Versteinerte Urtiere sind ihr Job

Als Paläontologin untersucht Ursula Menkveld Objekte, die viel älter sind als die Menschheit selbst. Bei der Bergung von 170 Millionen Jahre alten Meerestieren musste sie sich aber beeilen.

Die nächste Forschungsstätte von Ursula Menkveld ist der Bahnhof Bern.

Die nächste Forschungsstätte von Ursula Menkveld ist der Bahnhof Bern. Bild: Beat Mathys

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Ursula Menkveld, Sie bezeichnen die Fossilien, die das Naturhistorische Museum Bern jetzt ausstellt, als Sensationsfund. Warum?
Es ist ein absoluter Zufall, dass man auf solche Versteinerungen stösst. Wie wir herausgefunden haben, ist der Ort im heutigen Aargauer Jura, an dem wir die versteinerten Meerestiere gefunden haben, nicht dort, wo diese ursprünglich lebten. Das sieht man an der Gesteinsstruktur. Es muss einen Jahrhundertsturm gegeben haben, der die Wassertiere dorthin gespült hat. Dann hat sich sofort eine feine Schicht über die Tiere gelegt. So wurden sie konserviert. 99 Prozent der Seesterne beispielsweise verschwinden, da ihre Skelettstruktur so fein ist, dass sie auseinanderfällt und Teil des Gesteins am Meeresboden wird.

Weshalb haben sie sich im Aargauer Jura abgesetzt?
Der Sturm trug die Tiere mit sich, bis sie in einen sogenannten Strömungsschatten gerieten, wo die Wasserenergie niedrig war. Das heisst, es hatte dort kaum Wellen und wenig Strömung.

Weshalb geht eine Berner Paläontologin in den Aargauer Jura?
Mit dem dortigen Steinbruch haben wir einen Partner, der es zulässt, dass wir die Steine untersuchen können. Nach Sprengungen durften wir das Gestein untersuchen. Das ist ein Glücksfall, denn für die Öffentlichkeit ist der Steinbruch aus Sicherheitsgründen gesperrt. An anderen interessanten Orten dürfen wir deshalb oft keine Untersuchungen durchführen.

Wie gehen Sie bei den Untersuchungen vor?
Bevor nach den Sprengungen aufgeräumt wird, können wir das Gestein untersuchen. Unsere Präparatoren sind sehr kompetent. Sie suchten bereits als Kinder Fossilien und erkennen im Querschnitt des Gesteins, ob etwas Interessantes zu finden ist. Als sie den Fund gemacht hatten, mussten sie die Versteinerungen so schnell wie möglich bergen.

Warum?
Auf dem Steinbruch arbeitete man weiter. Das Gestein landete in einer Maschine, das es zermalmte. So ist das nun mal.

Was bringen die Funde der Wissenschaft?
Das müssen wir im Detail noch herausfinden. Wir wissen aber, dass die Fossilien neue Spezies enthalten. Mindestens einen neuen Seeigel, einen neuen Seestern und vielleicht noch mehr. Nun werden diese untersucht.

Wie läuft eine solche wissenschaftliche Untersuchung im Detail ab?
Zunächst geht es darum, den Fund präzise zu beschreiben und gute Fotos zu machen. Dann können wir die Funde zu Gruppen einordnen. Wenn die Beobachtungen zu keinen bestehenden Beschreibungen passen, muss man abklären, ob es eine ganz neue Art ist. Unsere Erkenntnisse publizieren wir dann in Fachzeitschriften. Daraufhin steigt der Wert der Fossilien. Denn jeder, der später Beobachtungen über diese neue Art macht, bezieht sich auf den Erstfund, den sogenannten Holotypen der Art. Ich und mein Mitarbeiter sind auf Seeigel spezialisiert. Das Naturhistorische Museum hat deshalb bereits Leute an Bord, die etwa bei den Seesternen mithelfen. Auf den Steinplatten hat es mindestens 15 unterschiedliche Seeigel-Arten.

Der Trailer zur Ausstellung (zvg)

In der aktuellen Ausstellung haben Sie auch Fossilien von der «Fondation paléontologique jurassienne» ausgestellt. Diese hat dem Museum zahlreiche Funde geschenkt, einige ausgeliehen. Wie kommt ein Berner Museum zu wertvollen Funden aus dem Kanton Jura?
Die Privatpersonen der Stiftung wollten, dass diese Funde für die Nachwelt erhalten bleiben. 2017 haben wir deshalb einen Schenkungsvertrag unterzeichnet. Die Funde sind aber nicht nur aus dem Kanton Jura, sondern aus dem gesamten Schweizer Juragebiet. Diejenigen Funde, die aus dem Kanton Jura stammen, sind lediglich eine Leihgabe.

