruppe Yeasayer aus New York sorgte für eine von vielen Irritationen an der 20. Bad Bonn Kilbi. (Manuel Gnos)
Zwischen Pop und Avantgarde: Die Gruppe Yeasayer aus New York sorgte für eine von vielen Irritationen an der 20. Bad Bonn Kilbi. (Manuel Gnos)

Und plötzlich kommt ein Asiate geflogen. Besser gesagt: Er kommt angerollt, als lebendige Bowlingkugel, in hautengem Science-Fiction-Kostüm und signalfarbener Perücke. Er gehört zur Gruppe Peelander-Z, einer aufgeweckten Japanerschaft, die mit der Mission, den Menschen unter vollem Körpereinsatz den primitiven Punkrock um die Ohren zu schlagen, angereist ist – Nebenwirkungen wie Selbstverletzungen oder Massenhysterie nimmt diese Band in jeder Minute ihres Auftritts in Kauf. Wir sind in Düdingen, am Festival, an dem alles möglich ist – alles, ausser dem allzu Naheliegenden. Und was aussieht wie eine Mischung aus «Takeshi’s Castle» und einer asiatischen Fantasy-Abenteuer-Punk-Show, ist der Auftakt zum Festival-Freitag, dem eigentlichen Flegeltag der 20. Bad Bonn Kilbi.

Ein gebräuchliches Open Air funktioniert nach der Logik, dass die Festival-Tage stilistisch so gut es geht aufeinander abgestimmt sind. An der Bad Bonn Kilbi gibt es diese Logik nicht. Der durchschnittliche Bad-Bonn-Modellathlet ist erst dann richtig froh, wenn ihm ein gebührend Mass an Überraschung und Extravaganz unterbreitet wird. Die bekommt er am Flegel-Freitag denn auch geboten. Zum Beispiel vom brenzligen Trio Wolf Eyes, dessen intensiver Brachial-Industrial sich am Ende des Auftritts in eine Wand aus weissem Rauschen auflöst; die Summe aller Frequenzen als Quintessenz einer verstörenden, zeitweise packenden Lärm-Orgie aus Synthesizer, Gitarre und Geschrei. Das ist bloss die Ouvertüre zu einer Konzertnacht, die in ganz anderer Hinsicht verstörend weitergeht.

Kosmische Bequemheit

Das Sun Ra Arkestra hat sich auf der Hauptbühne aufgestellt, mitsamt Glitzerkostümen und Blechinstrumenten. Es handelt sich dabei um die Erbverwalter des 1993 verstorbenen Kosmik-Jazzers Sun Ra. Ein Frohnatur war auch er nicht: «Wenn ich mich der Aufgabe, diesen Planeten zu erhellen, entziehen kann, werde ich das mit dem grössten Vergnügen tun und die Menschen in ihrer Dunkelheit, ihrer Ignoranz allein lassen», hat das geistige Oberhaupt des Sun Ra Arkestras einst bemerkt. Doch zunächst fällt primär der angeheuerte Tontechniker durch Ignoranz auf. Er ist ein halbes Konzert lang damit beschäftigt, herauszufinden, dass ein Grossteil der Mikrofone stummgeschaltet sind, und so bleibt dem Publikum ein beträchtliches Stück dieses Musik-Abenteuers vorenthalten. Ein Abenteuer, das indes weniger intergalaktisch anmutet als erwartet. Zwar ist allen voran der 86-jährige Bandleader Marshall Allen dafür besorgt, der Musik mittels kantiger Altsaxofon-Vorstösse oder kraft seines Akai-Weltraumsaxofons extravagante Konturen zu verschaffen. Doch neben ungestümen Free-Jazz-Attacken und neckischen Afro-Soul-Einschüben spielt sich die Musik des Arkestras immer wieder in bequemen Big-Band-Jazzmustern ab, hinter welchem immerhin stets ein unberechenbarer Unruheherd loht. Vielleicht war dieses Sun Ra Arkestra mit ein Grund dafür, dass die Kilbi 2010 mit der Gruppe Hot Chip einen veritablen Headliner zu verzeichnen hat. Lange waren die Londoner als Edel-Act des Gurtenfestivals vorgesehen, doch sie zogen es vor, statt neben den Babyshambles neben diesem wunderlichen Jazzorchester aufzutreten. Sänger Alexis Taylor hat sich denn auch zur Feier des Tages ein Sun-Ra-T-Shirt übergestreift, und auf einmal tanzt da selbst der eher tanzmuffelige Bad-Bonn-Modellathlet ekstatisch vor der Festzelt-Bühne. Das Konzert der Engländer wird zum Triumph. Das erstaunt deshalb, weil während ihres stündigen Sets wiederholt und ganz mächtig die Kitsch-Warnglocken schellen. Hot Chip spielen ein atemloses Disco-Set, das neben dringlichen und quasi-avantgardistischen Phasen immer wieder in schmierige Achtzigerjahre-Synthie-Pop-Larmoyanz abirrt, doch vermutlich ist es genau dieses Schlenkern zwischen Genie und Geschmacklosigkeit, das die Spannung bis zur letzten Minute aufrechterhält. Und als sich gegen Ende des Sets noch drei Abgesandte aus der Sun-Ra-Arkestra-Galaxie zum Jam dazugesellen, ist auch der hartnäckigste Skeptiker versöhnt, auch wenn die Irritierung ob dieser Band nicht gänzlich aus der Welt ist. Ein ähnliches Konzept verfolgt die Gruppe Yeasayer aus New York. Durch ihre Musik geistert temporär der eklektische Geist der Talking Heads, der indes immer wieder verscheucht wird von schnulzigem Disco-Pop und Entleihungen aus dem afrikanischen Zouk. Auch hier entsteht Irritation, obzwar das Spannungsfeld, auf dem die Amerikaner musizieren, mit weniger Energie gespeist ist, als dies bei Hot Chip der Fall ist.

