Vielfalt bis ins Grab: So legen sich die Berner zur Ruh

Erdbestattungen werden auch in Bern immer seltener. Das schafft Platz für Neues.

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Alexander Tschäppät liess seine Asche in den Murtensee streuen und verstiess damit wohl gegen das kantonale Gewässerschutzgesetz. Klar geregelt sind hingegen die Bestattungen auf den Stadtberner Friedhöfen. Rund 1200 Tote werden auf ihnen jährlich beigesetzt. In den letzten Jahren hat die Erdbestattung allerdings massiv an Boden verloren: Heute lassen sich 90 Prozent der Bernerinnen und Berner kremieren.

Damit schaffen sie Platz für andere Formen der Beisetzung. Denn längst nicht alle Verstorbene sind heute noch Mitglied einer Landeskirche. Doch egal welcher Herkunft oder Religion – das Recht auf einen würdevollen Abgang haben alle. Der Gemeinderat hat es sich deshalb zum Ziel gesetzt, den Angehörigen aller fünf Weltreligionen eine «bedürfnisgerechte Bestattungsart anzubieten». Doch wie sieht diese genau aus? Und dürfen sich eigentlich auch Atheisten und Konfessionslose auf dem Friedhof begraben lassen?

Buddhisten sind neu

Bei der sogenannten Himmelsbestattung wird der Körper des Verstorbenen nach einer letzten Beschwörung zerkleinert und anschliessend den Geiern zum Fressen überlassen. Mangelndes Brennholz und gefrorene Böden zwangen die Buddhisten aus Tibet zu dieser hier eher unüblichen Bestattungsart. Normalerweise werden Buddhisten heute jedoch kremiert. Eine spezielle Ruhestätte und Gedenkort für die Angehörigen gab es in Bern bislang nicht – bis letzten Donnerstag: Als erste Stadt der Schweiz hat Bern auf dem Bremgartenfriedhof ein Grabfeld für Buddhisten errichtet, wie der Gemeinderat am Donnerstag mitteilte.

Die Ruhestätte in Form einer Lotusblüte bietet Platz für rund 60 Urnen und wird von einer grossen Buddhastatue überwacht. Das Grabfeld ist aber nicht nur für Einwanderer aus Tibet oder Thailand eine Option. Bekanntlich stiess in den 1970er-Jahren die östliche Philosophie auch im Westen auf viel Interesse. Nun erreichen diese «westlichen» Buddhisten langsam ihr Lebensende. Die Stadt geht von rund fünf bis zehn Abdankungen pro Jahr aus. Tendenz steigend.

Muslime blicken nach Mekka

Bei den gläubigen Muslimen ist die Kremation hingegen keine Option. Seit 2002 können sich Berner Muslime auf einem speziellen Grabfeld auf dem Bremgartenfriedhof bestatten lassen. Dort werden die Toten in Seitenlage gebettet, damit ihr Herz nach Mekka schaut. Die Tradition schreibt ebenfalls vor, Muslime statt in Särgen in Tüchern zu begraben. Dies widerspricht jedoch der eidgenössischen Sargpflicht.

Auch bei der ewigen Grabesruhe mussten Kompromisse geschlossen werden: Nach 20 Jahren können die Gräber – theoretisch – aufgehoben werden. Vor allem muslimische Einwanderer der ersten Generation lassen sich nach ihrem Tod wieder in ihr Heimatland auf dem Balkan zurückschicken. Nur rund 12 Muslime pro Jahr werden in Bern bestattet.

Juden bleiben für sich

Von den fünf Weltreligionen sind die Juden in Bern die Einzigen, welche über einen eigenen Friedhof verfügen. Dieser befindet sich seit 1871 an der Papiermühlenstrasse in der Nähe des Wankdorf-Stadions. Der berühmte Philosoph Max Horkheimer ist hier begraben, ebenso die Schokoladenfabrikanten Camille und Rolf Bloch. Von den rund 2000 Grabplätzen sind heute rund 1800 belegt. Frische Blumen auf den Gräbern findet man hier keine. Stattdessen legen die Angehörigen der Toten kleine Steine auf die Grabsteine. Möglicherweise ist dieser Brauch ein Überbleibsel aus einer Zeit, wo man den Leichnam in der Steppe noch mit Steinen vor wilden Tieren schützen musste.

Hindus in die Aare?

Gar keine Gräber brauchen die Hindus. Traditionellerweise entzündet bei ihnen der älteste Sohn den Scheiterhaufen unter freiem Himmel. Die eidgenössische Luftreinhalteverordnung erlaubt dies jedoch nicht. Stattdessen drückt der Sohn nach der Abschiedszeremonie in der neutralen Kapelle auf den Knopf im Krematorium. In Bern finden pro Jahr rund 30 solche hinduistische Abdankungen statt. Anschliessend sollte die Asche in einen Fluss, idealerweise in den Ganges.

Die Urne dorthin zu schicken, kostet um die 200 Franken. In Varanasi, der heiligsten Stadt der Hindus, hat sich längst ein entsprechendes Geschäftsfeld etabliert, welches sich auf das Auskippen der Asche in den heiligen Ganges spezialisiert hat. Es gibt jedoch viele in Bern lebende Tamilen, vor allem der zweiten Generation, welche sich auch mit der Aare zufrieden geben würden. Aber eben: Das kantonale Gewässerschutzgesetz sagt Nein. Anders in Luzern: Dort können die Tamilen seit ein paar Jahren die Asche ihrer Verstorbenen der Reuss übergeben.

Alle anderen

In der Schweiz sind seit 1874 nicht mehr die Kirchgemeinden für die Friedhöfe zuständig, sondern der Staat. Seitdem haben auch Atheisten und Konfessionslose ein Anrecht auf eine würdevolle Beisetzung. Der Friedhof ist für alle da. Wer will, kann sich auch mit seinem Lieblingssong von seinen Angehörigen verabschieden. Entsprechende Lautsprecher stellen die Mitarbeiter der Berner Friedhöfe bei Bedarf zur Verfügung. Denn diese Mitarbeiter wissen: Beim definitivem Abschied sind Rituale besonders wichtig. Ganz egal, was für welche. (Der Bund)

Erstellt: 08.06.2018, 06:44 Uhr

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