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Viele Fragen zum Ende von Weber Benteli

Nach dem Gang zum Konkursamt bleiben viele Fragen offen: Ein potenzieller Investor ist anscheinend abgewiesen worden. Und ein Kadermann kritisiert, Firmenchef Brawand sei zuletzt kaum erreichbar gewesen.

Protestumzug der Weber-Benteli-Angestellten am Freitag durch die Bieler Innenstadt. (Jörg Zaugg/zvg)
Protestumzug der Weber-Benteli-Angestellten am Freitag durch die Bieler Innenstadt. (Jörg Zaugg/zvg)

Fünf Tage nachdem das Konkursamt bei der Druckerei Weber Benteli die Produktion stillgelegt hatte, waren am Freitag in Brügg noch immer 25 langjährige Mitarbeiter mit vollem Einsatz bei der Arbeit. «Wir haben alle Hände voll damit zu tun, die Halb- und Fertigfabrikate noch an unsere Kunden auszuliefern und so noch möglichst viel Geld hereinzuholen», sagt Paolo Griffani, der als Technischer Direktor für die gesamte Produktion verantwortlich war. Bis spätestens am Montag sei alle Ware bei den Kunden.

Er habe am vergangenen Montagmorgen mit seinen zehn Abteilungsleitern versucht, Wege zu finden, wie der Betrieb auch im Konkurs hätte weitergeführt werden können, sagt Griffani – der frühere Weber-Chef André Ducommun wäre bereit gewesen, alles vorzufinanzieren. Um 13.30 Uhr habe man aber feststellen müssen, dass «trotz 5,5 Millionen Franken Dezemberumsatz in den Auftragsbüchern» an die Weiterführung des Geschäfts nicht zu denken sei, weil die Material- und Fertigungskosten etwa gleich teuer zu stehen gekommen wären. «Auf dem Papier hätten wir 30 000 Franken erwirtschaftet – diese Rechnung konnte nicht aufgehen.»

Bessere Leistung, grösseres Defizit

So stellte sich Griffani Anfang Nachmittag vor seine Leute und teilte ihnen «unter Tränen» mit, dass Weber Benteli schliessen muss. Am Freitagmittag nahm er mit über 150 Mitarbeitern an einem Protestumzug durch Biel teil. «Die Solidarität, die wir spüren, ist enorm», sagt Griffani, «und niemand versteht, wie es passieren kann, dass man in einem solchen Betrieb von einem Tag auf den anderen die Lichter löscht.» Auch Griffani selber versteht es nicht, obwohl er Mitglied der vierköpfigen Geschäftsführung von Weber Benteli war.

«Was ich gemessen habe: Wir haben in den letzten zweieinhalb Jahren unsere Gesamt-Performance, also die Rentabilität, um 32 Prozent gesteigert.» Warum das Defizit trotzdem jedes Jahr grösser wurde, ist Griffani schleierhaft. «Als ich im Frühling 2009 erfuhr, dass für das Jahr 2008 ein Defizit von 10 Millionen resultiert hatte, brach ich meine Ferien ab und erarbeitete mit den Abteilungsleitern Massnahmen, um nochmals 15 Prozent Kosten zu reduzieren. Die Vorschläge wurden von der Geschäftsführung abgeschmettert. Man sagte mir, ich solle meinen Job machen, Lohnkürzungen oder Personalabbau seien kein Thema.»

Im Sommer musste er dann «in 210 Einzelgesprächen» die Angestellten zu einem freiwilligen Lohnverzicht motivieren. «Alle willigten ein, ohne auf der Änderungskündigungsfrist zu beharren», sagt Griffani. Der Verzicht per 1. Juli umfasste ein bis fünf Prozent des Lohns. «Wenn jemand 3000 Franken netto verdient und drei Kinder hat, tut das weh.» Die Mitarbeiter hätten sich alle als Mitunternehmer gefühlt. Auch letzten Mittwoch, als bekannt wurde, dass die Novemberlöhne nicht bezahlt werden können, habe kein einziger die Arbeit niedergelegt oder einen Streik erwogen, um die Verkaufschancen nicht zu schmälern.

