«Weiss nicht, was gebastelt wurde»

Ein Mann findet wegen starker Schmerzen im Genitalbereich heraus, dass er intersexuell ist. Nach der Geburt wurde er wegen uneindeutigen Geschlechts ohne Wissen der Eltern operiert.

Zwischen den Geschlechtern: Für Stephan Borer aus Biel ist das eine Selbstverständlichkeit.

Zwischen den Geschlechtern: Für Stephan Borer aus Biel ist das eine Selbstverständlichkeit. Bild: Franziska Rothenbühler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor sechs Jahren fingen die gesundheitlichen Probleme an, unerträglich zu werden: Epilepsie, Ohnmachtsanfälle und Schmerzen im Genitalbereich. In der Blase spürte der 57-jährige Stephan Borer ein Brennen, Jucken und Beissen. Was schleichend begonnen hatte, nahm immer stärkere Ausmasse an. «Irgendwann war das Leben nicht mehr lebenswert», sagt Borer. Er begann zu recherchieren. Nach und nach wurde dem Seeländer klar, dass die gesundheitlichen Beschwerden auf Operationen in seiner frühen Kindheit zurückgingen. «Ich weiss nicht, was damals alles gebastelt wurde», sagt er. Borer ist intersexuell. Nach seiner Geburt 1961 in Biel konnte der Arzt an seinem Geschlechtsteil nicht eindeutig erkennen, ob es ein Bub oder ein Mädchen ist. «Die Hebammen und die Ärzte haben wohl ausgejasst, welches Geschlecht am besten zu mir passt.» Es wurden mehrere Operationen durchgeführt, ohne dass sie medizinisch notwendig gewesen wären – damit er sich einmal in die Gesellschaft einfügen könne. «Den Eltern haben die Ärzte gesagt, es sei ein Leistenbruch, den man habe operieren müssen.»

Freunde begingen Suizid

Borer, der Lederstiefel trägt, nippt an seinem Prosecco. Er hat die Beine übereinandergeschlagen. Solche Stiefel trägt er, seit er 20 Jahre alt ist. Einmal im Monat findet in der Villa Stucki beim Berner Eigerplatz ein Treffen statt, an dem Transmenschen zusammen zu Mittag essen: der Berner Trans-Stammtisch.

Da es in der Deutschschweiz keinen Treffpunkt für intersexuelle Menschen gibt, kommt er hierher, um Gleichgesinnte kennen zu lernen. Kennt er noch andere? Die einzigen Intermenschen, die er kenne, «sind bereits im Himmel», wie er sich ausdrückt. In seiner Kindheit hatte er einen Freund, der als Neunjähriger im zehnten Stock aus dem Fenster fiel. Heute ist Borer überzeugt: Der Freund, den er von ärztlichen Untersuchungen her kannte, hatte Suizid begangen, weil er als Zwitter nicht mehr weiterleben wollte. Kurz darauf habe noch ein zweites Kind sein Leben ähnlich tragisch beendet. Und ein dritter Freund habe sich mit 30 Jahren das Leben genommen. Das Umfeld kenne den wahren Grund für den frühen Tod seiner drei Freunde nicht.

«Hatte noch nie Sex»

Was seinen Körper angeht, habe es für ihn immer viele Fragezeichen gegeben. «Ich hatte in meinem Leben noch nie Sex», sagt Borer. Früher habe er nicht gewusst, warum es bei ihm «nicht funktioniert». Auch Selbstbefriedigung gebe es nicht. Einen Orgasmus habe er noch nie gehabt. Die Operationen haben die schönste Nebensache der Welt für ihn unmöglich gemacht. Auch bei vielen anderen Betroffenen bereiten die operierten Geschlechtsorgane Schmerzen und verunmöglichen ein Sexualleben.

Der Esssaal in der Villa Stucki füllt sich. An anderen Tischen nehmen schwule Männer Platz, um mit Freunden zu essen. Borer sagt, Kinder müssten bereits in der Primarschule über Geschlechtervielfalt informiert werden. «Ich bin schockiert, wie wenig die Menschen über das Thema wissen.» An der Bushaltestelle sei er von Teenagern einmal gefragt worden, ob er schwul sei. Auch im Medizinstudium müsse Intersexualität einen höheren Stellenwert bekommen: «Intermenschen werden medizinisch nicht ernst genommen.» Er habe einen Irrlauf hinter sich, der in seiner Kindheit «bei den Dorfärzten» angefangen habe.

