Von der Hoffnung, dass sich der Deal verpulverisiert

Muss man an anderen Plätzen in Bern den Deal tolerieren, um ihn von der Reitschule wegzubekommen? Stadtpräsident Alec von Graffenried ist skeptisch.

«Sämtliche Fachleute sagen mir, dass es den Strassenhandel im Umfeld der Reitschule nicht braucht, um die Nachfrage nach Kokain zu befriedigen», so von Graffenried.

«Sämtliche Fachleute sagen mir, dass es den Strassenhandel im Umfeld der Reitschule nicht braucht, um die Nachfrage nach Kokain zu befriedigen», so von Graffenried.

(Bild: Franziska Rothenbühler (Archiv))

Ketzer könnten einwenden, dass der Raum Schützenmatte/Vorplatz aus städtischer Sicht der ideale Ort für Drogenhandel ist: in unmittelbarer Nähe der Drogenanlaufstelle und gleich beim widerborstigen Kulturzentrum, wo sich viele Randständige, Flüchtlinge und Linksautonome herumtreiben. Die Polizei braucht also nur einen Ort im Auge zu behalten – und hat gleichzeitig mehrere Problemherde im Blick. Zumindest die Berner Stadtregierung kommt zu einem anderen Schluss. Einerseits treiben sich in der Reitschule auch viele Jugendliche herum, die man so gut es geht von Drogen fernhalten möchte. Andererseits schafft der sichtbare und aggressive Drogenhandel eine Stimmung der Gesetzlosigkeit, die auch andere Straftaten begünstigt.

Doch wie wird man den Handel beim Kulturzentrum wieder los? Und: Werden die Händler ihr Geschäft an den Nagel hängen, wenn man ihnen das Leben mit Repression schwermacht?

Progressive Stadträte bezweifeln das. In einem Vorstoss forderte Christa Ammann (AL) mit Unterstützung von Melanie Mettler (GLP), dass die Stadt in mehreren Quartieren sogenannte Dealer-Corners einrichtet, also Orte, an denen der Verkauf von illegalen Drogen toleriert wird. Die Idee dahinter: Trotz teils drastischer Strafen und viel Polizeiarbeit konnte der Drogenhandel nirgends nachhaltig unterbunden werden. Also soll er zumindest an Orten stattfinden, wo sich die negativen Begleiterscheinungen im Rahmen halten.

Experte fordert Regularisierung

Der Gemeinderat und auch der Stadtrat erteilten dem Ansinnen mit Verweis auf die Bundesgesetzgebung eine Abfuhr. Doch jetzt, wo sich die Problematik wieder akzentuiert, könnte die Debatte wieder neu aufflammen. So munkelt man, dass sich Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) im Rahmen der Reitschulgespräche für Dealer-Corner ausgesprochen habe. Mit den Gerüchten konfrontiert, relativiert von Graffenried aber. «Wir wollen diesen offensiven Kokaindeal in der Stadt Bern grundsätzlich nirgends», sagt er. Allerdings sagt er auch, dass eine Verlagerung des Deals an einen Ort ohne Jugendliche eine Besserung der Situation darstellen würde. Wo dieser Ort sein könnte, lässt er offen.

Michael Herzig hat Verständnis für die zurückhaltende Kommunikation von Graffenrieds. «Es wäre politischer Selbstmord, wenn ein Stadtpräsident öffentlich kommunizierte, dass an gewissen Plätzen Drogenhandel toleriert werde», sagt er. Herzig schreibt Krimis, doziert an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und fungierte als Drogenbeauftragter der Stadt Zürich. Und Herzig ist beileibe kein Konservativer: In zahlreichen Medienartikeln setzt er sich etwa für die Regularisierung aller Drogen ein.

«Ein kleiner Rest wird auch künftig im öffentlichen Raum Drogen verkaufen.»Alec von Graffenried, Stadtpräsident

Der Forderung nach Dealer-Corner begegnet er aber mit gewisser Skepsis. Einerseits sei es sicher ein taugliches Mittel, um den Handel räumlich zu organisieren und Dealer von unliebsamen Orten wegzubringen. Die Frage sei allerdings, wie diese Orte mit geduldetem Verkauf gemanagt würden. Ein zu liberaler Umgang könnte zu Revierkämpfen führen, zu grosse Interventionen hingegen würden die Corner wieder unattraktiv für Käufer wie Verkäufer machen.

Insgesamt liesse sich die Situation mit Dealer-Cornern sicher verbessern, sagt Herzig. «Letztlich handle es sich aber bei solchen Modellen nur um «Hilfskonstruktionen». Das eigentliche Problem sei die Prohibition. «Die müsste man aufheben und durch eine sinnvollere Regulierung ersetzen.» Auch wenn es für solch komplexe Probleme keine einfachen Lösungen gebe.

Herzig stützt seine Einschätzung auch auf konkrete Erfahrungen, die man in Rotterdam gemacht hat. In der niederländischen Stadt hatte Ende der 1990er-Jahre ein Pfarrer in Eigenregie in der Pauluskirche ein «Fixerstübli» eingerichtet. Wenig später erteilte er auch einzelnen Drogenhändlern Lizenzen, vor Ort die Süchtigen zu beliefern. «In Rotterdam gelang es, Deal und Konsum aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen», sagt Herzig dazu. Allerdings hätten sich auch neue Probleme ergeben. «Wenn an einzelne Händler Lizenzen verteilt werden, werden diese extrem lukrativ – dementsprechend greifen die Händler auch zu vielen Mitteln, um an eine solche Lizenz zu kommen.» Nach einem Machtwechsel in der Stadtregierung wurde das Experiment schnell wieder beendet.

Polizei winkt ab

Denkbar wäre auch eine informelle Herangehensweise. Etwa, dass die Polizei den Deal an einigen weniger frequentierten Orten weniger stark verfolgt als im Raum Schützenmatte/Vorplatz. Manuel Willi, Chef der Regionalpolizei, will davon aber nichts wissen. «Wir haben den gesetzlichen Auftrag, Drogenhandel zu unterbinden», sagt er. Die Polizei habe deshalb weder die Möglichkeit, die Repression an einigen Orten zurückzufahren, noch halte er dieses Vorgehen für sinnvoll. «Unser Ziel ist es, auch mit Blick auf den Jugendschutz, die einfache Verfügbarkeit von Drogen zu unterbinden.» Dann bleibt also nur die Hoffnung, dass sich der Deal einfach in Luft auflöst? «Zum Teil», sagt von Graffenried. «Sämtliche Fachleute sagen mir, dass es den Strassenhandel im Umfeld der Reitschule nicht braucht, um die Nachfrage nach Kokain zu befriedigen.» Er sei im illegalen Kokainmarkt, der grösstenteils im Verborgenen ablaufe, eine Randerscheinung. Von Graffenried geht davon aus, dass bei konsequenter Weiterführung der Repressionsstrategie ein Teil der Händler sich tatsächlich umorientieren werde. Andere verlagerten ihre Tätigkeit vielleicht in Wohnungen oder ins Internet. «Und ein kleiner Rest wird auch in Zukunft im öffentlichen Raum Drogen verkaufen.»

Der Bund

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