Sie arbeiten seit mehr als 20 Jahren im Naturhistorischen Museum im Bereich der Erdwissenschaften. An welchen Orten haben Sie sonst noch Untersuchungen durchgeführt?
Beim Bau des Neufeldtunnels beispielsweise. Auch bei der Erstellung des Lötschbergbasistunnels nahmen wir Untersuchungen vor. Dort lag das Alter des Gesteins bei 300 Millionen Jahren.

Und wo sind Sie als Nächstes vor Ort?
Beim Umbau des Berner Bahnhofs. Das Gestein dort ist 20 Millionen Jahre alt. Wegen Sicherheitsbedenken, da unter Tag gebaut wird, können wir aber nicht selbst hingehen. Deshalb sind wir auf die Mithilfe der Bauarbeiter angewiesen. Diese haben wir vor kurzem geschult, da wir aus Gründen der Sicherheit nicht selbst auf die Baustelle gehen können.

Wenn sie an Fossilien denken, kommen vielen Leuten Dinosaurier in den Sinn. Findet man noch Zeitzeugen dieser Tiere in der Schweiz?
Man findet immer wieder Fussabdrücke der Urtiere. Leider aber fast nie Knochen. Das ist irritierend. Deshalb glaube ich, dass die Vorstellung davon, wie gross die Populationsdichte war, falsch ist. Gerade in Europa findet man selten Knochen, dafür zahlreiche Fussabdrücke. Das heisst, dass die Tiere zwar viel unterwegs, aber vermutlich nicht so zahlreich wie angenommen waren. (Der Bund)

Erstellt: 12.09.2018, 19:56 Uhr

Steinbruch sorgte für seltene Funde

Fossilien Seesterne, Seegurken, Seeigel, Seelilien und Schlangensterne auf einer einzigen Gesteinsplatte: In einem Steinbruch im Aargauer Jura haben Berner Paläontologen in den Jahren 2016 und 2017 seltene Funde gemacht. In dieser Zeit waren die Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums mehrmals dort. Nun wird der Fund in Bern ausgestellt.

Das Museum spricht in einer Mitteilung vom «Planggenstock der Paläontologie», in Anlehnung an den grossen Kristallfund von 1994 im Glarnerland.

In der Sonderausstellung «Fünf Sterne» zeigt das Museum die in den Gesteinen des mittleren Jura gut erhaltenen Stachelhäuter. Seit mehr als 500 Millionen Jahren bevölkern sie unterschiedliche Lebensräume der Meere. Heute gibt es mehr als 6000 Arten.

«Jahrhundertsturm»

Unversehrte Skelettfunde von Stachelhäutern in diesen Gesteinsschichten seien extrem selten, schreibt das Museum in der Mitteilung zur Eröffnung. Grund ist, dass diese Wassertiere sonst nur als kleine Skelettteilchen im 170 Millionen Jahre alten Gestein vorkommen. Die bislang bekanntesten Funde stammen aus den 1960er-Jahren ebenfalls aus dem Kanton Aargau. Doch diese seien wesentlich weniger vollständig und gut erhalten.

Dass die in Bern zu sehenden Fossilien so gut erhalten sind, verdanken die Paläontologen einem vorzeitlichen «Jahrhundertsturm», wie es am Mittwoch bei einer Präsentation des Funds für die Medien hiess.

Dieser riss die lebenden Stachelhäuter von ihrem angestammten Platz los und deponierte sie in einem «Strömungsschatten», wo sie sofort von Sand überdeckt wurden. «Die grosse Katastrophe wurde zum Glücksfall für die Paläontologie», schreibt das Museum. Dadurch versteinerten die Skelette der Stachelhäuter und geben einen Einblick in die Zeit, als der Jura noch vom Meer bedeckt war.

Jurassische Stiftung

Diese 2,5 Meter grosse, versteinerte «Beach-Party» wird ergänzt mit weiteren, erstmals zu sehenden Fossilien aus einer jurassischen Sammlung, die das Museum geschenkt erhielt. Für die Ausstellung haben die Paläontologen die Fossilien aufwendig präpariert. Dies zeigt ein Video, dass dem Zuschauer die zahlreichen Arbeitsschritte vor Augen führt.

Die kleine Sonderausstellung wird durch eine weitere Dimension erweitert und belebt: Mit 3-D-Brillen lässt sich der Fundort hautnah erleben. Zudem deuten Lichtsignale auf den Steinen daraufhin, wo welches Tier gefunden wurde. Die Ausstellung dauert voraussichtlich bis im September 2019.

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