«Vielleicht wollen wir es besser machen als unsere Eltern»

Seit sie ihre Lehre begonnen hat, fühlt sich Michelle Thönen wohl in ihrem Umfeld. In der Schule hatte sie zu kämpfen – auch mit Cybermobbing.

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Christian Zellweger@@chzellweger

Was geschieht hinter dem Bundeshaus? Ist nicht die Bundesterrasse der Ort, wo sich Jugendliche am Wochenende treffen, um zu kiffen und sich zu betrinken? Der Ort führt schnell in die Klischeefalle. Den Treffpunkt habe sie aber nur ausgewählt, weil sie sich hier jeweils mit ihrer besten Freundin treffe, sagt Michelle Thönen. Ihr gefalle der Platz: «Man ist mitten in der Stadt und doch ist es ruhig. Und ich mag den Ausblick auf die Häuser und die Berge.» Gerade im Sommer sei sie oft hier, «um zu fotografieren und Leute zu beobachten».

Die 16-Jährige aus Trimstein macht eine Lehre als Mediamatikerin bei Ypsomed. Gestalten zu können, das sei ihr wichtig, nicht nur bei der Arbeit: «Ich achte sehr darauf, wie ich mein Zimmer einrichte und was ich anziehe.» Tatsächlich: Von der Frisur, blondierter Pony mit Dutt und kurz geschorenen Seiten, über den übergrossen Schal bis zu den leuchtend weissen Schuhen – ihr Auftritt wirkt durchdacht.

Genug für ein «Bödeli»

Angst aufzufallen scheint Michelle nicht zu haben, was auch der Ring in ihrer Nase und die grossen weissen Ohrstecker unterstreichen. Auch mit ihrer grössten Leidenschaft steht sie im Rampenlicht: dem Singen. Seit zwei Jahren nimmt sie Gesangsunterricht, spielte in Schülerbands und jetzt in einer eigenen Band und hat als «Michelle Marina» auch schon ein eigenes Album mit Coversongs aufgenommen, welches sie über die sozialen Medien verkauft. Mit dem Gesangsunterricht hört sie jedoch bald auf. Nach einem Tag Berufsschule ist es ihr zu viel. Der Lehrabschluss hat Vorrang. «Ich will mich einmal selbstständig machen können und genug verdienen, um ein ‹Bödeli› zu haben.»

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Michelle hat eine klare Vorstellung ihrer Zukunft: «In zehn Jahren habe ich ein eigenes Geschäft und zwei Kinder.» Was sie am Bild der Erwachsenen von der Jugend denn auch am stärksten stört, ist, «dass uns die Erwachsenen als unanständig und planlos einschätzen». Man könne kaum von «der Jugend» als Ganzes sprechen, und es sei doch nur ein kleiner Teil ihrer Altersgenossen, welcher dieses Bild präge. Woher kommt eigentlich diese Zielstrebigkeit? «Vielleicht wollen wir es besser machen als unsere Eltern.» Ihre Eltern leben getrennt, seit Michelle knapp sechs Jahre alt war, «eine Situation, die mich zu Beginn total überfordert hat», sagt sie. Nachdem sich die ersten Turbulenzen der Scheidung gelegt hatten, hätte sie zwar immer viel Unterstützung von ihren Eltern erhalten. Dennoch wolle sie ihren Kindern bieten, was sie nicht immer gehabt habe: geordnete Familienverhältnisse.

Die Sache mit den Bildern

Seit sie ihre Lehre begonnen hat, hat für Michelle ein neuer Lebensabschnitt begonnen. «Ich bin nun endlich in einem Umfeld, in dem ich mich wohl und ernst genommen fühle.» Auch, dass sie nun eigenes Geld verdiene und so selbstständiger sei, schätze sie sehr. Die Schulzeit war nicht immer einfach: «Es gab eine Zeit, da bin ich ‹druntergekommen›.» Die Erfahrungen aus der Schule sind auch der Grund, warum Facebook für Michelle kein grosses Thema mehr ist. «Ich habe gemerkt: Je mehr man von sich preisgibt, desto eher macht man sich zur Zielscheibe.» Einmal wurde sie Opfer des gefürchteten Cybermobbings: Plötzlich kursierten freizügige Bilder von ihr auf den Handys ihrer Kollegen und im Internet. Über den Umgang mit den sozialen Medien habe sie in dieser Zeit viel gelernt. Auch, dass es für sie am besten war, hinzustehen und über den Vorfall zu sprechen. «Da war die Geschichte für viele schnell nicht mehr so interessant.»

Erst die Lehre, dann die Welt

Sorgenfrei ist das Leben auch in ihrem neuen Umfeld nicht: «Das Weltgeschehen beschäftigt mich», sagt Michelle. Über die Handy-App von «20 Minuten» informiert sie sich über Aktualitäten, diskutiert mit Freundinnen oder den Eltern, schaut auf Youtube Videos zu Themen, die sie interessieren. «Die Kriege und der Klimawandel machen mir Angst», sagt sie. Und doch hat sie vorerst keine Ambitionen, die Welt zu verbessern: «Jetzt konzentriere ich mich auf meine Lehre. Erst danach will ich schauen, was ich überhaupt tun kann.»

DerBund.ch/Newsnet

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