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Von Negern und unseren Vaganten

Die Ask-Force beschäftigt sich mit Wörtern, deren Gebrauch in den letzten Jahren heikel wurde.

Keine Sorge. Selbst wenn der Titel Ihnen bereits ein banges «Huch!» entlockt haben sollte: Wir bleiben philanthropisch. Unser jazzaffiner Leser R. G. aus Thun fragt bloss, ob das Palindrom «Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie» überhaupt noch verwendet werden dürfe: «Oder fällt es unter Rassismus?»

Damit sich bei uns keine Nachfragen auftürmen, zunächst dies: Ein Palindrom ist ein Wort oder ein Sätzchen, das von vorne und von hinten gelesen das Gleiche ergibt. Also etwa im Stile von «Nette Rehe retten» respektive umgekehrt: «Nette Rehe retten». Die Frage des Herrn G. hat an Brisanz gewonnen, seit SVP-Recke Erich Hess wegen der Aussage, er sehe überall «Neger am Dealen», angezeigt worden ist. Hess argumentiert ja jetzt, Neger sei für ihn «kein Schimpfwort». Der Begriff habe noch vor wenigen Jahrzehnten zum als kultiviert geltenden Sprachgebrauch gezählt. Hess outet sich also als sprachgeschichtsaffiner Experte. Ja, auch wir erinnern uns, wie der «Bund» 1934 über ein Jazzkonzert von Louis Armstrong schrieb: «Ein Saal voll Schweizer jubelt einem Neger zu.»

Weitergedreht lautet die Frage im Kern, ob Hess ebenfalls mit einer Strafanzeige rechnen müsste, wenn er im historiolinguistischen Seminar das Palindrom «Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie» rezitieren würde – statt auszuweichen auf die Version «Ein Mitmensch afrikanischer Herkunft verhält sich bei Niederschlag und in Begleitung eines weiblichen Individuums der Gattung Eduorcas, im arabischen Sprachgebrauch Ghazal genannt, nie zaghaft».

Die völlig humorfreie Antwort ist simpel: Es ist gut, den Wandel der Sprache zu kennen. Es ist gut, zu wissen, dass sich die Bedeutung von Begriffen verschiebt, mithin ins Gegenteil. Es ist gut, mit heutigen Menschen den heute gültigen Wortschatz zu teilen, ausser man ziele auf Verletzung und Zurücksetzung ab. Worte sind nicht nur Teil des Wortschatzes, sondern auch Teil des Geschichtswissens.

Der 1852 publizierte Sklavenbefreiungsroman «Onkel Toms Hütte» von Harriet Beecher Stowe trägt den Untertitel «Eine Negergeschichte». Aber: Das Buch ist per se eine Schrift gegen den Rassismus. Schriebe Harriet aber heute, würde sie Tom ebenso selbstverständlich nicht Neger nennen, sondern wohl Afroamerikaner; aber immer noch Sklave, denn das war er – auch aus heutiger Sicht.

Wir finden ein Erklärstück auch im eigenen Land. Es galt in der Schweiz im behördlichen Schriftenverkehr bis weit über Louis Armstrongs Konzert hinaus als normal, von «Vaganten», «versippten Landstreichern», «Gaunern» und «Unkraut der Landstrasse» zu schreiben, wenn Jenische und Sinti gemeint waren. Das zu wissen, ist gut. Es zeigt, dass Sprache tatsächlich verurteilen kann. Genau deshalb sagte Bundesrat Alain Berset an der letzten Feckerchilbi «Liebe Jenische, liebe Sinti». Er rührte sie damit zu Tränen, bloss indem er sie so nannte, wie sie sich selber nennen.

Noch zu jenen, die ein unverfängliches Palindrom suchen. Probieren Sie es mit «Reit nie tot ein Tier». Das finden sogar Veganer lustig. Ein Ask-Force-Mitarbeiter mit dem zweifelhaften Mittelnamen Udo schlug stattdessen «O du relativ vitaler Udo» vor. Die Mehrheit fand diesen Vorschlag aber «gar nicht lustig» oder «eher nicht lustig». Nur jemand grölte schenkelklopfend (rückwärts): «O Genie, der Herr ehre dein Ego!»

Sei fein, nie fies. Sei frei von Eibohphobie. Frage hier: askforce@derbund.ch

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