Vom Abfallberg auf dem Gurten ins Flüchtlingslager am Ärmelkanal

Nach Open Airs türmt sich der Abfall. Freiwillige wollen deshalb nach dem Gurtenfestival Zelte für Flüchtlinge sammeln.

70 Zelte für Flüchtlinge sammelten Freiwillige in den vergangenen Wochen schon ein, weitere sollen folgen.

70 Zelte für Flüchtlinge sammelten Freiwillige in den vergangenen Wochen schon ein, weitere sollen folgen.

(Bild: zvg/Samuel Schalch)

Nach durchgefesteten Tagen gleichen die Gelände der Open Airs meist einer Müllhalde: 3000 Zelte blieben nach dem Open Air in St. Gallen liegen, 150 Tonnen Abfall säumten die Wiese in Frauenfeld. Rechnet man mit zwei Schlafplätzen pro Zelt, hätte man in St. Gallen im Zeltdorf die ganze Gemeinde Bolligen unterbringen können.

Eine Gruppe junger Leute hofft, auf dem Gurten eine zwar dreckige, aber brauchbare Ausbeute anzutreffen. Sie hat sich deshalb entschieden, am Montag nach dem Festival auf dem Gelände in den Müllberg zu stechen. Ihr Ziel: Zelte, Matten und Schlafsäcke für Flüchtlinge in Frankreich aus dem Abfall fischen.

Der Veranstalter des Gurtenfestivals, Philippe Cornu, muss die Erwartungen der Freiwilligen jedoch dämpfen: Er rechnet damit, dass auf dem Gurten weit weniger Campingmaterial liegen bleiben wird als an anderen Open Airs. Der Gurten kann pro Nacht lediglich 3000 Zelte fassen, zudem bestehen strikte Eingangskontrollen zum Campingbereich.

Hoffnungen statt Erwartungen

Erwartungen haben sie keine, sagt Salvatore Pittà aus Bern, der die Suche nach den Hilfsmaterialien koordiniert. «Aber wir haben nichts zu verlieren.» Viel zu verlieren haben hingegen die Flüchtlinge, für die Pittà mit seinem Team sammelt. Tents-4-Freedom, so nennt sich die Sammelaktion, will mit dem gesammelten Material gestrandete Flüchtlinge in Calais unterstützen. Denn in Calais herrscht laut Pittà Not. Schon seit langem und seit einem Monat besonders. Die 70 000 Einwohner zählende Stadt liegt am Ärmelkanal und somit an der Schengen-Aussengrenze. Deshalb finden sich seit Jahren Menschen in Calais ein, um dem Dublin-System zu entkommen. Dieses besagt, dass jenes Land für die Asylprüfung zuständig ist, in welchem die Asylsuchenden das erste Mal registriert wurden. Da Grossbritannien nicht zum Schengen-Raum gehört, hoffen die Migranten in Calais deshalb, auf der anderen Seite des Kanals eine neue Chance auf Asyl zu bekommen.

Die von Freiwilligen aufgebauten Unterstützungsstrukturen für die Migranten in Calais wurden vor gut einem Monat durch die französischen Behörden zerstört, das staatliche Camp schon vor 12 Jahren geschlossen. 750 Personen wurden beim Behördeneinsatz Anfang Juni von der Polizei festgenommen.

Die Lage in Calais spitzt sich zu: Allein im Jahr 2014 sind laut Pittà bisher acht Personen aufgrund der schlechten Lebensbedingungen in Calais gestorben. Pittà, der das internationale Netzwerk Welcome to Europe koordiniert, erreichte den Hilferuf durch eine Organisation, welche sich für Migranten vor Ort einsetzt. «Es fehlt an allem, selbstverständlich helfen wir da», so Pittà.

Opfer des politischen Systems

Cornu vom Gurtenfestival freut sich, dass das liegen gelassene Material nun für einen karitativen Zweck verwendet wird. Er sicherte Tents-4-Freedom den Zugang zum Gelände am Montagmorgen in der Frühe zu. Schon früher seien manchmal Privatpersonen gekommen und hätten beispielsweise Mätteli für ein Pfadilager oder Zelte für die eigenen Kinder eingesammelt. Es sei jedoch das erste Mal, dass eine abgesprochene Sammelaktion im grösseren Rahmen stattfinde. Pittà selber freut sich, am Montag in der Morgenfrühe auf dem Gurten zu stehen. Wichtiger als der karitative Akt ist für ihn jedoch die politische Botschaft: Das Schengen-Abkommen an und für sich sei das Problem, denn an den Aussengrenzen würden Menschen sterben, ohne dass die Politik aktiv werde, so Pittà. Für ihn ist deshalb klar: «Die Flüchtlinge in Calais sind Opfer unseres politischen Systems.»

Parallel zur Aktion sammelt Tents-4-Freedom weitere Materialien, die den Flüchtlingen in Calais das Leben erleichtern sollen, so etwa Kochtöpfe, Werkzeug und Spiele für Kinder. Andere Freiwillige klapperten zudem die Open Airs Frauenfeld und St. Gallen ab, sodass schon bald eine Kolonne gefüllter Kleinwagen nach Calais aufbrechen kann.

Der Bund

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