Von Seelentieren und Wutbürgern

Es ist Halbzeit am Gurtenfestival. Eine musikalische Zwischenbilanz.

Er macht einen weiten Bogen um die Puderzuckerdose des Soul: Der Gurtenheld 2018 Jacob Banks.

Er macht einen weiten Bogen um die Puderzuckerdose des Soul: Der Gurtenheld 2018 Jacob Banks. Bild: Marco Raho

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Gurtenfestival 2018 ist noch sehr, sehr jung, als es eine seiner sehr, sehr dunklen Stunden erlebt. «Prost, ihr Säcke», grölt ein Sprechsänger der Gruppe 257ers in die Menge. «Prost, du Sau», johlt die Menge routiniert zurück. Man kennt das Ritual aus RTL-2-Beiträgen über komasaufende Problemjugendliche im Dunstkreis des deutschen Schlagers. Und bis zu diesem Moment (an dem der Chronist beschliesst, seine Chronistenpflichten aufzugeben und das Gebiet um die Zeltbühne fluchtartig zu verlassen) haben die Gaudiburschen aus Essen ein Bierfurz- und Eierkratz-Entertainment geboten, das tatsächlich selbst in den kunstfeindlichsten Kaschemmen auf Malles Partymeilen keine Buhrufe auslösen würde. Es ist, als wären Scooter als Brecheisen-Spass-Rapper wiedergeboren worden, und – man darf es verraten – das ist nichts, was die Welt in irgendeiner Weise lebenswerter oder hübscher macht.

Während der eine Teil des Publikums (der grössere) sich aus einem angeborenen Party-Reflex heraus anschickt, das Ganze bierselig zu betanzen, versucht sich der andere Teil der Zuhörerschaft (der kleinere) vergeblich zu erinnern, ob der Gurten jemals etwas dermassen episch Behämmertes zu erdulden hatte.

Kein Schneesportwunder

Also nichts wie rauf zu Pat Burgener, dem nachdenklichen Schneesportler mit der musikalischen Zweitkarriere, der zur selben Zeit die Waldbühne bespielt. Doch Trost bietet auch der nicht. Sein Temperament ist nicht feurig, sondern lagerfeurig, er verfügt weder über eine gewinnende Singstimme noch über besondere Gitarrenspiel-Skills noch über aufregende Liedschreiber-Ideen noch über Originalität oder Entertainer-Qualitäten noch spielt er die Mundharmonika auf eine wesentlich andere Art und Weise, als es vor ihm bereits Generationen von Singer-Songwritern getan haben.

Aber immerhin gibts von ihm keinen Klamauk, und das ist ihm in diesem speziellen Moment sehr hoch anzurechnen. Doch so richtig gut ist der Burgener trotzdem nicht. Der Half-Pipe-Olympia-Fünfte von Sotschi singt Lieder ohne besondere Eigenschaften, das Publikum sitzt dazu im Gras und verpasst ob dieser ganzen konzertanten Ereignislosigkeit beinahe, die ausgesparten Klatschpausen mit Applaus anzureichern.

Erdiger Marley

Zu behaupten, das Gurtenfestival 2018 sei fulminant gestartet, wäre etwas unverhältnismässig. Der Sturm auf die Verkaufsstände mit den «Funhill»-T-Shirts hält sich in dieser dunklen Stunde noch in Grenzen. Doch je weiter die Sonnenuhr fortschreitet, desto erspriesslicher gestaltet sich das musikalische Geschehen. Da schreitet zum Beispiel irgendwann mit Damian «Jr. Gong» Marley der wohl begabteste aller Bob-Marley-Söhne auf die Hauptbühne, mit Rastalocken, die bis zu den Fussenden reichen, und mit einer angenehm rohen und kitschfreien Deutung der jamaikanischen Off-Beat-Musik.

Okay, die Visuals, die er auf den Bühnenhintergrund projizieren lässt (esoterische Lichtspiele, Wölkchen und Farbenfrohes aus dem Glaubenszweig des Rastafarianismus), entbehren nicht einer gewissen Süsslichkeit, doch ansonsten ist sein Tun erfreulich rau und erdig, mitsamt gelegentlichen Abstechern in den Dancehall und einer Band, die den Reggae zwar keineswegs aus den Angeln hebt, aber ihn in eher muskulöser als geschmeidiger Form interpretiert. So gesehen, scheint der kurze Block mit dem Liedgut aus Papas Nachlass fast schon entbehrlich – obzwar ein Schlager wie «Could You Be Loved» auf der spätnachmittäglich besonnten Gurtenwiese dann doch das Zeug hat, den totgeglaubten Rest-Hippie in einem wachzuschunkeln.

