Warten auf das Ende

Ende Monat schliesst das Stadtberner Zieglerspital für immer. Mancherorts wird noch gearbeitet, auf vielen Etagen ist jedoch bereits eine gespenstische Ruhe eingekehrt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In der Notfallaufnahme des Zieglerspitals in Bern wird auch wenige Wochen vor der Schliessung noch gearbeitet. «Der Ausdruck arbeiten ist eigentlich nicht korrekt», sagt eine der diensthabenden Pflegefachfrauen. Seit im Mai publik geworden sei, dass nur noch chirurgische, aber keine medizinischen Notfälle mehr behandelt würden, kämen kaum noch Notfallpatienten her. An diesem Tag ist es bis Mitte Nachmittag erst ein Einziger; er wird eben untersucht. Bis im Frühling waren es täglich über 20 Personen, die hier notfallmässig behandelt wurden. Derzeit verstärkt deshalb rund die Hälfte der Notfallpfleger das Notfallteam im Tiefenauspital. Sie werden von den Zurückgebliebenen beneidet.

Das unfreiwillige Nichtstun nagt an der Moral, das reduzierte Angebot am Berufs­stolz. «Letzte Woche mussten wir einen Patienten wegen eines gewöhnlichen Zeckenbisses per Ambulanz verlegen lassen», sagt die Pflegefachfrau. Der diensthabende Assistenzarzt, ein angehender Chirurg, habe die Verantwortung für den medizinischen Fall nicht übernehmen wollen.

Leere Gänge, leere Zimmer

Im fünften Stock des Hochhauses ist die bevorstehende Schliessung gänzlich unübersehbar: menschenleere Gänge mit Türen, die in unbenutzte Zimmer führen. Bei einem der Wandschränke sind die Türscharniere gebrochen. Die Pavatex-Tür ist notdürftig angelehnt. Im Gang stehen Zügelkisten. Von den Patienten, die hier gepflegt wurden und genasen, aber auch litten und starben, zeugt nur noch wenig. Ein Duschgel in einer der Patientenduschen etwa. Oder ein zerknautschtes, längst erkaltetes Daunenduvet auf einem der beiden Betten, die im Gang stehen. Am Griff des Bettgalgen, an dem sich geschwächte Patienten hochgezogen haben, hängen zwei zerplatzte Luftballone.

«Eine Szenerie wie gemacht für einen Horrorfilm», sagt Roger Schwab lachend, als er aus dem Lift tritt. Der stellvertretende Leiter der Notfallstation des Zieglerspitals begleitet seine Kollegin Anke Rüdiger, die das Pflegeteam der Inneren Medizin führte, an ihren früheren Arbeitsplatz. Es ist kein einfacher Gang. «Ich musste mich mental darauf einstellen, zurückzukommen», sagt Rüdiger. Hier, im fünften Stock des Zieglerspitals, hatte sie 12 Jahre lang gearbeitet, 42 Mitarbeiterinnen geführt. Mit ihnen hatte sie Mitte Mai alles gepackt. In standardisierte Zügelboxen. Fein säuberlich. Patienten wurden bereits zwei Wochen früher nicht mehr aufgenommen.

Bedauern über Kündigung

Alle Pflegefachleute hätten angepackt, so Rüdiger. «Fast, wie wenn man privat zügeln würde.» Zurück blieb eine Leere – nicht nur physisch. Dies, obschon das ganze Team seiner jungen Chefin ins Tiefenauspital gefolgt ist. «Alle sind sie mitgekommen», sagt Rüdiger sichtlich stolz. «Nachdem dies klar war, fiel mir auch der kurzfristig angekündigte Umzug leichter.» Im Zieglerspital habe in ihrem Team eine «gute und spezielle» Stimmung geherrscht. Das sei nach dem Umzug so geblieben – «aber es ist gleichwohl eine andere Atmosphäre».

Doch lange nicht alle Angestellten machen den Umzug mit. So auch eine der auf dem Notfall diensthabenden Pflegefachfrauen: Sie wechselt an ein Privatspital – und bereut es. Die Aufbruchstimmung im Tiefenauspital, von der die bereits gezügelten Kollegen erzählten, hätte sie gerne erlebt, sagt sie. Doch da sie gerne gebrochene Glieder gipse, in der Tiefenau aber erst kein Gipszimmer vorgesehen gewesen sei, habe sie gekündigt. «Leider wurde erst am Tag darauf bekannt gegeben, dass im Tiefenauspital nun doch gegipst wird.»

Ihr Vorgesetzter, Roger Schwab, sagt dazu: «Die Kommunikation rund um den Schliessentscheid war nicht immer verständlich und grundsätzlich verbesserungswürdig.» Das habe zu Verunsicherungen geführt. In der Folge haben viele Mitarbeiter das Unternehmen verlassen – trotz Stellenangebot vom Tiefenauspital.

Hochbetrieb in der Küche

Mit einem Rollstuhl wird derweil der einzige Patient der Notfallaufnahme in die Chirurgie verlegt. Dann wird die Pritsche, später auch der Rollstuhl desinfiziert. Es kehrt wieder Ruhe ein. Ein Stockwerk weiter oben steht ein Hometrainer und medizinische Gerätschaften zum Abtransport bereit. Das kardiologische Ambulatorium zügelt in der ersten Augustwoche. So sieht es der Zeitplan vor, den Spitaldirektor Peter Gerber – er leitet auch das Tiefenauspital – mit seinen Mitarbeitern erstellt hat. «Bisher haben wir uns genau an diesen gehalten.»

