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Wann meldet sich die Kartoffel-Lobby?

Die Parteien reichen zur Meinungsbildung nicht mehr aus. Fast jede Institution gibt Spezialempfehlungen ab.

Gestern waren es die Personalverbände, die ein Rating veröffentlichten. Wie personalfreundlich ist der Grosse Rat? So lautete die Frage, die vom Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (Bass) mittels einer sicher nicht ganz billigen Studie beantwortet wurde. Die Wissenschaftler haben 26 Abstimmungen ausgewertet, die in den Jahren 2008 und 2009 im Kantonsparlament unter Namensaufruf getätigt wurden und eine Aussage zulassen über die Personalfreundlichkeit eines Grossratsmitglieds. Bewertet wurde beispielsweise so: Wer am 6. April 2009 einer Motion zustimmte, die mehr sozial abgesicherte Arbeitsplätze forderte, wurde positiv vermerkt, wer Nein stimmte, erhielt einen Negativpunkt. Das leuchtet ein. Zudem wurden die einzelnen Abstimmungen aufgrund ihrer Auswirkungen auf das Personal unterschiedlich gewichtet.

Das Ergebnis der Studie erstaunt den interessierten Laien wohl ebenso wie Fachleute: Von den grossen Parteien ist die SP am personalfreundlichsten und die SVP am personalfeindlichsten. Und was noch fast mehr erstaunt: Bei der Bewertung der einzelnen Personen liegen SP-Leute an der Spitze und SVP-Grossräte am Ende der Rangliste. Studien mit ähnlichem Überraschungspotenzial kennt man sonst nur vom Handels- und Industrieverein (HIV) mit seinem legendären Rating zur Wirtschaftsfreundlichkeit der Grossrätinnen und Grossräte.

Die Umweltverbände gehörten zu den Ersten, welche Sonderratings durchführten und im Hinblick auf Wahlen die umweltfreundlichsten Parteien und Kandidierenden auflisteten. Sie sind längst nicht mehr die Einzigen: Letzte Woche hat Gastro Bern eine Einladung verschickt für eine «Beizentour» mit «ihren» sieben Grossratskandidaten (es sind solche, die «für klare und vernünftige Rahmenbedingungen» einstehen). Ebenfalls kürzlich hat Network zu einem Anlass «für die schwul-lesbische Polit-Kultur» eingeladen. Das Wahlpodium (von heute Abend ab 19.15 Uhr im Restaurant zum Äusseren Stand in Bern) hat zum Ziel, schwule und lesbische Kandidierende «einem breiten Publikum bekannt zu machen».

PS: Noch kein Rating liegt übrigens vom Verband der Kartoffelproduzenten vor. Wahrscheinlich wird er auch keines veröffentlichen: Denn anders als bei den Personalverbänden ist bei der Kartoffel-Lobby schon im Voraus klar, wen sie zur Wahl empfiehlt – Rösti.

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