Von beliebten Losen und geheimen Kassen

Schon früh erkannte der Staat die Möglichkeit, mittels Glücksspiel Projekte zu finanzieren.

Dank einer Lotterie konnte im Jahr 1890 das Münster ausgebaut werden.

Dank einer Lotterie konnte im Jahr 1890 das Münster ausgebaut werden. Bild: Beat Schweizer

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Die erste bekannte Schweizer Lotterie fand 1465 in Zürich statt. Ein Knabe fischte aus einem sogenannten Glückshafen zunächst einen Zettel mit dem Namen des Gewinners, danach aus einem zweiten einen Zettel mit dem Gewinnbetrag. In der ganzen Schweiz war dieses Glücksspiel beliebt. Bereits damals erkannte man die Möglichkeit, damit kostspielige Projekte zu finanzieren. Im alten Bern waren diese Glücksspiele jedoch verboten.

562 Millionen Gewinn

Im 19. Jahrhundert war es in Bern erstmals so weit, dass unter anderem Bauprojekte über Lotterien finanziert werden konnten. So wurde der Turm dank zwei Münster-Lotterien im Jahr 1890 ausgebaut. Die Stiftung Schloss Spiez konnte ebenfalls mit einer eigens durchgeführten Lotterie die Burg kaufen und auf diese Weise privatem Zugriff entziehen. Der immense Erfolg dieser einzelnen Projekte führte zur Gründung einer grosse bernischen Lotteriegesellschaft. Im 18. Jahrhundert machte das Lotteriewesen in der Schweiz etliche Probleme.

Deshalb waren ab 1915 Glücksspiele in der ganzen Schweiz nicht mehr erlaubt. Im Bundesgesetz von 1923 wurden jedoch Lotterien, die gemeinnützigen oder wohltätigen Zwecken dienten, vom Verbot ausgenommen. Als eine von vier grossen Lotteriegesellschaften entstand 1933 im Kanton Bern die Seva-Lotteriegenossenschaft. In den folgenden Jahrzehnten war sie die einzige Organisation, die berechtigt war, Grosslotterien durchzuführen.

Während ihres 70-jährigen Bestehens kamen laufend neue Produkte auf den Markt, darunter Aufreiss- und Rubbellose oder Pferdewetten, bei denen die Seva oft mit anderen Lotteriegesellschaften zusammenspannte. Besonders viel Geld brachte das Schweizer Zahlenlotto ein, das 1970 ins Leben gerufen worden war. In den letzten beiden Jahrzehnten gewann auch die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Fernsehen immer mehr an Bedeutung mit Sendungen wie etwa «Benissimo».

2003 wurde die Seva aufgelöst. Sie verschmolz mit den anderen grossen Lotteriegesellschaften zur heutigen Swisslos. Bis dahin hatte sie 562 Millionen Franken an Gewinn erwirtschaftet. Auf die heutige Kaufkraft umgerechnet, wären das stolze 862 Millionen Franken. Der grösste Teil des Geldes kam Projekten aus Kultur, Denkmalpflege, Heimat-, Natur- und Umweltschutz, Tourismusförderung und gemeinnützigen und wohltätigen Stiftungen zugute.

Der Berner Finanzskandal

Wo viel Geld fliesst, braucht es ein unabhängiges Kontrollorgan. Was heute als selbstverständlich gilt, war im Jahre 1984 noch nicht institutionell geregelt. Damals machte der Finanzbeamte Rudolf Hafner massive Verfehlungen des bernischen Regierungsrats öffentlich. Heute würde man ihn wohl Whistleblower nennen: Die bernische Finanzaffäre brachte ans Licht, dass die Lotteriegelder für die einzelnen Regierungsräte teils frei zur Verfügung standen – das «Seva-Kässeli» wurde zum Begriff. Praktisch das ganze bernische Establishment war beteiligt. Ein Regierungsrat liess etwa seinen Jaguar auf Staatskosten reparieren.

Heute gibt es strenge Regeln, unabhängige Revisoren und – anders als früher – kein Konto mehr mit der Bezeichnung «Unvorhergesehenes». Trotzdem ist die Verwendung der Lotteriegelder ein kontroverses Thema geblieben. (Der Bund)

Erstellt: 15.05.2018, 07:01 Uhr

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