Warmes Haus, weniger Treibhausgas

Beim Heizungsersatz müssten laut neuem Energiegesetz schlecht isolierte Häuser saniert werden. Ein Beispiel aus dem Berner Breitenrainquartier, wo man mehr machte, als nötig wäre.

Ein Fünftel der Wärme kommt vom Sonnenkollektor auf dem Dach.

Ein Fünftel der Wärme kommt vom Sonnenkollektor auf dem Dach. Bild: Franziska Rothenbühler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das 5-Parteien-Haus an der Beundenfeldstrasse 10 im Berner Breitenrainquartier ist Teil eines Wohnblocks, der 1929 erbaut wurde. Wegen des «ausgezeichneten Bauschmucks in Art-Déco-Formen» gelten die Reihenhäuser als schützenswert. Ursprünglich wurde das Haus wohl mit Kohle beheizt. Später und noch bis vor kurzem mit Erdöl.

Das wollte die Eigentümergemeinschaft ändern, als die Ölheizung ans Ende ihrer technischen Laufzeit kam. «Für uns war klar, dass wir aus Umweltgründen weg vom Öl wollten», sagt Ulrich Delang. Er wohnt zusammen mit seiner Partnerin – und wie die anderen Stockwerkeigentümer – selber im Haus. Man begann, Alternativen zum Öl zu prüfen.

Zwölf Lösungen zur Auswahl

Die Eigentümer taten dies aus eigener Initiative. Falls am 10. Februar das Volk im Kanton Bern dem neuen Energiegesetz zustimmt, dann werden etliche Besitzer von schlecht isolierten Altbauten sich solche Gedanken beim Heizungsersatz machen müssen. Denn das Gesetz erlaubt zwar ausdrücklich, dass erneut Öl- oder Gasheizungen installiert werden. Falls ein Haus schlecht isoliert ist, muss es aber entweder besser isoliert oder zu einem kleinen Teil mit erneuerbarer Energie versorgt werden.

Konkret gibt es dafür zwölf Standardlösungen. Der Besitzer kann eine auswählen. Ist eine einzige dieser Standardlösungen fachgerecht umgesetzt, dann ist die Auflage erfüllt. Gut isolierte Altbauten sind von Vorgaben befreit. Die Lösungen sind unterschiedlich, damit Eigentümer jene wählen können, die für ihr Haus Sinn macht (siehe Kasten).

Die Eigentümer der Beundenfeldstrasse 10 haben freiwillig und ohne Blick auf das künftige Energiegesetz saniert. Und sie haben weit mehr gemacht, als laut diesem künftig vorgeschrieben wäre. Nachträglich betrachtet, entspricht ihre Sanierung gleich zweien der zwölf Standardlösungen.

Vielleicht hätten die Stockwerkeigentümer beim Ersatz der alten Ölheizung laut dem neuen Energiegesetz auch gar nichts tun müssen. Denn sie hatten Kellerdecke und Estrich schon vor rund zehn Jahren isoliert. Wärmedämmung ist die Standardlösung 9. Ob eine frühere Isolation schon ausreichend war, würde ein Gebäudeenergieausweis zeigen. Erreicht ein Haus die Kategorie D, dann sind keine Massnahmen nötig (die Skala geht von A bis G).

Der Abschied vom Öl stand an der Beundenfeldstrasse 10 von vornherein fest, weshalb die Wirtschaftlichkeit einer neuen Ölheizung nicht untersucht wurde. Die Kosten der Alternativen waren allerdings durchaus ein Kriterium. Die günstigste Lösung wäre ein Anschluss an den Wärmeverbund Viktoria gewesen, wo eine Quartierzentrale aus Gas effizient Strom und Wärme erzeugt, sogenannte Wärmekraftkopplung (künftige Standardlösung 6). Doch für eine einzelne Liegenschaft war die Anschlussleistung zu gering.

Gas und Sonnenwärme

Man entschied sich für eine Erdgasheizung – aber kombiniert mit erneuerbarer Energie. Fast ein Fünftel der Wärme für Heizung und Warmwasser liefert neu ein 25 Quadratmeter grosser Sonnenkollektor auf dem Dach. Zudem liefert Energie Wasser Bern (EWB) jenes Gasprodukt ins Haus, das seit dem 1. Januar einen Anteil von 30 Prozent Biogas enthält. Biogas wird aus biologischen Abfällen hergestellt und ist erneuerbar.

Damit sind im Beispielhaus gleich zwei der Minimalanforderungen erfüllt, die gelten würden, falls das neue kantonale Energiegesetz an der Urne angenommen wird. Ein ausreichend grosser Sonnenkollektor einerseits (Standardlösung 1), andererseits der Bezug von Biogas (Standardlösung 12). Beim Biogas werden zwar, anders als bei den anderen elf Lösungen, die Anforderungen erst noch vom Regierungsrat definiert. EWB hatte jüngst vorlaut angekündigt, dass sein Standardprodukt mit einem Anteil von 10 Prozent Biogas ausreichen würde, um das neue Gesetz zu erfüllen («Bund» vom 5. Dezember). Mit 30 Prozent Biogasanteil dürfte man aber auf der sicheren Seite sein.

