Vier Tage und vier Nächte lang wird man im Münster Stimmen hören

Im Münster beginnt eine Nonstop-Bibellesung. Sprechprofis lesen ohne Unterbruch – bis am Mittwoch.

Nonstop-Lesung bedeutet, dass am Sonntag auf dem Gerüst auch dann aus der Bibel gelesen wird, wenn Pfarrer Beat Allemand den Gottesdienst abhält.

Nonstop-Lesung bedeutet, dass am Sonntag auf dem Gerüst auch dann aus der Bibel gelesen wird, wenn Pfarrer Beat Allemand den Gottesdienst abhält.

(Bild: Adrian Moser)

Dölf Barben@DoelfBarben

«Da ist eine Melodie drin in dieser Sprache», sagt Beat Allemand. Eben hat der Münsterpfarrer ein paar Sätze aus der Lutherbibel vorgelesen. «Es sind poetische Formulierungen; irgendwie hat Luther sie auch erfunden, die ‹Schrift›, wie mein Grossvater die Bibel noch nannte.»

Am Freitagabend beginnt am Berner Münster eine Performance, wie es auf dem Flugblatt heisst: eine Nonstop-Lesung der Bibel. Sie startet während der Vesper (ab 17.30 Uhr) und dauert bis am Mittwochabend. 46 Studierende, Dozierende und Mitarbeitende der Hochschule der Künste Bern, Studienbereich Theater, werden sich abwechseln und die Bibel ohne Unterbruch vorlesen. Das Baugerüst, das im Chorbereich des Münsters aufgebaut ist, dient als Bühne.

Ohne Unterbruch, das ist wörtlich zu verstehen: Das Münster wird durchgehend offen bleiben, auch in der Nacht. Selbst während des Gottesdienstes am Sonntag wird weitergelesen. Beat Allemand, der die Predigt halten wird, rechnet mit einem «Moment der Irritation». Während er spreche, sei gleichzeitig der Schauspieler oder die Schauspielerin zu hören, lediglich etwas leiser. «Das müssen wir noch üben.» Und steht eine der Bibellesungen an, wird die Lautstärke auf dem Gerüst erhöht.

Am Sonntagmorgen werden die Sprecher irgendwo im fünften Buch Mose angelangt sein. Eine Ad-hoc-Predigt über die Stelle, die dann gerade gelesen werde, wäre «ganz schwierig», sagt Allemand. Er werde daher etwas Allgemeines sagen – zum Wort, zu Luther und zu einem Gedicht von Eva Zeller: «Nicht, dass ich es lese, um es zu lesen, ich habe nur das unverschämte Glück, am Tropf dieser Worte zu hängen.»

Die ganze Breite des Menschseins

Das Gerüst im Münster stehe für Veränderung, Wandel, Erneuerung, sagt der Pfarrer. Der Kirchgemeinderat der Münstergemeinde habe früh eine künstlerische Auseinandersetzung mit dieser Baustelle angeregt. Ein Bezug zum Reformationsjubiläum und zur eben fertiggestellten Revision der Lutherbibel war naheliegend.

Interessant an diesem Projekt sei, wie man versuche, Kunst und Religion miteinander zu verbinden, sagt Allemand, wie eine säkulare Institution sich hineinbegebe in den Bereich der Religion. Wobei Gemeinsamkeiten auf der Hand lägen: Schauspieler seien Wortmenschen, so wie Pfarrer auch, sagt er. Und die Bibel sei ja eine Sammlung der unterschiedlichsten Texte, eine Bibliothek, «randvoll mit Widersprüchen und Spannungen, aber auch mit Poesie und Hoffnung». Die Bibel sei ein Buch, das die ganze Breite des Menschseins abbilde und für jeden interessant sein könne, ob er nun glaube oder nicht. Neu sei die Idee im Übrigen nicht, die Bibel am Stück vorzulesen; es sei auch schon gemacht worden.

Allemand verspricht sich einiges von dieser «permanenten akustischen Intervention», wie es auf dem Flugblatt heisst. Beim Eingang des Münsters und auch auf der Webseite wird zwar laufend darüber informiert, wo die Lesung etwa steht. Aber letztlich spiele es gar keine so grosse Rolle, welche Texte gerade vorgelesen würden, sagt er. «Man kann in diesem sakralen Raum auch einfach die Stimmen auf sich wirken lassen.»

«Inhaltliche Bögen realisieren»

Bleibt die Frage, was daran eigentlich schwierig sein soll, im Münster einen Text vorzulesen. «Es ist der Hall, die Nachhallzeit», sagt Marianne Oertel, die an der Hochschule für Künste als Dozentin für Sprecherziehung tätig ist. Sie hat die Sprecherinnen und Sprecher auf ihre Aufgabe vorbereitet. Rein technisch sei es «sehr anspruchsvoll», im Münster einen Text so vorzutragen, dass er gut verstanden wird, sagt sie. In einem derart grossen Raum bestehe die Gefahr, dass Konsonanten und Endungen vom Hall verschluckt würden. Eine «extrem deutliche Artikulation» sei aber nur das eine, sagt Oertel. Die grösste Herausforderung bestehe darin, sprechtechnisch gut zu sein und gleichzeitig dem Inhalt gerecht zu werden, also «inhaltliche Bögen zu realisieren und zu denken».

Vesper im Berner Münster: Freitagabend 17.30 Uhr. Anschliessend, von 18.15 bis 19.15 Uhr, öffentliches Gespräch über Kunst und Religion im Kirchgemeindehaus an der Herrengasse 11.

Der Bund

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