Vertraut – und fremd

Wenn «Poller»-Kolumnist Markus Dütschler durch sein Heimatdorf spaziert, durchfährt in ein leichtes Gruseln.

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Markus Dütschler

Mir gefallen historische Fotos, zum Beispiel alte Berner Ansichten, Gebäude, Strassen­szenen. Letzthin brachte der «Bund» ein Bild des ersten Lufttrams von 1890 («Bund» vom 1. Oktober 2015). Alle, die irgend­etwas mit dem Vehikel zu tun hatten, sei es als Angestellte oder als Passagiere, reihten sich stramm auf. Sie wollten die seltene Gelegenheit nicht verpassen, fotografisch verewigt zu werden, denn das Zeitalter der Allüberall-Selfies lag noch in ferner Zukunft.

Als ich das Tram-«Helgeli» genauer betrachtete, merkte ich, dass das Wartehäuschen, vor dem die «Manne mit Schnöiz» posieren, heute noch steht. Natürlich gibt es auch Stadtansichten, die man kaum einordnen kann, würde einem nicht jemand erklären, was sich anstelle des dörflich wirkenden Schopfs oder Holzhauses heutzutage an dieser Stelle befindet. Doch in der sorgsam gepflegten Berner Altstadt findet man auf alten Bildern das optisch Vertraute sehr oft, besonders im Bereich der Unteren Altstadt. Zwar fehlen auf den alten Fotos Leuchtschriften und Autos, sonst aber könnte man meinen, es habe sich in hundert Jahren praktisch nichts verändert.

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Diese Vertrautheit ist nur eine scheinbare. Sind Sie schon einmal durch Ihr Heimatdorf spaziert, durch die Strasse, in der Sie als Kind gespielt haben? Mich hat dabei einmal ein leises Gruseln erfasst. Die Häuser waren vertraut, es schien vieles gleich zu sein wie damals. Nur da und dort war ein Balkon vergrössert worden, man hatte einen zweiten Parkplatz angelegt oder eine Doppel­garage erstellt. Doch grosso modo war alles wiedererkennbar. Doch dann las ich irritiert die Namen an den Briefkästen. Sie waren fremd, unbekannt.

Im einen oder anderen Fall deutete ein Zweitname auf dem Schild darauf hin, dass hier die Tochter der früheren Besitzer die Liegenschaft übernommen hatte. Kinder spielten draussen, so wie wir damals. Sie beäugten den «fremden Fötzel» ratlos nach dem Motto: «Was der wohl hier verloren hat?» So bekam das Wiedersehen mit dem Vertrauten einen verstörenden Aspekt: vertraut und doch fremd. Ähnlich erging es mir kürzlich, als ich mit vielen anderen Journalisten für einen Anlass mehrere Tage in einem Hotel logierte. Begab ich mich in die Lobby, warteten einige Kolleginnen und Kollegen dort, und ich wusste: Ich bin am richtigen Ort und habe mich in der Zeit nicht geirrt. Auch im Restaurant entdeckte ich schon beim Frühstück ein bekanntes Gesicht, jemanden, der mich einlud, mich dazuzusetzen. Mittags war ein langer Tisch für uns reserviert, so dass die «Familie» zusammen essen konnte. Dann war das offizielle Programm zu Ende.

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Die Medienschaffenden verliessen das Hotel nach und nach und reisten ab in alle Winkel dieser Erde. Übrig blieb nur ich, da die Organisatoren meinen Heimflug einen Tag später angesetzt hatten. Wenn ich nun in die Lobby kam, waren da noch immer viele Leute, aber kein Gesicht, das ich erkannte, niemand, der mir zulächelte – vom Personal abgesehen. Im Restaurant das gleiche Phänomen: In den Schalen am Buffet dampften überall die feinen Speisen, von denen ich die meisten bereits einmal gekostet hatte. Doch die Menschen, die ihre Teller füllten, waren mir allesamt unbekannt. Das Hotel war zu einem fremden Ort geworden, ausgerechnet jetzt, da ich allmählich seine Architektur begriff. Es war an der Zeit, nach Hause zu reisen.

«Bund»-Redaktor Markus Dütschler spürt gerne das Vertraute im Historischen auf und nimmt auch im Vertrauten das irritierende Fremde wahr.

www.derpoller.derbund.ch

Der Bund

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