Fände er die Einführung eines dritten Geschlechtseintrags, wie sie in Deutschland verlangt wurde, für die Schweiz eine gute Idee? Borer glaubt nicht, dass dies stigmatisierend sein könnte. Vor allem aus medizinischen Gründen würde er ein drittes Geschlecht begrüssen. Wenn es neben «männlich» oder «weiblich» auch ein X gäbe, müssten die Ärzte umdenken. Er glaubt, dass bis heute ohne medizinische Notwendigkeit Operationen an intersexuellen Kindern stattfinden. Es heisse dann: «Das Mädchen hat eine zu grosse Vagina, man muss das zurückmachen.» Borer fordert, dass dies nicht mehr geschehen dürfe.

Intermenschen früher vielerorts verehrt

Für Borer klingt es wie Hohn, dass Intersexualität im Jahr 2018 von der Weltgesundheitsorganisation WHO noch immer als Krankheit eingestuft wird. Krank gemacht hätten ihn einzig die unnötigen Operationen. Er hat herausgefunden, dass zwischengeschlechtliche Menschen früher vielerorts verehrt worden sind. Das Allgemeine Preussische Landrecht habe es ihnen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts freigestellt, sich ab dem vollendeten 18. Lebensjahr für das männliche oder für das weibliche Geschlecht zu entscheiden. Bis dahin konnten die Eltern entscheiden, ob sie ihr Kind als Bub oder Mädchen erziehen.

Die Kellnerin in der Villa Stucki bringt das Dessert. «Ich plane eine Selbsthilfegruppe zu gründen», kündigt Borer an. Die Villa Stucki sei für ihn der Ausgangspunkt. (Der Bund)

Erstellt: 24.02.2018, 08:02 Uhr

«Noch immer viele Operationen»

Seit den 1960er-Jahren wurden Kinder mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen auch ohne medizinische Notwendigkeit nach der Geburt operiert, um ihnen ein Geschlecht zuzuweisen. Ob dies immer noch geschieht, ist umstritten. Beim Inselspital hiess es auf Anfrage, man könne nicht mit Sicherheit sagen, wann die medizinische Praxis geändert habe, da die entscheidungsverantwortlichen Fachpersonen inzwischen verstorben seien. Seit 1992 würden mit Sicherheit nur noch medizinisch notwendige Operationen durchgeführt, sagt die Medienverantwortliche Monika Kugemann. Beim Spitalzentrum Biel heisst es, seit Ende der 1990er-Jahre werde auf operative Eingriffe bei intersexuellen Kindern ohne medizinische Notwendigkeit verzichtet, so die Kommunikationsleiterin Marie-Pierre Fauchère.
Die Geschlechterforscherin Kathrin Zehnder widerspricht: «Es gibt noch immer viele Operationen.» Die Ärzte argumentierten damit, dass diese medizinisch zwingend nötig seien. Manche Eltern flehten die Ärzte an, eine Operation vorzunehmen. Zehnder sagt, es müsse unabhängige Beratungsstellen ausserhalb der Spitäler geben. Seit 2015 hat die UNO die Schweiz bereits viermal aufgefordert, solche Eingriffe unter Strafe zu stellen. Die Nationale Ethikkommission der Schweiz kam 2012 in einer Stellungnahme zum Schluss, dass geschlechtsbestimmende Behandlungsentscheide erst dann getroffen werden sollten, wenn die zu behandelnde Person selbst darüber entscheiden kann. Der Medizinhistoriker Jürg Streuli von der Universität Zürich sagt, es sei ein Register im Aufbau, das Behandlungen ohne medizinische Notwendigkeit gesamteuropäisch erfassen soll. «Die Antwort wird wohl niemals eindeutig ausfallen, da man sich vielerorts schon an der Definition von medizinischer Notwendigkeit die Zähne ausbeisst», gibt Streuli zu bedenken. Das Spitalzentrum Biel als auch das Inselspital sagen, bisher seien keine Schadenersatzforderungen wegen vermeidbarer Eingriffe eingegangen. (gef)

Artikel zum Thema

Die Frau ist eine Herausforderung

Analyse Der Sport tut sich schwer damit, wer bei den Frauen starten darf – zu Recht. Mehr...

Intersexuelle sollen nicht mehr zwangsoperiert werden

Hermaphroditen werden meist schon als Säuglinge operiert oder medikamentös behandelt. Der Europarat fordert für die Betroffenen nun das Recht, selbst über ihre Geschlechtszugehörigkeit zu entscheiden. Mehr...

Bundesrat will drittes Geschlecht prüfen lassen

Die Landesregierung ist bereit, die Folgen zu prüfen, wenn in Ausweisen ein drittes – oder gar kein Geschlecht eingetragen würde. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...