Was im weltweiten Netz
 gerade so angesagt ist

Am Donnerstagerschien das Gratisheft «LikeMag» zum ersten Mal in der Hauptstadt. 
Den Inhalt bestimmen die Besucher der gleichnamigen Webseite.

Was den «Usern» gefällt, landet in der Printausgabe des «LikeMag».

Was den «Usern» gefällt, landet in der Printausgabe des «LikeMag».

(Bild: Valérie Chételat)

Die blaue ist für «20 Minuten», die pinke für den «Blick am Abend» – und die weisse? Seit Anfang März steht an verschiedenen Tram- und Bushaltestellen in Bern eine dritte Verteilbox mit der Aufschrift «LikeMag». Am Donnerstag lag die Gratiszeitschrift zum ersten Mal an rund 20 Standorten auf, bislang war sie nur beim «Pizza Blitz» und bei lokalen Distributoren erhältlich. «Aufgrund unserer jüngsten Erfolge möchten wir nun in der Hauptstadt durchstarten», sagt Markus Bucheli, welcher das Start-up 2012 ins Leben rief. In Zürich gibt es das Magazin schon länger, ab Mitte Jahr soll es auch in Basel erscheinen.

Über den Inhalt entscheiden letztlich die User: Kernstück des «LikeMag» ist nämlich die gleichnamige Internetplattform. Hier erscheinen Videos, Bilder oder Tweets, welche im World Wide Web gerade angesagt sind. Je nachdem, welche Texte, Bilder oder Videos die Besucher teilen und «liken», stellt die Redaktion die Printausgabe zusammen – sogenannter «user generated content», eine Art Best-of aus dem Internet also. Optisch präsentiert sich die Zeitschrift wie die Benutzeroberfläche von Facebook.

Jeder Ausgabe liegt ein Schwerpunkt zugrunde. Aktuell ist dies der Frühling. Oder in der Sprache des Mediums: «Der feuchtfröhliche Frühling ist daaa!» Daneben finden sich Beiträge wie «Fette Beats mit Blocher» oder «Männer und süsse Möpse». «Wenn wir sehen, dass sich ein Video oder ein Bild schnell verbreitet, übernehmen wir den Ball und stellen das auf unsere Website.» Bucheli nennt dies «kuratieren»: Die Inhalte aus dem Netz moderieren er und sein Team mit Text, oft beschreiben sie den Hintergrund der Entstehung.

Katzen, Kinder, Kuriositäten

Das «LikeMag» ist komplett werbefinanziert, die Auflage beläuft sich laut Bucheli auf 65'000 Exemplare. Das Team besteht derzeit aus 15 Mitarbeitenden, soll aber bald wachsen: «Zukünftig wollen wir zusätzlich speziell für die regionalen Communitys produzieren – für Bern ist das in der nächsten Ausgabe geplant, in Zürich machen wir es bereits.» Wenn etwas in der Hauptstadt «viral» wird, sich also schnell verbreitet und grosses Aufsehen erregt, solle dies in die Printausgabe der jeweiligen Stadt mit einfliessen.

Das Prinzip, wie «LikeMag» funktioniert, ist schon länger bekannt: Unterhaltungsseiten wie «Buzzfeed» oder «Heftig.co» machen sich die sozialen Netzwerke zunutze, um Inhalte zu sammeln und diese, gut platziert und mit Werbung gespickt, in Geld umzuwandeln. Die Titel sind so formuliert, dass sie Neugier wecken: «Als ich das gesehen habe, kamen mir die Tränen», «Erst musste ich lachen. Aber was dann passierte, raubte mir den Atem». Zu den Titeln gesellen sich oft Bilder von Katzen oder Kleinkindern – ein «Jöö»-Effekt, der zusätzliche Klicks generiert. Der «Spiegel» beschwerte sich jüngst, dass sich nun auch etablierte Medien zu solchen Kniffen hinreissen liessen. Andere Zeitungen fürchten, die «Boulevardportale» würden ihnen die Leser stehlen.

Ziel: Anschlusskommunikation

«Ich sehe darin keine ernst zu nehmende Konkurrenz für die etablierten Medien», sagt Heinz Bonfadelli, Professor für Medienforschung an der Universität Zürich. Ähnlich wie bei «Watson» gehe es hier um Inhalte, die junge Menschen untereinander teilen können und die Anschlusskommunikation erzeugen. Der Unterschied bestehe darin, dass hier keine ausgewiesenen Medienschaffenden aufgrund geteilter Nachrichtenwerte täglich und mit professionellen Standards über das aktuelle Geschehen berichteten. «Junge Menschen nutzen so etwas quasi nebenbei mit geringem Zeitaufwand, vermutlich vorab aus Neugiermotiven.» Das Erscheinen in gedruckter Form sei wichtig, denn so werde «eine grössere Öffentlichkeit geschaffen» und letztlich auch Werbung verkauft.

«Von ‹LikeMag› können wir viel lernen», sagt Hansi Voigt, Chefredaktor von «Watson». «Schlussendlich haben sie aber eines nicht: eigene Inhalte.» Für die Vermarktung sei besonders wichtig, dass die Besucher der Website mehrheitlich aus der Schweiz stammten. «Auf längere Sicht kommen sie daher nicht um ausgebildete Journalisten herum.» Laut Markus Bucheli ist dies der nächste Schritt: «Klassische Formen des Journalismus wie die Berichterstattung sind bei uns in Planung.»

Der Bund

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