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«Was mich an Bern nicht loslässt, ist die Sprache»

Der 66-Jährige Andreas Affolter ist Amerikaner und Schweizer. Seit 40 Jahren reist er jedes Jahr von Wisconsin nach Bern.

Für Andreas Affolter und seine Frau ist die Aare ein Stück Heimat.
Für Andreas Affolter und seine Frau ist die Aare ein Stück Heimat.
Franziska Rothenbühler

Er ist heute 66-jährig und lebt in Madison, Wisconsin, in den USA. Aber sein Herz schlägt auch für die Schweiz. Seit 40 Jahren besucht Andreas Affolter im Sommer für zwei Monate die Stadt Bern, heuer im Juli und im August. Warum tut er das?

Alles beginnt 1945. Affolters Vater Paul, ein junger Auslandschweizer, gehört zu den amerikanischen Soldaten, die während des Zweiten Weltkriegs das Konzentrationslager Dachau befreien. Er wird seinen Kindern später nie erzählen, was er dort gesehen hat. Nach Kriegsende kann sich der Amerikaner mit Heimatort Seeberg (BE) in der Schweiz von den Strapazen des Krieges erholen. Als er sich während des Urlaubs im Berner Restaurant Harmonie etwas zu trinken bestellt – auf Berndeutsch – erweckt er damit die Aufmerksamkeit von Robert Walther. Dieser lädt den flotten Amerikaner am nächsten Abend in seinen Gasthof Bären in Bümpliz ein. Dort lernt Paul Affolter die Nichte von Walther kennen – und verliebt sich in sie. Ein Jahr später, 1946, folgt sie ihm in die USA. In der Stadt Monroe, «The Swiss Cheese Capital of the USA», wird schliesslich 1950 ihr gemeinsamer Sohn Andreas Affolter geboren.

«Was mich an Bern nicht loslässt, ist die Sprache», sagt Affolter in akzentfreiem Berndeutsch. Die Sprache sei so blumig, so «härzig», das gefalle ihm. Affolter ist zwar in Amerika geboren, aber die Mutter habe mit ihm und seiner Schwester zu Hause Berndeutsch gesprochen. Sie schickte ihn damals mit 23 Jahren von Monroe nach Bern, um eine Lehre zu machen. Daher nahm er eine Stelle als Koch im ehemaligen Bahnhofbuffet an. «Es ‹duuret› mich, dass es das Bahnhofbuffet nicht mehr gibt», sagt er. In den Jahren, die Affolter als junger Mann in Bern arbeitete, lernte er die Stadt kennen und lieben. Deshalb reist er auch immer wieder hierher. Man nehme zum Beispiel die Aare: «In welcher Hauptstadt ist der Fluss so sauber, dass man darin schwimmen kann?» Genau: Nirgendwo sonst, findet er. Die Aare verbessere die Lebensqualität enorm.

Aber auch die Disziplin, die in der Schweiz herrsche, hebt Affolter hervor. Da die Schweizer so «chrampfen», gehe es den Menschen und der Infrastruktur sehr gut. «Die Strassen und Brücken in Amerika sind oft in schlechtem Zustand», sagt er. Eine schöne «Sauornig» habe man in den USA. In der Schweiz werde zwar von den jungen Leuten viel verlangt, was die Leistung angehe, dafür hätten sie dann eine gute Ausbildung. Darin sieht Affolter auch einen grossen Unterschied zwischen der Schweiz und ihrer «Schwesterrepublik»: im Bildungssystem. «In der Schweiz wird zum Beispiel das Lernen von Fremdsprachen gefördert», sagt Affolter. Das sei in den USA nicht der Fall.

Ist der Wechsel von Wisconsin nach Bern nicht immer eine enorme Umstellung? «Nicht unbedingt», findet Affolter. Der Bundesstaat Wisconsin sei sehr ländlich und bekannt für seine Milchwirtschaft. «Wir machen sehr guten Käse, Sie wären erstaunt», sagt er. In Bern sei es aber viel enger als in Wisconsin. Das habe auch schon sein Vater so empfunden. Dem Kochberuf, den er in Bern erlernte, ist Affolter in Amerika treu geblieben. Über 30 Jahre hat er in der Mensa der University of Wisconsin Madison gearbeitet. Jetzt ist der Koch pensioniert. In Madison hat er zudem seine Ehefrau Joanne, die ebenfalls eine Auslandschweizerin ist, kennen gelernt. Sie begleitet ihn oft auf seinen Reisen nach Bern. Zurzeit wohnen sie in einem «Flat» des britischen Buchautors Diccon Bewes. Früher ist Affolter immer bei den Verwandten in Bümpliz untergekommen. Da nun aber alle gestorben sind, die in dem Haus lebten, hat er es einem Cousin weitergegeben.

Wo würde er leben, wenn er sich für eines der beiden Länder entscheiden müsste? «Gottlob muss ich mich nicht entscheiden», sagt er und lacht. Aber im Ernst: Er verstehe die amerikanische Kultur schon besser, weil er dort geboren und aufgewachsen sei. «There is no place like home.» Es mache ihm aber sehr Freude, dass er zwei Kulturen kenne. «Ich fühle mich nicht hin- und hergerissen», sagt er. «Wenn ich hier bin, bin ich Berner. Und wenn ich drüben bin, bin ich der Ami.» Was ihm in den letzten Jahren an Bern aufgefallen ist? Die Menschen seien hier dicker geworden, wie in Amerika. «Zum Glück macht Aareschwimmen schlank.»

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