In der Spitalküche köchelt das Mittagessen in grossen Wannen vor sich hin. Desserts werden angerichtet, Unterteller stapelweise mit Servietten bestückt. Denn obgleich nur noch die orthopädische Abteilung im Zieglerspital verblieben ist, gibt es viel zu tun: Grosse Teile der Verwaltung von Spital Netz Bern sind weiterhin im Gebäudekomplex einquartiert. Sie alle wollen täglich bekocht werden – zumindest am Mittag. Die Büroangestellten werden nach der endgültigen Schliessung des Spitals am 28. August noch für einige Monate im in die Jahre gekommenen Gebäudekomplex – der Sanierungsbedarf beträgt 80 Millionen Franken – verbleiben. Dann werden auch sie beginnen, Zügelkisten zu falten und zu füllen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.08.2015, 06:48 Uhr

Das Zieglerspital schliesst

Nur noch ein Stadtspital

Nach der Schliessung des Zieglerspitals Ende Monat wird es in der Stadt Bern nur noch ein Stadtspital geben. Dies am Standort Tiefenau. So hat es die Leitung der Inselgruppe, zu der Ziegler- und Tiefenauspital gehören, im März kommuniziert. Bereits im Mai zügelten erste Abteilungen vom Ziegler- ins Tiefenauspital. Als Letztes wird in wenigen Wochen die orthopädische Klinik umziehen. Die Erkenntnis, künftig nur noch ein Stadtspital zu betreiben, reifte bereits 2009. Neben dem Standort Tiefenau kamen auch die Areale des Ziegler- respektive des Inselspitals für einen Neubau infrage. Nun ist geplant, neben dem in den 80er-Jahren errichteten Tiefenauspital dereinst ein Ersatzneubau zu erstellen. Im Zieglerspital könnte dagegen schon bald ein Durchgangszentrum für Asylbewerber eingerichtet werden. (bwg)

«Ein modernes Spital»

«Vorbildlich auf die Bedürfnisse zugeschnitten», titelte der «Bund» am 18. Juni 1976 anlässlich der Fertigstellung des neuen Hochhauses des Zieglerspitals. Der Neubau halte ein «vernünftiges Mass an Komfort» bereit und trage «dem Fortschritt im Rahmen des wirklichen Bedarfs und der wirtschaftlichen Möglichkeiten durchaus Rechnung», wurde nüchtern analysiert. Das neue Hauptgebäude gehöre «nach Auffassung der Leute, die es wissen müssen, zu den modernsten seiner Art». Der Bau des neunstöckigen Hochhauses sollte die letzte Epoche in der letztendlich 145-jährigen Geschichte des Zieglerspitals einläuten. Denn die, «die es wissen müssen», sind fast vier Dekaden später zum Schluss gekommen, dass der Spitalbau den heutigen Bedürfnissen nicht mehr entspricht. Von den 270 Betten konnten wegen baupolizeilichen Auflagen zuletzt zudem nur noch gut die Hälfte genutzt werden.



Für «wohlbeleumdete» Bürger


1867 hatte der Kaufmann Georg Ziegler sein Vermögen der Einwohnergemeinde Bern vererbt. Zweck: Errichtung eines Spitals für «unbemittelte, aber wohlbeleumdete Einwohner, Einsassen und Burger». Im Jahr darauf beschloss der Gemeinderat, das Spital auf dem ebenfalls von Ziegler vererbten Landgut Bellevue zu errichten. Die Einweihung fand am 10. Mai 1869 statt. Zum Personal gehörte ein Arzt, ein Seelsorger sowie Haus- und Küchenpersonal. Die Pflege wurde von Diakonissinnen übernommen. In den folgenden rund 100 Jahren wurden nicht nur das Personal aufgestockt, sondern auch wiederholt aus- und umgebaut.
(bwg)

Artikel zum Thema

Zieglerspital macht bereits Ende August dicht

Das Berner Zieglerspital wird schon einen Monat früher als geplant geschlossen. Mehr...

Gemeinderat hat zum Zieglerspital noch nichts entschieden

Der Berner Stadtpräsident widerspricht Alexandre Schmidt: Der Gemeinderat habe in Sachen Bundeszentrum noch keinen Entscheid gefällt. Mehr...

«Die Stadt Bern will kein Bundesasylzentrum»

Ein Bundesasylzentrum im Zieglerspital? Der Berner Gemeinderat sei gegen eine solche Lösung, sagt Gemeinderat Alexandre Schmidt (FDP). Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Geldblog Nestlé findet langsam aus der Wachstumsflaute

History Reloaded Was wir den Wikingern verdanken

Die Welt in Bildern

Das geht unter die Haut: Tätowierte Gesichter zeigt dieser Mann auf seinem Kopf bei der Tattoo-Convention in Frankfurt, Deutschland. (21. April 2018)
(Bild: Boris Roessler/dpa) Mehr...