Betrübter Albarn

Was den Auftritt von Damian Marley ausserdem bemerkenswert macht, ist der Umstand, dass er einen vollamtlichen Fahnenschwenker auf der Bühne herumtanzen lässt. Ein netter Antizyklus in einer vermehrt auf Rationalisierung setzenden Musikwelt.

Szenenwechsel: Der Mann, der am Mittwochabend um 22.45 Uhr die Hauptbühne betritt, macht ein Gesicht wie ein englischer Fussball-Fan, der gerade miterleben musste, wie seine Nationalmannschaft kurz vor einem historischen Einzug in den WM-Final eine schmerzliche Niederlage gegen einen schlagbaren Gegner erlitten hat. Es ist ein sehr unfrohes, von tiefem britischem Fussball-Kummer zerfurchtes Gesicht, so unfroh, dass es fünf Minuten vor Beginn des Auftritts anweist, dass sämtliche Fotografen sofort den Fotograben zu verlassen hätten – es solle keine Nahaufnahmen von ihm geben.

Der Besitzer des Gesichts heisst Damon Albarn und steht der Gruppe Gorillaz vor, dieser Band, die 1998 als Comicfiguren-Combo gegründet wurde, seit Jahren jedoch immer mehr als Soloprojekt ebendieses Damon Albarn wahrgenommen wird, da die gezeichneten Charaktere irgendwie partout kein Eigenleben entwickeln wollten. Heute flackern die animierten Wesen zwar noch als Visuals über die LED-Wand, doch im Zentrum steht die Band, die da auf der Bühne waltet. Und was die veranstaltet, ist von erlesener Pracht. Da vermengt sich Goldkanten-Soul mit der Schlurfigkeit des Brit-Pop (Albarn war bekanntlich der Sänger der Gruppe Blur), da wird schnieker Chorgesang neben zottigen Rap gesetzt, da reibt sich hübsch abgefederte R’n’B-Geschmeidigkeit mit britischer Pop-Schnoddrigkeit. Mittendrin dieser Damon Albarn, der immer wieder betont, wie betrübt er ob der Niederlage der Engländer sei, dessen Schwermut dem musikalischen Vortrag jedoch durchaus förderlich ist. Erst nach diversen Bädern in der Zuschauermenge, während derer ihm viel Trost gespendet wird, hält die Freude an seinem Tagwerk wieder Einzug.

Keine Sorgen in Sachen Freude an der Arbeit muss man sich bei der Gruppe The Cat Empire aus Australien machen. Sie verrührt alles, was das gemeine Open-Air-Publikum befürwortet: Ska, Soul, Pop, Jazz, Reggae und Soul, und der Sänger betreibt die zu Unrecht etwas aus der Mode geratene Kunst des Singens mit einem Schmunzeln auf der Lippe. Das ist zwar grundsympathisch, doch um das Euphoriezentrum wirklich zu kitzeln, sind die Songs und die Stimmen der Australier dann irgendwie doch zu harmfrei. So verdunstet die Erinnerung an das Konzert von Cat Empire ähnlich hurtig wie Erfrischungsspritzer aus der Wasserpistole.

Wetterwendische Steff

Etwas länger wird das Konzert von Steff la Cheffe in Erinnerung bleiben. Nicht weil da ein endlos bejubelter Moment für die Gurten-Geschichtsbücher zu verzeichnen ist, sondern weil die aparte Bernerin auf offener Bühne ihren wetterwendischen musikalischen Werdegang samt aller Brüche in ein eineinviertelstündiges Set packt. Da ist zunächst die dodoeske Feelgood-Steff, die mit einer Reggae-Hip-Pop-Latin-Disco-Melange für gute Laune sorgt und den Lichttechniker dazu ermuntert, die farbigsten Lampen zum Blinken zu bringen. Die Leute sind beglückt, ein junger Mann aus dem Publikum – ein gewisser «Magic» – lässt sich zu einer öffentlichen Liebesbekundung hinreissen, und alles wartet darauf, im Schlussbouquet den Überhit «Annabelle» mitsingen zu dürfen.

Doch daraus wird nichts. Steff wechselt im zweiten Teil des Sets nämlich spornstreichs vom Sommer in den Wintermodus und konfrontiert den verwirrten «Magic» mit den Schürfwunden, die ihr die Liebe zugefügt hat. Musikalisch wirds düster bis bewölkt, die Bassdrums wummern eine Oktave tiefer, und in Steffs Gesang finden sich auf einmal Daseinsschmerz und beissender Furor. Die winterliche Steff erntet nicht mehr den ganz grossen Applaus, die künstlerische Wertsteigerung wird mehr bestaunt als bejubelt. Doch ihr Übergang vom bunten Vogel zum waidwunden Seelentier darf mit Spannung weiterverfolgt werden.

