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Was für ein Theater!

Alte Plakate aus der Sammlung der Druckerei Haller zeigen, dass die Spassgesellschaft auch schon im 19. Jahrhundert existierte. Jetzt ist die Sammlung online zugänglich.

Brigitte Bättig, Fachreferentin an der Universitätsbibliothek Bern hat über die Drucksachen aus der Sammlung der Druckerei Haller eine Masterarbeit geschrieben.
Brigitte Bättig, Fachreferentin an der Universitätsbibliothek Bern hat über die Drucksachen aus der Sammlung der Druckerei Haller eine Masterarbeit geschrieben.
Adrian Moser
Viele Vorstellungen und Darbietungen fanden in der Reitschule statt.
Viele Vorstellungen und Darbietungen fanden in der Reitschule statt.
Adrian Moser
Sehr teuer war das anatomische Museum mit Mumien und präparierten Leichenteilen mit 7 Batzen für einen Eintritt. Kinder wurden nicht eingelassen. Alle Plakate aus der Sammlung der Druckerei Haller der Universitätsbibliothek.
Sehr teuer war das anatomische Museum mit Mumien und präparierten Leichenteilen mit 7 Batzen für einen Eintritt. Kinder wurden nicht eingelassen. Alle Plakate aus der Sammlung der Druckerei Haller der Universitätsbibliothek.
Adrian Moser
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In der Universitätsbibliothek Bern lagern 200 Bände mit Zirkusplakaten, Tabakverpackungen, Amtsschriften oder Werbeanzeigen aus dem 19. Jahrhundert. Ein erster Teil der Belegsammlung der Druckerei Haller ist nun für Forschung und Öffentlichkeit zugänglich.

Die Druckerei sammelte in den Folianten die Belege sämtlicher Aufträge, die das Verlagshaus zwischen 1800 und 1859 für Privatpersonen, Gewerbe, Staat und Kirche ausgeführt hatte. Da Haller von 1815 bis 1831 auch als hochobrigkeitliche Druckerei fungierte, befinden sich unter den Funden auch viele amtliche Dokumente. In einem gross angelegten Projekt wurde die für Bern bedeutende Sammlung erschlossen, konservatorisch behandelt und ausgewählt digitalisiert, wie die Universität Bern am Freitag mitteilte.

Ein erster Teil ist nun für Forschung und Öffentlichkeit zugänglich und kann auf Bestellung im Sonderlesesaal an der Münstergasse konsultiert werden. Eine Auswahl von Belegen ist zudem digital zugänglich. Einen grösseren Einblick wird ab Oktober 2019 eine Ausstellung in der Bibliothek Münstergasse geben.

Hunde, Affen und Artisten

Ein Blick in die Sammlung zeigt: Auch vor über 150 Jahren kam in Bern das Vergnügen nicht zu kurz. Die Leute wollten sich amüsieren: Theater, Zirkus, Schausteller, Variété boten ein breites Angebot. Das grosse anatomische Museum lockte mit Mumien und Leichenteilen. Auf dem Waisenhausplatz lud man zum grossen Hunde- und Affentheater: Es waren possierliche Streiche der dressierten Tiere zu erwarten. Zirkusdirektor Knie wiederum kündete an, er werde auf einem Seil balancierend auf das Dach eines Hauses am Waisenhausplatz emporsteigen. Danach wollte er das Kunststück rückwärts ausführen und zum Schluss auch noch mit Ketten an den Füssen über das Hochseil balancieren.

Ein mechanisches Pferd auf Rädern wurde präsentiert, welches mit Hebeln fortbewegt werden konnte. Munito, der intelligente Hund, stellte schwierige Kopfrechnungen an und konnte auch Karten spielen. Starke Männer massen ihre Muskelkraft. Menagerien mit wilden Tieren und «Eingeborenen» sorgten für wohlige Schauer beim hochverehrten Publikum.

Die Eintritte kosteten je nach Plätzen zwischen 2 und 5 Batzen. Die Kaufkraft eines Batzens müsste wohl auf mehrere Franken veranschlagt werden – teilweise wurden für schwere körperliche Arbeit wie in den Sandsteinbrüchen von Krauchthal nur ein Stundenlohn von einem Batzen ausbezahlt. Ein Brot dagegen kostete zwei Batzen oder mehr.

Auf die Drucke gestossen ist Oberbibliothekar Hans Bloesch (1878–1945) in den 1920er-Jahren im Estrich der Stadt und Universitätsbibliothek. «Was heute über die Sammlung bekannt ist, wissen wir aus den Artikeln von Bloesch selber», sagt Bättig. Bloesch fand weit über hundert Folianten mit eingeklebten Belegen, denen Mäuse und Schimmelpilz jedoch zugesetzt hatten. Darunter sind auch obrigkeitliche Verlautbarungen, denn die Druckerei Haller war während längerer Zeit für die Drucksachen der Behörden zuständig.

«Vom grossen Plakat bis zur kleinsten Visitenkarte und Weinflaschenetikette finden wir in diesen Bänden alles, was während der 60 ersten Jahre des vergangenen Jahrhunderts in der obrigkeitlichen und wichtigsten Druckerei Berns die Presse verliess», so beschrieb Bloesch 1920 seinen Fund.

Einen Teil der Blätter wurde aus den Bänden gelöst, in heissem Wasser gewaschen, getrocknet und geglättet. So ordnete Bloesch einen Teil der Bände neu, zum beabsichtigten vollständigen Register reichte es jedoch nicht. Für den viel beschäftigen Bibliothekar und Publizist war es eine Fundgrube mit «ausserordentlich wertvollem Material», während andere darin nur «unnütze Papiere» sahen.

«Innigsten Dank für Dero Besuch»

In der Fachwelt werden diese Ephemera wie Handzettel, Anzeigen, Plakate, Visitenkarten oder Flugblätter als schwieriges Material angesehen. Es ist nicht einfach, diese Drucke zu sammeln, zu kategorisieren und aufzubewahren.

Andererseits stellen die Blätter eine wertvolle Zeitkapsel dar, welche Einblicke in die gesellschaftlichen Umstände und Volkskultur früherer Jahrhunderte erlauben. Das wissenschaftliche Interesse an diesen Zetteln ist in den letzten Jahren gewachsen. Alleine schon der Blick auf die alten Drucke bereitet Vergnügen. Die gewählten Motive zeigen häufig eine grosse Kunstfertigkeit und eine liebevolle Bearbeitung.

In Bern stiessen die Attraktionen damals auf grosses Interesse. Die Familie Knie sprach jedenfalls «allen Ständen hiesiger Stadt» den «innigsten Dank für Dero gütigen Besuch» aus: «Sollten wir einst das Glück haben, in einigen Jahren wieder in die werthe Stadt Bern zu kommen, so werden wir uns auch dann bestreben, das geehrte Publikum auf das Angenehmste zu unterhalten», steht auf einer Affiche aus dem Jahr 1849.

Mit Material der Agentur Keystone-SDA. Eine erste Version dieses Textes wurde am 6. Mai 2016 auf derbund.ch veröffentlicht.

Die Sammlung ist unter diesem Link online einsehbar.

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