Vom Musikfestival zum Dorffest

Zu lange haben die Veranstalter auf sichere Werte und die immer gleichen Bands gesetzt.

Die Festivalbesucher interessieren sich nur begrenzt für die Musik.

Die Festivalbesucher interessieren sich nur begrenzt für die Musik. Bild: Sam Konrad

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Kürzlich in St. Gallen: Das dortige Open Air gehört zu den altehrwürdigen der Schweiz. Dieses Jahr unternahmen die Kollegen von SRF3 den Versuch, kraft einer Umfrage herauszufinden, welche Bands die Menschen ins Sittertobel gelockt hatten. Das Ergebnis war ernüchternd. Kaum jemand kannte eine Band, kaum jemand war wegen der dargebrachten Live-Musik angereist.

Am Gurtenfestival, das am Mittwoch starten wird, dürfte eine Umfrage ähnliche Resultate zeigen. Die Art, Musik zu konsumieren, hat sich radikal verändert. Die Hörer vertiefen sich kaum in das grenzenlose Angebot, das ihnen die Streaming-Dienste bieten. Sie hören, was ihnen die Plattformen auf vorgefertigten Listen unterbreiten. An den Open Airs werden dann besonders jene Hits bejubelt, die man von der Spotify-Hitliste kennt – der Rest wird erduldet.

Die Kulturpessimisten erklären deshalb das Open-Air-Format zum Auslaufmodell. Am Festival der Zukunft werde eine Band in einem 15-Minuten-Block ihre vier Hits spielen und dann der nächsten Platz machen, so wie man es von den Radio-Energy-­Partys kenne. Die Hoffnung ist gross, dass die Kulturpessimisten unrecht bekommen. Doch Tatsache ist, dass gewisse Festivals – auch der Gurten – heuer bereits mehr Mühe bekunden, ihre Tickets loszuwerden.

Zu lange haben die Veranstalter auf sichere Werte und die immer gleichen Bands gesetzt. Das garantierte zwar meist ein ausverkauftes Festival, hatte aber die Nebenwirkung, dass die Neugier auf das Programm schrumpfte und sich die wahren Musikliebhaber abwandten. Es wurde ein Publikum herangezüchtet, das an der Musik nur am Rande interessiert ist. Und so wird am Wochenende auf dem Gurten die Stimmung kaum von der musikalischen Qualität abhängen. Es lockt das Gesamterlebnis, es locken die bunten Scheinwerfer, die Alkoholika, die Geselligkeit und das Abenteuer im Iglu-Zelt. Neben diesem Dorffest-­Stimulus ist es dann eher zweitrangig, wer da gerade auf der Hauptbühne für die Tonspur sorgt.

(Der Bund)

Erstellt: 09.07.2018, 06:33 Uhr

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