Von der Tuberkulosehöhle zum Künstlerquartier

Das Nydeggquartier ist eines der historisch ältesten der Stadt Bern – und gleichzeitigeines der architektonisch neuesten. Nicht immer ging es dem Viertel so gut wie heute.

Jan Straub schrieb den neuen Kunstführer über die Geschichte rund um die Nydegg.

Jan Straub schrieb den neuen Kunstführer über die Geschichte rund um die Nydegg.

(Bild: Adrian Moser)

Warum fällt das Nydeggquartier direkt ins Auge, wenn man Bern von oben betrachtet? Steht man im Rosengarten und blickt auf die Berner Altstadt, sieht die Nydegg aus wie eine Schnecke oder Schlange. Ganz anders erscheinen die restlichen parallel angeordneten Strassen. «Heute zählt das Quartier zu den attraktivsten Wohngegenden der Stadt Bern», sagt Jan Straub, Autor eines soeben erschienenen Kunstführers zur Nydegg. Das war aber nicht immer so.

Der Sakristan der christkatholischen Kirche St. Peter und Paul beim Rathaus schrieb den Kunstführer auf Anfrage der Kirchgemeinde Nydegg. Er arbeitete daran in seiner Freizeit – und er machte es gern, denn es ist sein Hobby. «Leben kann man davon nicht.» Etwa ein Jahr brauchte Straub, um die über 800-jährige Geschichte des Nydeggquartiers und seiner Kirche aufzuarbeiten.

Die Nydegg-Stadt

Einen Kunstführer nur über die Nydeggkirche zu schreiben, sei allerdings nicht besonders ergiebig, meint Strauss. «Die Geschichte der Kirche allein ist nicht wirklich speziell.» Sie sei auch nicht, wie viele irrtümlich glaubten, die älteste Kirche der Stadt. Denn bei der Stadtgründung stand dort, wo heute die Kirche steht, die Burg Nydegg.

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Oft wird das Nydeggquartier als Kern Berns bezeichnet, von dem alles ausgegangen und entstanden ist. Laut Straub stimmt es, dass die Burg Nydegg etwa um 1190 entstanden ist, und gemäss der aktuellen Forschungslage sind Stadt und Nydegg miteinander konzipiert worden. «Trotzdem spielte das Nydeggquartier von jeher eine eigene Rolle», sagt Straub. Es habe die Städter oben in der planmässig angelegten Gründungsstadt gegeben und jene unten, die ursprünglich für die Versorgung der Burg zuständig waren. Letztere ist der Grund, warum die Anlage des Nydeggquartiers so speziell ist: Anders als das restliche Bern wurden die Häuser kreisförmig um die Burg erbaut. «Eigentlich ist die Nydegg sehr lange als eigene kleine Stadt zu verstehen», sagt Straub. Zwischen den 1260er- und 1270er-Jahren wurde die unliebsam gewordene Burg durch die Stadt Bern fast vollständig zerstört. Das änderte aber die Eigenständigkeit des Quartiers vorerst nicht.

«Eigentlich ist die Nydegg sehr lange als eigene kleine Stadt zu verstehen.»

Als 1255 die erste Brücke ans gegenüberliegende Aareufer gebaut wurde, entschloss die Stadt, das Nydeggquartier in die Stadtbefestigung mit einzubeziehen. Durch die direkte Verbindung des Nydeggstaldens zum Mattequartier, das sich dank dem Stauwehr zu einem ausgeprägten Gewerbeviertel entwickelte, profitierte auch die Nydegg vom Handel. Aber die wirtschaftlich günstige Lage machte sie nicht zum beliebten Wohnquartier: Hochwasser, lauter Verkehr und Geschäfte – die Anwohner klagten schon damals gerne über Lärm. Das Viertel war geschäftig und laut – und die Bevölkerung wuchs. Erst um 1340 bekam das Quartier eine eigene Kapelle – die heutige Nydeggkirche.

Der Berner Slum

Erst 1844 mit dem Bau der Nydeggbrücke kehrte Ruhe ein – doch der Preis war hoch. Durch die Nydeggbrücke verlegte sich der Handel vom steilen, verkehrstechnisch mühsamen Nydeggstalden nach oben auf den direkteren Weg über die neue Brücke. Kirche und Quartier gerieten mehr und mehr ins Abseits. Keine Passanten und Kunden mussten mehr durch das Nydeggquartier, das Gewerbe litt darunter. Das Quartier galt fortan als Armenviertel Berns. Zeitgenossen nannten es Anfang des 20. Jahrhunderts «verslumt».

In den 1950er-Jahren startete die Stadt Bern einen Architektur-Wettbewerb, um die maroden und feuchten «Tuberkulosehöhlen» zu eliminieren und das Viertel durch eine Totalsanierung wieder instand zu setzen. Der Berner Architekt Hans Weiss, der den Wettbewerb gewann, wurde später von der Fachwelt heftig kritisiert – der historische Stil seiner Häuser sei nicht zeitgemäss. Da ist Straub anderer Meinung: «Weiss hat Bern für die Unesco gerettet.» Der zweitprämierte Vorschlag in den radikalen Formen des «neuen Bauens» beispielsweise hätte das Stadtbild ruiniert. Nur wenigen sei bewusst, so Straub, dass weite Teile des Nydegg-Viertels eine gelungene Neuschöpfung und dadurch erst 60 Jahre alt seien.

Heute geht es dem Nydeggquartier wieder gut. Mit seinen Bewohnern – Architekten und Künstlern – und seinen Life-Style-Geschäften könne man es wohl am besten «als Mittelstandsquartier mit einem künstlerischen Flair bezeichnen», meint der Sakristan. Das Armenviertel ist heute verschwunden. Straub selber wohnt im Tiefenauquartier mit Blick auf die Aare. «Mir gefällt es sehr gut dort. Wenn mir aber jemand eine Wohnung anbieten würde, würde ich sofort ins Nydeggquartier ziehen.»

Der Bund

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