«Vielleicht geben sich die Verantwortlichen der Reitschule nun einen Ruck»

Gemeinderat Reto Nause appelliert an die «konstruktiven Kräfte» in der Reitschule. Der Stadtrat findet es gut, dass die Reitschule das Gewaltproblem offen benennt.

Hofft, dass Vorfälle wie der Vandalenakt in der Grosse Halle vor drei Wochen künftig verhindert werden.

Hofft, dass Vorfälle wie der Vandalenakt in der Grosse Halle vor drei Wochen künftig verhindert werden.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Adrian M. Moser@AdrianMMoser
Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Was soll er dazu noch sagen? Reto Nause (CVP), der Sicherheitsdirektor der Stadt Bern, kann sich nur wiederholen: «Wir haben immer wieder konstruktive Diskussionen mit der Reitschule», sagt er. «In der Praxis bleibt davon aber oft nicht viel übrig.»

35'000 Franken Sachschaden

So musste er zur Kenntnis nehmen, dass Vandalen in der Nacht vom 8. auf den 9. August in die Grosse Halle der Reitschule eingedrungen waren und dort grossen Schaden angerichtet hatten. Es ist davon auszugehen, dass der Vorfall mit reitschul­internen Konflikten zu tun hat. «Solche Vorfälle darf es nicht geben in einem Kulturbetrieb, der breite Kreise erreichen will», sagt Nause. «Aber vielleicht trägt der neuste Angriff wenigstens dazu bei, dass die Verantwortlichen sich ­einen Ruck geben.»

Betreiber der Grossen Halle ist ein eigens dafür gegründeter Verein. Dieser ist von der Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) unabhängig. Eigentümerin der Halle – und der ganzen Reitschule – ist aber die Stadt. So war es auch die städtische Liegenschaftsverwaltung, die den Vorfall am 11. August bei der Polizei angezeigt hat. Immobilien Stadt Bern schätzt den Sachschaden im Moment auf rund 35'000 Franken, wie es dort auf Anfrage heisst. Sicherheitsdirektor Nause wurde daraufhin von der Polizei über den Vorfall informiert. Man hört ihm an, dass er es geschätzt hätte, wenn ihn die Betreiber der Grossen Halle direkt informiert hätten.

Appell an den Gemeinderat

Nause sieht im Vandalenakt den Beleg dafür, dass es innerhalb der Reitschule «nach wie vor Probleme und Spannungen gibt». Er appelliert – auch das nicht zum ersten Mal – an die «konstruktiven Kräfte in der Reitschule», sich zusammenzutun, um solche Vorfälle in Zukunft zu verhindern. Ein Versuch dazu dürfte der offene Brief sein, mit dem sich die Betreiber der Grossen Halle am Montag an den Gemeinderat und die Öffentlichkeit wenden wollen und der dem «Bund» bereits vorliegt. Darin wird die Aktion zwar als «weder tolerierbar noch entschuldbar» verurteilt. Das Schreiben ist aber auffällig unprovokativ gehalten.

Dennoch verstehen die Verfasser das Schreiben, wie aus ihrem Umfeld zu erfahren ist, auch als Appell an den Gemeinderat, sich für eine Lösung des Gewaltproblems einzusetzen. Zum Inhalt des Briefes will sich Nause nicht äussern, solange er ihn nicht erhalten hat. Aber er sagt schon jetzt: «Sollte man uns mangelnden Einsatz vorwerfen, würde ich das nicht verstehen. Wir pflegen einen intensiven Austausch mit der Reitschule.» Die Verfasser des offenen Briefs blieben auch gestern dabei: Sie wollen sich erst am Montag zu ihrem Schreiben äussern.

«Vielleicht ist das nun ein Anfang»

Der Gang der Verantwortlichen der Gros­sen Halle an die Öffentlichkeit löst auch im Stadtrat mehrheitlich positive Reaktionen aus. «Vielleicht ist das nun ein Anfang, ein Zeichen für die keimende Bereitschaft in der Reitschule, sich mit der gewalttätigen Fraktion auseinanderzusetzen», sagt Martin Schneider (BDP). Daniel Klauser (GFL) findet es eine «gute Entwicklung», dass sich Kreise innerhalb der Reitschule gegen Vandalenakte und Gewalt zu wehren beginnen. Umstritten bleibt die Frage, ob nun primär die Reitschule selber oder Politik und Gemeinderat auf den «Hilferuf» reagieren sollen.

Für Letzteres plädiert Natalie Imboden: «Es braucht nun eine Diskussion über die Ursachen der Vandalenakte», sagt die Präsidentin des Grünen Bündnis (GB). Die Gewalttaten stellten das Funktionieren der Grossen Halle als Kulturinstitution infrage. Weil deswegen nun vorübergehend keine kulturellen Anlässe mehr stattfinden könnten, sei der Kulturort Grosse Halle und damit die Erfüllung des Leistungsvertrages mit der Stadt tangiert, sagt Imboden.

«Die Geister, die man rief»

Etwas anders sieht das Roland Jakob (SVP). Für die Reinigung der Sprayereien im Gebäude dürfe die Stadt «keinen Franken» ausgeben, solange die ­Verantwortlichen der Grossen Halle die Schuldigen nicht angezeigt hätten. «In der Reitschule ist ja bekannt, wer die Täter sind.» Es sei nicht Aufgabe der Stadt, den Reitschul-Betreibern gegen Gewalttäter unter die Arme zu greifen. «Die ­Betreiber der Reitschule haben diese ­Gruppen über Jahre toleriert», sagt der SVP-Fraktionschef.

FDP-Fraktionschef Bernhard Eicher argumentiert in eine ähnliche Richtung. «Die Reitschule ist primär selber gefordert.» Die von den Betreibern gerufenen Geister richteten sich nun gegen das Kulturzentrum selber. «Erst jetzt wird realisiert, dass man früher etwas gegen die gewaltbereiten Kreise hätte unternehmen sollen», sagt Eicher.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt