Was der Meistertitel wert ist

YB ist Meister, Bern hat gefeiert. Nach dem rauschenden Fest ist der Kopf wieder klar und der Wirtschafter fragt sich: Was bringt der Titel finanziell? Und ist Erfolg eigentlich käuflich?

Erfolg bringt Zuschauer; das bedeutet mehr verkaufte Tickets sowie höhere Sponsoringeinnahmen für YB.

Erfolg bringt Zuschauer; das bedeutet mehr verkaufte Tickets sowie höhere Sponsoringeinnahmen für YB. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für den Fan ist klar: Der YB-Meistertitel ist unbezahlbar. Doch für den Wirtschafter drängt sich die Frage auf: Was bringt der Titel dem Club in Franken und Rappen? Und: Kann eigentlich ein Meistertitel mit einem grossen Budget gekauft werden? Dazu, welchen Einfluss die finanziellen Mittel auf den sportlichen Erfolg haben, gibt es zahlreiche empirische Studien. Ihre Ergebnisse sind eindeutig: Je grösser das Budget eines Proficlubs, desto besser schneidet er im Schnitt in der Meisterschaft ab. Erscheint logisch, denn mit Geld kann man sich die besten Spieler kaufen.

Beispiele wie Chelsea und Manchester City, die dank Millionen aus Russland respektive Abu Dhabi nach Jahren in der Bedeutungslosigkeit die englische Meisterschaft für sich entscheiden konnten, belegen das exemplarisch. Die Korrelation gilt auch hierzulande. In einer Berner Lizentiatsarbeit aus dem Jahr 2004 wurde für die Schweizer Liga berechnet, «dass im Durchschnitt und über eine längere Periode hinweg betrachtet, Teams mit dem höheren finanziellen Potenzial grösserer Erfolg beschieden ist».

«Erfolg macht sexy.»

Wanja Greuel, YB-Geschäftsführer

Geld und Erfolg korrelieren unbestritten. Ebenso unbestritten ist, dass der Meistertitel nicht automatisch an den Club geht mit den meisten finanziellen Mitteln, sonst hätte der FC Basel auch heuer abgeräumt. Krasses Beispiel dafür war die Saison 2013/14 in England: Liga-Krösus Manchester United klassierte sich damals nur im vorderen Mittelfeld, obwohl sein Budget mit 433 Millionen Pfund um rund ein Viertel höher war als jenes von Stadtrivale City, dem zweitreichsten britischen Club. Trotzdem: Wenn YB für die Ende Juli anlaufende Mission Titelverteidigung gewappnet sein will, braucht der Club ein adäquates Budget. Der Meistertitel kann helfen, das zu erreichen.

Erfolg bringt Zuschauer

YB-CEO Wanja Greuel sagt: «Erfolg macht sexy.» Es gebe nun natürlich bereits erste zusätzliche Sponsoringanfragen. Greuel rechnet damit, dass die Gespräche mit möglichen Geldgebern dank des Titels einfacher laufen. Einige bestehende Verträge seien zudem leistungsorientiert. Mit anderen Worten: Gewisse Sponsoren zahlen YB nun eine Meisterprämie.

Auch mit den Zuschauerzahlen ist Greuel zufrieden. Das letzte Heimspiel der Saison gegen Lugano ist ausverkauft. Titel sei Dank. Studien aus dem Ausland zeigen nämlich: Die Fans sind nicht so treu, wie man vermuten könnte. Die Wissenschaftler Stefan Szymanski und Tim Kuypers haben die Zahlen von 40 englischen Vereinen aus 20 Jahren analysiert und kamen zum Schluss: Ob ein Club über- oder unterdurchschnittlich hohe Ticketeinnahmen hat, hängt zu 90 Prozent von seinem sportlichen Erfolg ab.

Gut möglich also, dass YB mit dem Titel im Rücken nächste Saison mehr Tickets absetzen kann. Und mehr Zuschauer heisst letztlich auch mehr Merchandising-, Gastronomie- und Sponsoringeinnahmen. Der Ansturm auf die Meister-Artikel sei riesig, teilt YB im Internet mit. Man werde «überrannt».

Weniger ins Gewicht fallen dagegen die Einnahmen aus den Fernsehrechten, auch wenn sie in der Schweiz in den letzten Jahren stark gestiegen sind. An die 20 Teams der Super und der Challenge League werden pro Jahr insgesamt 30,7 Millionen Franken ausbezahlt. Almosen verglichen mit Deutschland: Die 36 Profivereine der ersten und zweiten Bundesliga erhalten zusammen knapp 1,2 Milliarden Euro. Immerhin bekommt YB als Meister die höchste Ausschüttung aller Schweizer Clubs: 3,3 Millionen Franken, 2,9 Millionen gibts für Vizemeister Basel.