Heldenhafter Banks

Apropos waidwundes Seelentier: Jacob Banks aus Birmingham ist da schon einen ganzen Schritt weiter. Der 26-jährige Sänger mit nigerianischem Stammbaum beglückt seine Zuhörer mit einer aus den Tiefen des Soul und des Blues schürfenden Überwältigungsmusik und einer schrundigen Brunststimme, die selbst im Klagen nie an Grösse einbüsst. Es sind Songs voller Weltschmerz, Lieder, die trotz aller Tiefe nie den Boden unter den Füssen verlieren und einen weiten Bogen um die Puderzuckerdose des Soul machen. Eine ganz feine Sache ist das – und wenn es einen Helden der ersten beiden Festivaltage zu erküren gäbe, dann wäre dieser ernste Herr aus Birmingham bestimmt der Kronfavorit.

Wenn es die Band mit dem bestgeschmierten Hit-Konzept zu erküren gäbe, dann müsste man den Preis wohl murrend an die Gruppe Hecht aus Luzern aushändigen. Ihr Gemenge aus Adrian-Stern-Gefühligkeit und Kanti-Fest-Ausgelassenheit lässt den Applausometer – zumindest in den ersten Reihen – in ungeahnte Höhen schnellen und bringt echauffierte Mädchen dazu, mit ihren Händchen putzige Herzchen zu formen. Und wenn es eines Preises für die zutraulichste Disco-Pop-Darbietung des Gurtenjahrgangs bedürfte, dann gehörte die Gruppe Two Door Cinema Club zu den dringendsten Anwärtern, knapp gefolgt von den Klischee-überfrachteten Hipster-Disco-Beschaller von Parcels.

Und – wenn wir schon am Küren sind – darf auch die Auszeichnung für das hinterlistigste Manöver nicht fehlen. Sie geht an das Duo Lo&Leduc, das sich unter dem Alias Die Rumpelstilzlis ins Programm des Soundgarden-Zelts geschlichen hat, wo es mit seinem sonnigen Gemüt und den Liedern seines so verteufelt erfolgreichen Kostenlos-Albums «Update 4.0» für tumultuöse Szenen, einen Verkehrskollaps und einen Broncos-Grosseinsatz an – wer hätte es gedacht – viel zu schmächtiger Stätte sorgt.

Etwa zur gleichen Zeit bestürmt unter Polizeisirenen eine Band die Hauptbühne, die den Tumult auch musikalisch im Programm hat: Prophets of Rage, bestehend aus der Rhythm-Section der verblichenen Agitations-Combo Rage Against The Machine, dem Public-Enemy-Frontmann Chuck D und dem Cypress-Hill-Tunichtgut B-Real. Die musizierenden Wutbürger bewegen sich von der ersten Minute an im tiefroten Bereich, den sie das ganze Konzert über nicht mehr verlassen werden, Tom Morello vollführt alsbald seine staunenswertesten Gitarren-Tricks, und die Freude an ihrem wilden Treiben ist bald gewaltig.

Doch so wuchtig das Klangbild und so zeitlos die Crossover-Protest-Hymnen wie «Killing in the Name» oder «Bombtrack» auch sind, meldet sich mitten in die Freude irgendwann das Langzeitgedächtnis mit dem Einwand, dass der ganzen Revue mit dem von agitativem Wahnsinn getriebenen Ur-Sänger Zack de la Rocha eben doch noch ein bisschen mehr Dringlichkeit innewohnte. Aber egal. Das Langzeitgedächtnis ist auf dem Gurten gemeinhin eher störend. Und so prostet man den schweren Mannen mit den erstaunlich gut gealterten Sprunggelenken wohlwollend zu. Es ist Halbzeit auf dem Gurten. Wir beobachten weiter.

Der Live-Gurtenticker: gurten.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 13.07.2018, 06:38 Uhr

Artikel zum Thema

Eine Odyssee der Gefühle

Der zweite Gurtentag ist zu Ende. Wir durften Überraschungen erleben, unser Herz wurde gebrochen und wir haben durch Kartontrichter gepinkelt. Da muss eine lange Nacht folgen. Mehr...

Mit den Gorillaz in die Nacht

England scheidet aus der WM aus – die Briten von Gorillaz stehen auf der Hauptbühne. Das war der Mittwoch am Berner Gurtenfestival. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...