Die Mehrkosten für beide Lösungen halten sich in Grenzen. Für das Gas mit dem höheren Biogasanteil betragen sie laut EWB-Tarifrechner rund 800 Franken jährlich, 160 Franken pro Eigentümerpartei. Die Gratiswärme vom Sonnenkollektor senkt die Gasrechnung massiv. Allerdings dürfte es zumindest bei den aktuellen Gaspreisen schwierig sein, die Verzinsung der Investition zu erwirtschaften. Nicht berücksichtigt sind dabei Steuerabzüge, die energetische Investitionen oft rentabel machen.

CO2 sinkt

Laut Delang hat die Eigentümergemeinschaft die Rentabilität nicht präzis berechnet. «Der Umweltgedanke stand im Vordergrund, es ging nicht primär um finanzielle Überlegungen», sagt er. Dass das neue Energiegesetz einen Teil der Massnahmen vorschreiben würde, welche die Eigentümergemeinschaft freiwillig vorgenommen hat, bezeichnet er als sinnvoll. «Nur mit Investitionen erreicht man eine bessere Umweltbilanz.»

Diese ist an der Beundenfeldstrasse 10 in der Tat nach der ersten Heizsaison mit Kollektor und Biogas massiv besser. Früher stiess die Ölheizung umgerechnet rund 25 Tonnen CO2 pro Jahr aus. Mit der Erdgasheizung mit erneuerbarem Anteil sind es noch rund 14 Tonnen des Treibhausgases. (Der Bund)

Erstellt: 08.01.2019, 06:36 Uhr

Ulrich Delang
ist Miteigentümer des Hauses. Für ihn stand der Umweltgedanke im Vordergrund.

Baukasten für die Sanierung

Standardlösung (SL) 1: Sonnenkollektor für Warmwasser

Vorteile: Relativ tiefe Investitionskosten, lässt sich gut mit Öl- oder Gasheizung kombinieren.

Nachteile: Erfordert besonntes Dach, Heizung bleibt grösstenteils fossil.


SL 2: Holzheizung (meist Pellets)


Vorteile: Erneuerbare Energie.

Nachteile: Auf Stadtgebiet unerwünscht (Feinstaub). Investition ein wenig teurer als Öl oder Gas.

SL 3: Wärmepumpe mit Strom

Vorteile: Erneuerbar, tiefe laufende Kosten.
Nachteile: Hohe Investitionskosten. Bei schlecht isolierten Häusern oft hoher Stromverbrauch.

SL 4: Wärmepumpe mit Gas

Vorteile: Effizientes System.

Nachteile: Wenig verbreitet.

SL 5: Fernwärme (KVA, ARA oder erneuerbare Energie)

Vorteile: Grösstenteils erneuerbar, wartungsarm.

Nachteile: Grosse Bandbreite der Netze und Kosten. Anschluss nur, wo Netz vorhanden sowie unter gewissen Voraussetzungen.

SL 6: Wärmekraftkopplung

Vorteile: Mit Wärmekraftkopplung (WKK) wird effizient zugleich Strom und Wärme produziert.

Nachteile: Wenig verbreitet, als kleine Anlage oft zu komplex.

SL 7: Solarstrom und Wärmepumpenboiler

Vorteile: Gute Lösung, um Elektroboiler zu ersetzen.

Nachteile: Nur sinnvoll, wenn genug Dachfläche zur Verfügung.

SL 8: Gute Fenster installieren

Vorteile: Senkt Energiebedarf und erhöht den Wohnkomfort.

Nachteile: Kann bei schlechter Isolation der Fassade je nach Bausubstanz zu Schimmel führen, deshalb oft besser in Kombination mit Fassadendämmung.

SL 9: Wärmedämmung von Fassade und/oder Dach

Vorteile: Senkt Energiebedarf deutlich, erhöht Wohnkomfort. Nachteile: Hohe Kosten für Fassadenisolation. Dach- oder Estrich günstiger, aber für mehrstöckige Häuser oft nicht ausreichend.

SL 10: Erneuerbare Heizung kombiniert mit Öl für Spitze

Vorteile: Flexible Systeme, beim Ausfall eines Systems ist noch ein weiteres vorhanden.
Nachteile: Komplexität, erfordert oft professionelle Wartung.

SL 11: Wohnungslüftung

Vorteile: Mehr Komfort, lässt sich mit guten Fenstern kombinieren.

Nachteil: Bringt in schlecht isolierten Bauten zu wenig Einsparung.

SL 12: Biogas

Vorteile: Gas aus biologischem Abfall ist erneuerbar, sehr einfache Lösung für Gasheizer.
Nachteile: Anders als bei anderen Lösungen wird der Regierungsrat die genauen Bedingungen erst noch festlegen müssen. (st)

Artikel zum Thema

Die Sanierungslösung muss zum Haus passen

Falls das neue kantonale Energiegesetz angenommen wird, werden zwölf unterschiedliche Lösungen für schlecht isolierte Häuser vorgegeben. Doch nicht alle Massnahmen rentieren. Mehr...

Referendum gegen Berner Energiegesetz zustande gekommen

Im Kanton Bern wehren sich Hauseigentümer und Gewerbeverbände gegen schärfere Vorschriften. Mehr...

Ölheizungen sollen weiterhin erlaubt sein

Der Berner Grosse Rat will Ölheizungen in Neubauten nicht verbieten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Mamablog «Süchtig sind wir doch alle!»

Zum Runden Leder Ten Years After

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Hi Fisch! Vor Hawaii lebt dieser Haifisch Namens Deep Blue. Wer mutig ist und lange die Luft anhalten kann, darf ihn unter Wasser streicheln (15. Januar 2019).
(Bild: JuanSharks) Mehr...