Waldau: Problempatienten und Häftlinge unter einem Dach

Mit der neuen Station auf dem Waldau-Areal sollen auch Kosten gespartwerden. Die psychiatrischen Kliniken dürften jedoch nicht die Kompetenzen im Umgang mit gewaltbereiten Patienten verlieren.

Eine Mischung aus Gefängnis und Psychiatrie: Die neue Forensik-Station auf dem Waldau-Areal nimmt Gestalt an. (Adrian Moser)

Eine Mischung aus Gefängnis und Psychiatrie: Die neue Forensik-Station auf dem Waldau-Areal nimmt Gestalt an. (Adrian Moser)

Anita Bachmann@anita_bachmann

Auf dem Areal der Waldau entsteht zurzeit die neue Forensik-Station für psychisch kranke und besonders gewalttätige Menschen. Bis im Herbst soll der 14-Millionen-Bau vollendet sein, im Oktober oder im November werden die ersten Personen aufgenommen. Behandelt werden dort Strafgefangene und gewaltbereite Menschen, die kurzfristig in keiner anderen Institution adäquat versorgt werden können. Der gemeinsame Nenner ist die psychische Erkrankung. «Das ist ein Novum in der Schweiz», sagt Anneliese Ermer, Professorin für forensische Psychiatrie. Sie leitet an der Universität Bern den Forensisch-Psychiatrischen Dienst und wird die Leitung der neuen Station übernehmen, gemeinsam mit ihrer pflegerischen Co-Leiterin Manuela Campaniello.

Wenn Häftlinge im Strafvollzug, in der Untersuchungs- oder auch der Ausschaffungshaft psychisch so schwer erkranken, dass sie nicht in der Haft bleiben können, können sie zur Behandlung in die neue Station eingewiesen werden. Das kann etwa bei einem ausgeprägten Verfolgungswahn oder einer schweren Depression mit Selbsttötungsabsichten der Fall sein. Nur ein kleiner Teil von ihnen werde aber länger als einige Tage oder Wochen auf der Station bleiben. Denn obwohl die Strafanstalten im Kanton Bern nun mit Therapieabteilungen aufgerüstet hätten, fehlten für psychisch gestörte Rechtsbrecher Plätze, insbesondere für solche mit einer gerichtlich angeordneten mehrjährigen therapeutischen Massnahme, sagt Ermer. Weil die Station auf 14 Plätze beschränkt sei, könnten aber nur wenige über längere Zeit behandelt werden. Bedarf würde es für doppelt so viele Plätze geben, sagt sie. Politisch war die neue Station wegen der hohen Kosten von der SVP bekämpft worden.

Igor L. wäre ein Fall

Aus dem zivilrechtlichen Bereich könnten einzelne Patienten aus psychiatrischen Kliniken oder Personen mit einem fürsorgerischen Freiheitsentzug, der vom Regierungsstatthalter angeordnet wurde, in die neue Station eingewiesen werden. In einem hohen Masse gewalttätige psychisch gestörte Personen mit grossen Defiziten im sozialen Verhalten, oft zusätzlich mit Suchtproblemen, seien für die normalen Psychiatrieabteilungen nur schwer tragbar, sagt Ermer. Trotzdem dürften die psychiatrischen Kliniken die Kompetenzen im Umgang mit gewaltbereiten Patienten nicht verlieren. Als mögliches Beispiel nennt Ermer den Fall Igor L. Bevor eine Richterin eine Therapie in einer Anstalt anordnete, wechselte der junge Schüpfener von der Strafhaft in den fürsorgerischen Freiheitsentzug und dann in die Sicherheitshaft. Aber auch für Frauen, die auf der neuen Station aufgenommen werden können, gebe es sonst kaum Behandlungsangebote, sagt Ermer. Für sie bleibe oft nur das Frauengefängnis Hindelbank. So wurde etwa auch die Floraparkmörderin vor ihrer verheerenden Tat als junge Erwachsene zwischen Strafanstalt und psychiatrischen Institutionen hin und her gereicht.

Kein Hochsicherheitstrakt

Die neue Station auf dem Waldau-Areal wird einen hohen Sicherheitsstandard aufweisen, aber nicht den Anforderungen eines Hochsicherheitstrakts entsprechen. «Alles, was bautechnisch möglich ist, wird umgesetzt», sagt Ermer. Sicherheitspersonal werde nur bei den Eingangsschleusen präsent sein. Weitere Sicherung erfolge durch geschultes Pflegepersonal, das nicht nur «Aufpasser» sei, sondern über die therapeutische Beziehung mit den Patienten Sicherheit herstelle. Ermer, die über viel Erfahrung verfügt, ist neugierig auf die Umsetzung des Konzepts. Bevor sie nach Bern kam, hatte sie in Basel die forensische Psychiatrie aufgebaut und in Berlin im Massregelvollzug gearbeitet.

Mit der Station werden 20 neue Stellen in der Pflege geschaffen, dazu kommen Therapeuten, Sicherheits- und Putzpersonal. Die Tagesansätze für die Patienten sollen unter den Kosten liegen, die der Kanton Bern bezahlen muss, wenn er Personen in ausserkantonalen Institutionen platzieren muss. Plätze im zürcherischen Psychiatriezentrum Rheinau kosteten den Kanton Bern jeweils 1300 Franken pro Tag. Ökonomische Überlegungen spielten mit eine Rolle bei der Realisierung der Station, die seit zehn Jahren gefordert wurde.

Eine Mischung aus Gefängnis und Psychiatrie: Die neue Forensik-Station auf dem Waldau-Areal nimmt Gestalt an.Foto: Adrian Moser

Der Bund

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