Viele «geheime Sitzungen»

Griffani bemängelt, Geschäftsführer Martin Brawand und Finanzchef Bernhard Braun hätten «in den letzten Monaten dauernd in geheimen Sitzungen gesteckt». Er habe vor rund sieben Wochen in einem eingeschriebenen Brief an die beiden ausdrücklich Einblick in alle Zahlen verlangt. «Das wurde mir verweigert. Die Türen bei Brawand und Braun waren fast immer geschlossen.»

Hatte er als Mitglied der Geschäftsführung und Teilhaber denn keine Einsicht in die Zahlen? «Nein», sagt Griffani, «die Herren Brawand und Braun führten das Geschäft allein. Sie waren für niemanden mehr erreichbar, einzelne Sitzungen der Geschäftsführung wurden einfach abgesagt.» Und dass das Management an Weber Benteli beteiligt sei, stimme nicht. Er jedenfalls besitze keine Anteile (siehe Text unten).

Klar ist inzwischen, dass die Besitzer, der Verwaltungsrat und Martin Brawand während fast eines halben Jahres mit Ringier über einen Verkauf verhandelt haben. Am 28. Oktober wurde die Geschäftsführung informiert, dass der Deal mit Ringier geplatzt sei. «Warum hat man noch einen Monat zugewartet, bis man die Bilanz deponierte?», fragt Griffani – und gibt gleich selbst eine Antwort. «Wir haben jetzt festgestellt, dass noch 770 000 Franken Arbeitgeberbeiträge für die Pensionskasse einbezahlt werden mussten. Die letzte Tranche haben Geschäftsführer und Finanzchef am Tag vor dem Konkursantrag einbezahlt. Dann war die Kasse leer.»

Chefeinkäufer hat Job bei Ringier

Ein Verdacht aus den Reihen der Belegschaft besagt, dass im letzten Monat gezielt Materialbestände und Aufträge an den im letzten Moment abgesprungenen Kaufinteressenten Ringier weitergegeben wurden. «Der Chefeinkäufer und zwei Vertriebsleute haben bereits einen Job bei Ringier auf sicher», sagt Griffani, «und Martin Brawand hat als Kapitän das Schiff verlassen, bevor die Mitarbeiter überhaupt wussten, dass es sinkt.» Von Brawand hiess es schon letzte Woche, er habe bereits einen Job bei Ringier auf sicher. Erst gestern äusserte sich Brawand detailliert dazu (siehe Text unten).

Griffani hat beobachtet, dass in den letzten Wochen vor dem Konkurs verschiedene Kunden zu Ringier gewechselt haben. «Einer unserer Mitarbeiter rief Ende letzte Woche bei Prodega an, um nach den ausstehenden Daten für die Drucksachen zu fragen. Er wurde ausgelacht und gefragt, ob er denn nicht wisse, dass dieser Auftrag ab sofort bei Ringier produziert werde. Tags zuvor seien zwei Ringier-Vertreter bei Prodega gewesen, um die Details zu klären.»

Laut Griffani haben auch andere langjährige Grosskunden Aufträge abgezogen und zu Ringier verlagert. «Das hat dazu beigetragen, dass der Umsatz im Herbst so dramatisch eingebrochen ist. Offenbar wussten die Kunden, was hier passieren wird, bevor wir selber im Bild waren.» Zwischen August und September ist der Umsatz laut Griffani dramatisch eingebrochen. «Er sank auf einen Schlag von 9,5 auf 6 Millionen Franken. Das passiert doch nicht, wenn man sich um die Kunden kümmert.» Andere Druckereien hätten in dieser Zeit sogar Überzeiten gemacht. Griffani sagt, es seien in den letzten Monaten keine Impulse mehr vom Vertrieb gekommen.