Kein Freibillett zum Honigtopf

Die wichtigsten Einnahmen für einen Club wie YB sind laut Greuel aber die Transfersummen und die Teilnahme an internationalen Wettbewerben. In dieser Hinsicht ist ausgerechnet diese Saison der Schweizer-Meister-Titel nicht mehr ganz so viel wert wie auch schon. Denn anders als letztes Jahr ist er heuer kein Freibillett zur Champions League. Die Teilnahme an der Königsklasse ist äusserst lukrativ. Denn die Prämien aus dem Honigtopf des europäischen Fussballs können rasch doppelt so hoch sein wie das gesamte Budget eines kleineren Schweizer Proficlubs. Der FCB nahm 2016 mit internationalen Spielen 27 Millionen Franken ein. Der FC Thun handkehrum kommt mit einem Jahresbudget von rund 12 Millionen Franken aus.

Als Meister wird YB nächste Saison an der letzten Qualifikationsrunde zur Champions League teilnehmen – dem sogenannten Playoff. Die Prämie: mindestens 5 Millionen. Und selbst wenn sich die Berner dort durchsetzen und bei den Grossen mitspielen dürfen, so hohe Einnahmen wie für den FC Basel in den letzten Jahren wird es nicht geben. Die Uefa will nämlich kommende Saison die Prämien so gestalten, dass die internationalen Erfolge der vergangenen fünf Jahre honoriert werden. In dieser Zeit hat YB europäisch keine Stricke zerrissen und einzig in der Saison 2014/15 den Sechszehntelfinal der Europa League erreicht.

Sollte YB den Playoff um den Einzug in die Champions League verlieren, winkt immerhin die Europa League. Greuel rechnet deshalb damit, dass die europäischen Spiele dem Club einen zweistelligen Millionenbetrag bringen.

Zusätzliche Kosten für YB

Was der Titel für die Transfers bedeutet, lässt sich schwer sagen. Denn der Marktwert eines Spielers hängt primär von dessen Leistung auf dem Rasen ab und weniger von den Titeln, die sein Club gewinnt. Greuel ist aber überzeugt, dass mit dem Erfolg zusätzliche Scouts auf YB aufmerksam geworden sind. Vier Spieler werden als wahrscheinliche Abgänge gehandelt: die Verteidiger Kevin Mbabu und Kasim Nuhu, der Mittelfeldspieler Sekou Sanogo sowie der Stürmer Roger Assalé. Sollten alle vier YB verlassen, dürfte das mindestens 30 Millionen Franken einbringen.

Übrigens: Als Meister hat YB nicht nur Einnahmen, sondern auch zusätzliche Kosten. Einerseits fallen Prämien für Spieler und Trainer an, andererseits Kosten für die Meisterfeier. Wie hoch diese sind, will Greuel nicht kommentieren. Nur so viel: Man gebe das gerne aus. Zudem werden seit Samstag die beiden Tore, die Eckfahnen, Werbebanner und Teile des Kunstrasens vermisst. Die Kosten für die Instandsetzung des Spielfelds hielten sich aber im Rahmen, sagt Greuel.

Ist der Meistertitel der Young Boys der Startschuss für den Aufschwung in Stadt und Kanton Bern? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch»: stadtgespraech.derbund.ch. (Der Bund)

Erstellt: 01.05.2018, 06:46 Uhr

Stadtgespräch

Impulsgeber Meistertitel?

32 Jahre hat es gedauert, bis die Young Boys wieder einen Meistertitel feiern durften. Die lange Durststrecke wurde bisweilen auf die Berner Mentalität zurückgeführt: Die Beamtenstadt habe auf den Fussballclub abgefärbt. Die Berner seien halt genügsam und hätten zu wenig Ehrgeiz. Lässt sich nun der Umkehrschluss ziehen?

Ist der Gewinn der Meisterschaft durch den Fussballclub das Zeichen zum Aufbruch für Stadt und Kanton? Lässt sich die Euphorie rund um die Young Boys übertragen auf Wirtschaft und Politik? Wenn ja: Wie könnte das geschehen? Wie kann die Dynamik rund um die Young Boys genutzt werden? Oder ist die Freude doch nicht mehr als ein Strohfeuer, das auf den sportlichen Bereich begrenzt bleibt?

Diskutieren Sie mit im Stadtgespräch: stadtgespraech.derbund.ch.

Artikel zum Thema

Mehr als nur ein Meistertitel

Leitartikel Mit dem Titelgewinn haben die Young Boys den Pfad des Scheiterns endgültig verlassen. Die Berner Fussballwelt sieht sich mit völlig neuen Gefühlen konfrontiert. Mehr...

«Ich hatte Tränen in den Augen»

Nach dem historischen Gewinn des Meistertitels lässt «Der Bund» die Fans des BSC Young Boys sprechen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Blogs

Geldblog Rente oder Kapital? Eine komplexe Entscheidung

Zum Runden Leder Treffender Ersthelfer

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Besuch aus der Heimat: Die Schweizergardisten im Vatikan stehen stramm, denn Bundesrat Alain Berset ist auf Visite. (12. November 2018)
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...