Im roten Bereich

Irritierend ist auch das mit Neugier erwartete Gipfeltreffen der Schweizer Musik-Avantgarde: Die Elektro-Rock-Pioniere The Young Gods und die Impro-Alphatiere Koch/Schütz/Studer zetteln eine Kollektivimprovisation an, die sich grösstenteils im roten Noise-Bereich abspielt. Neben Doppelschlagzeug, Doppelgitarre und allerhand Tiefton-Elektronik bleibt eher wenig Raum für Magie – zuweilen gemahnt das Geschehen an Musik gewordenen Ausdruckstanz – und doch bleiben die dringlichen Momente auch bei diesem Auftritt nicht aus.

Zu einem Fernduell in der Disziplin des Krautrocks kommt es zwischen dem All-Star-Trio Rother/Shelley/Mullan und dem Trio Beak. Während die Supergruppe um den Sonic-Youth-Schlagzeuger Steve Shelley sich in ihrem Instrumental-Set darauf beschränkt, repetitive Bass-Schlagzeug-Patterns mit dezent eingestreuter Melodik zu kombinieren (und damit durchaus Sogwirkung erzielt), verzichten Beak auf jegliche Krautrock-Werktreue. Am Schlagzeug sitzt mit Geoff Barrow die männliche Hälfte der Gruppe Portishead. Und er, der einst angab, am Tourleben nicht mehr sonderlich interessiert zu sein, weil seine Portishead-Sirene Beth Gibbons so leise singe, dass sie jeweils eine eigene Beschallungsanlage brauche, sitzt in Düdingen mit sichtlichem Spass hinter seinem Schlagzeug. Bei Beak übernimmt er die Gesangsparts selber, er tut dies ähnlich leise, aber weit weniger subtil als seine Portishead-Gespielin. Seine Stimme wird zusätzlich von einer bejahrten Echomaschine verfremdet, was im Verbund mit knackigen Basspatterns, schnörkelloser Rhythmik und aufbrausender Gitarre eher Erinnerungen an den New Wave der Achtzigerjahre und an Bands wie Chrome oder Suicide weckt als an irgendwelche deutsche Elektrorock-Pioniere. Beak vereinen in ihrem stündigen Set all das, was die Bad Bonn Kilbi 2010 musikalisch prägt: Da wird Organisches mit Elektronischem kombiniert, da erwächst Zauber aus der Monotonie, da wird in der Vergangenheit geschürft, um Aktuelles zu schaffen, da entsteht Musik, die fordernd ist und doch immer wieder das Belohnungszentrum füttert.

Weniger gut gelingt all dies den deutschen Diskursrockern Tocotronic. Während ihres Auftritts klinkt sich die französischsprechende Besucherschaft bald kollektiv aus, was zur Erkenntnis führt, dass vom Diskursrock nichts übrig bleibt als Rock, wenn man den Diskurs nicht versteht. Und im Falle von Tocotronic ist dieser Rock zu beliebig, als dass er für sich alleine funktionieren könnte. Und dann war da ja noch der Auftritt von Aphex Twin, einer der wenigen Heldenfiguren, welche die elektronische Musik hervorgebracht hat. Der Ire würde sich in diese Geschichte schlecht einfügen, wenn auch er nicht für Verwirrung sorgen täte. Sein DJ-Set samt Laser-Show unterscheidet sich in der ersten halben Stunde nämlich nicht wesentlich von dem, was heute in Sachen Trance-Musik in einschlägigen Grossraumdiskotheken geboten wird. Nachdem erste Missmutsbekundungen aus dem Publikum zu vernehmen sind, besinnt sich Aphex Twin auf seinen Status als finsterer Avantgarde-Frickler, sein Set gewinnt an Lautstärke, Vehemenz und Raffinesse und gipfelt in einem packenden abstrakten Drum-’n’-Bass-Gewitter.

Zu diesem Zeitpunkt muss eine Bewohnerin in einer sechs Kilometer entfernten Siedlung den Entschluss gefasst haben, dem schlafraubenden Irrsinn ein Ende zu bereiten. Sie macht sich auf nach Bad Bonn, marschiert durch alle Sicherheitskontrollen auf die Bühne zu, wo gerade der englische DJ Luke Vibert seiner Arbeit nachgeht. Die Nachtruhegestörte erklimmt die Bühne, fahndet nach der Quelle des Lärms und schaltet dem verdutzten DJ kurzerhand den Laptop aus. Es lebe die Bad Bonn Kilbi – nach dieser Prachtsaugabe unbedingt für die nächsten 20 Jahre!

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