Interessent wurde abgewiesen

Klar wurde gestern, dass es nebst Ringier einen zweiten Kaufinteressenten gegeben hat, dass diesem aber nicht ermöglicht worden ist, die Bücher einzusehen. Der Franzose Pascal Pluchard hatte die Druckerei Erich Weber in den Sechzigerjahren von der Besitzerfamilie gekauft und in Farbendruck Weber AG umfirmiert. Bis 2006 war er Verwaltungsratspräsident. «Pluchard erwog einen Kauf, aber er wollte vorher eine konsolidierte Zwischenbilanz sehen», sagt André Ducommun, der frühere Firmenchef, der im Alter von 78 Jahren bis zuletzt für einen symbolischen Betrag bei Weber Benteli mitarbeitete und ein exklusives Kundenportefeuille betreute, das «12 Millionen Umsatz im Jahr» brachte.

Ducommun, der vor über 60 Jahren als erster Lehrling in der Druckerei Weber ausgebildet wurde und seither mehrmals Geld in den Betrieb gesteckt hat, hoffte stark, dass Pluchard, der rund 2000 Angestellte im Druckereigeschäft beschäftigt (vorwiegend in China), den Betrieb übernimmt. «Pluchard wollte schon im September die Zahlen einsehen und mit der UBS reden, um eine Finanzierungslösung zu suchen. Beides wurde ihm verwehrt», sagt Ducommun. Es hätten Treffen in Paris und in Biel stattgefunden, an denen die Valuenet-Gesellschafter Andreas Lukic und Sunhild Theuerkauf-Lukic sowie Matthias Übel vom früheren Finanzinvestor Arques teilgenommen hätten. Für Ducommun ist klar, dass es eine ausgemachte Sache war, dass Ringier zum Zug kommt. «Entweder durch einen Kauf oder dann durch die Übernahme von Mitarbeitern und Kunden. Die Maschinen werden sie dann aus der Konkursmasse herauszukaufen versuchen.»

Ein kleiner Strohhalm

Noch ist die Hoffnung auf eine Rettung nicht ganz gestorben, hat sich doch am Donnerstag ein holländisches Konsortium telefonisch nach Details erkundigt. «Das ist nicht mehr als ein Strohhalm», sagen Ducommun und Griffani einstimmig, man wolle keine falschen Hoffnungen wecken. Nachdem die Firma so brutal in Konkurs geschickt worden sei, sei eine Rettung sehr unwahrscheinlich.

Auch der Berner Wirtschaftsanwalt Kurt Stöckli, der Erfahrungen hat mit grossen Nachlass- und Konkursverfahren (Swisscargo, Miracle, Mystery-Park), sagt, er habe sich gewundert, «dass man einfach den Stecker rausgezogen hat». Er kenne den Fall nicht im Detail, aber bei intaktem Auftragsvolumen gelinge es oft, eine Nachlassstundung zu erreichen und den Betrieb weiterlaufen zu lassen, gegebenenfalls mit einem Massakredit von der Bank für die Bezahlung der Löhne. So sei es unter Umständen möglich, den Betrieb noch einige Monate lang auf kleiner Flamme fortzuführen, wenn man gut mit den Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern kommuniziere, sagt Stöckli. «Wenn dann definitiv feststeht, dass keine Lösung zustande kommt, kann im Rahmen einer Nachlassstundung der Betrieb immer noch geordnet heruntergefahren werden, was für die Gläubiger regelmässig die bessere Lösung darstellt als eine sofortige Konkurseröffnung.»

In den nächsten Wochen wird das Konkursamt nun alle Details zusammentragen und zu rekonstruieren versuchen, was in den letzten Monaten und Jahren bei Weber Benteli genau passiert ist. Schon am Montag war auch ein Wirtschaftsanwalt vor Ort: Eine ehemalige Buchhalterin, die im Frühling 2008 entlassen worden war, hat laut Paolo Griffani darum gebeten, vom Konkursamt einvernommen zu werden.

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