Von Weltreisen zu Reisen für die Sinne

Der Fotograf Urs Lüthi hat die Kamera gegen die Kochschürze eingetauscht. Nun lockt er Gourmets in die ehemalige US-Botschaft in Bern.

Urs Lüthi, ein kulinarischer Brückenbauer. Bild: Valérie Chételat

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Charme hat er kaum, der Wohnblock aus den Dreissigerjahren im Berner Kirchenfeldquartier, in dem bis 2008 die Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika untergebracht war. Weitaus charmanter präsentiert sich das Restaurant Essort im Erdgeschoss.

Die Einrichtung ist etwas gewagt – schwere Holztische unter opulenten Kronleuchtern, in der Mitte lodert es im Backsteincheminée, und links bietet sich unweigerlich freie Sicht auf die offene Küche. Seit vier Jahren trifft hier europäische Gourmet-Küche auf Aromen aus aller Welt. Die Wände des Lokals zieren Tier- und Naturfotografien – Relikte aus der Vergangenheit der Betreiber Urs und Karin Lüthi.

Vor 18 Jahren, als eben ausgelernter Koch, entschied Lüthi, die Kochschürze an den Nagel zu hängen und Naturfotograf zu werden. Ein gemeinsames Fotoprojekt mit seiner Frau sei der Auslöser gewesen. Hierauf zog das Paar um die Welt – stets auf der Suche nach dem perfekten Bild. 18 internationale Foto-Preise wurden dem Berner in dieser Zeit verliehen – darunter mehrere von der britischen BBC.

Während die beiden zwischen Alaska und Patagonien umherreisten, wuchs der langjährige Wunsch nach einem eigenen Restaurant. Essort sollte es heissen, das stand schon damals fest. Als Standort kam für die beiden nur die ihrer Meinung nach «schönste Stadt der Welt» infrage – ihre Heimatstadt Bern.

Die Suche nach einem bestehenden Lokal endete erfolglos. «Uns wurde nur Schrott angeboten», sagt Urs Lüthi, aber «Planänderungen» seien sie sich vom Reisen her gewohnt gewesen.

So haben sie nur noch Räumlichkeiten in Betracht gezogen, die sie selbst umbauen konnten. Nach einer Serie von Enttäuschungen nahmen sie schliesslich einen Augenschein in der ehemaligen US-Botschaft. Nach fünf Sekunden sei klar gewesen, sagt Lüthi: «Das ist es!» Ein paar Monate später wurde die Eröffnung gefeiert.

Die kulinarischen Erinnerungen aus aller Welt verwertet Lüthi in seinen Gerichten. Demnach verspricht auch die Internetseite des Restaurants «eine Reise für die Sinne». Die Berner entpuppten sich erfreulicherweise als «weltoffene Schlemmer», sagt er – die meisten Gäste beträten gerne kulinarisches Neuland und kosteten gerne äthiopisches Berbere-Gemüsemousse, argentinisches Chimichurri-Sorbet oder trockengereiftes New York Strip-Steak.

Innovationsgeist beweist das Ehepaar Lüthi auch hinsichtlich neuer Geschäftsideen. Im Sommer eröffneten sie ihre Gelateria und boten vor dem Haus selbst gemachte Glace an. Und vergangene Woche nahmen sie den Essort-Laden mit Take-away in Betrieb. Wie waren die Reaktionen aus dem Quartier?

Lüthi räumt ein: «Bei all diesen Projekten – insbesondere vor dem Umbau zum Restaurant – haben wir mit Einsprachen gerechnet.» Doch seien solche nicht nur ausgeblieben, vielmehr hätten die Anwohner ihre Ideen «mit offenen Armen aufgenommen». In dieser Gegend seien Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten eher dünn gesägt.

Folglich hätten sich viele über «etwas Leben im Quartier» gefreut. Weniger positiv fiel das kürzliche Urteil der Gastrobibel «Gault Millau» aus. Vormals noch mit 13 Punkten gekrönt, erkannte ein Tester dem Essort einen Punkt ab.

Wollte Lüthi zu viel, hat er sich gar verzettelt? Dieser winkt ab. «Keinesfalls», seine Frau und die Crew hätten ihm in hektischen Zeiten viel Arbeit abgenommen. «Der Punkteabzug ist ungerechtfertigt.» Dank einem grösseren Küchenteam sei mehr Spezialisierung möglich – seine Küche habe sich dadurch «deutlich weiterentwickelt».

«Das Fernweh macht uns gelegentlich zu schaffen.»Urs Lüthi

Etliche Gäste scheinen ihm beizupflichten – auf dem Bewertungsportal «Tripadvisor» belegt der Essort Rang vier von insgesamt 393 Restaurants in der Stadt Bern. «Eine echte Perle», «Ess-Oase» oder «die unbestrittene Nummer eins in Bern», rühmen die Kommentarschreiber in den aktuellsten Beiträgen.

Nichtsdestotrotz, blickt der Koch manchmal gerne auf die Jahre als Naturfotograf zurück. Was er daran am meisten vermisse? «Die Unabhängigkeit», vor allem die zeitliche, sagt er. «Das Fernweh macht uns gelegentlich zu schaffen.» (Der Bund)

Erstellt: 09.11.2015, 11:31 Uhr

Auge in Auge mit dem Grizzlybär

Der unendliche Sternenhimmel über den chilenischen Altiplanos, Wüstengebiete in Namibia oder tanzende Polarlichter in Alaska – diese und weitere Sujets nahm Urs Lüthi vor die Linse.

Gemeinsam mit seiner Frau Karin bereiste der Berner als Natur- und Tierfotograf alle Kontinente. Dabei stand er Auge in Auge mit Grizzlybären, Straussenküken und Nilpferden.


Alle seine Bilder basieren auf analoger Technik. Diese bevorzuge er vor allem wegen der «hohen Projektionsbrillanz» und der «Authentizität der Dias», sagt er.

Innerhalb von 15 Jahren wurden Lüthi 18 internationale Fotografie-Preise verliehen. Wegweisend für seine Künstlerkarriere waren in erster Linie zwei Auszeichnungen des BBC-Fotowettbewerbs «Wildlife Photographer of the Year» im Jahr 2003, dabei gewann er in den Kategorien «In Praise of Plants» und «From Dusk till Dawn».


Lüthi vergleicht die Kamera gerne mit einem Pinsel oder einem Musikinstrument. In Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Musiker David Plüss entstanden sogenannte Multivisionen, Diashows mit eigens komponierter musikalischer Begleitung.
Alexandra Graber

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