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Vermittler, die mit Terroristen reden

Friedensförderer tauschen an einer Swisspeace-Tagung in Bern Erfahrungen aus.

Der Schweizer Vermittler Jean-Pierre Gontard (Mitte) begrüsst einen Kommandanten der kolumbianischen Farc-Rebellen auf landesübliche Art. (El Tiempo/Keystone)
Der Schweizer Vermittler Jean-Pierre Gontard (Mitte) begrüsst einen Kommandanten der kolumbianischen Farc-Rebellen auf landesübliche Art. (El Tiempo/Keystone)

«Sollen wir den Dialog suchen, ohne zu unterscheiden, auch wenn das bedeutet, mit Osama bin Laden an einem Tisch zu sitzen?» Als Micheline Calmy-Rey vor gut einem Jahr nur schon diese Frage aufwarf, ohne eine Antwort zu geben, erntete die Chefin des Aussendepartements (EDA) weit herum Kritik. Am Dienstag war in Bern an einer Fachtagung von Swisspeace (Schweizerische Friedensstiftung) das Reden mit Terroristen bei Weitem kein Tabu – etliche der Referenten hatten es auch schon selber praktiziert. So Jean-Pierre Gontard, der in Kolumbien elf Jahre lang im EDA-Auftrag als Kontaktmann zu Rebellen gewirkt hatte, bis ihn die Regierung im Juli 2008 brüsk auslud und ihm vorwarf, mit den Guerilleros unter einer Decke zu stecken. Seither läuft in Kolumbien eine Voruntersuchung gegen Gontard, namentlich weil er den Revolutionären Streitkräften (Farc) Lösegeld für entführte Novartis-Mitarbeiter übergeben haben soll. Zum fraglichen Zeitpunkt war er allerdings in Genf, nicht am Ort der Übergabe. Zur Untersuchung will er sich nicht öffentlich äussern; er hat bei der Bundesanwaltschaft schon zweimal einen kolumbianischen Fragenkatalog beantwortet. Hingegen schilderte er in Bern eine ganze Reihe von Dilemmas, in die ihn seine Vermittlertätigkeit brachte – angefangen mit jenem, ob er überhaupt auf die Kontaktanfrage der Rebellen eingehen wolle.

Auch über Terror reden Der heute pensionierte Gontard war damals Vizedirektor des Genfer Instituts für Entwicklungsstudien (IUED), das auch Projekte in Kolumbien begleitete und Studenten aus diesem Land hatte. Er entschied sich, nur mit dem Einverständnis der schweizerischen wie der kolumbianischen Regierung tätig zu werden; beides erhielt er. 2008 aber verzichtete Kolumbien generell auf Vermittlerdienste, nachdem es der Armee gelungen war, die jahrelang verschleppte Politikerin Ingrid Betancourt zu befreien. Bis dann war die Regierung stets mit Gontards Diensten – die oft zur Freilassung von Geiseln führten – einverstanden. Auch nachdem die USA 2001 zum «Krieg gegen den Terror» aufgerufen hatten und Kolumbien die Guerilleros vermehrt als «Terroristen» brandmarkte. Gontard übernahm diese Sprachregelung nicht, sondern redete von (und mit) «Aufständischen». Er begrüsste sie jeweils mit der landesüblichen Umarmung, und sogar das werfen ihm die Behörden in Bogota heute vor.

Frieden vor Gerechtigkeit Ob er dabei ihre Gräueltaten zur Sprache bringen sollte, war ein weiteres Dilemma: «Wir haben das humanitäre Völkerrecht jedes Mal auf die Tagesordnung gesetzt», berichtete er und sah darin einen Unterschied zu andern Vermittlern. Am IUED erhielten auch kolumbianische Offiziere Rechtsbelehrungen. Allerdings setzte Gontard Prioritäten: «Ich bin ein Friedens-, nicht ein Gerechtigkeitsaktivist.» Das Dilemma zwischen Frieden und Gerechtigkeit kommt auch in anderen Weltgegenden auf, etwa wenn Amnestie zum Verhandlungsthema wird und Regierungen argumentieren, für Terroristen könne es keine Gnade geben. Der deutsche Friedensforscher und -förderer Oliver Wils berichtete, der «Krieg gegen den Terror» habe die Chancen geschmälert, dass Rebellen die Waffen zugunsten politischer Teilnahme aufgäben. Denn es sei schwierig, aus den Listen «terroristischer Organisationen» gestrichen zu werden: Auf jener der USA figurierten etwa immer noch die nepalesischen Maoisten. Dabei stellten sie sogar den Premierminister, nachdem der Schweizer Unterhändler Günther Bächler 2006 eine politische Einigung herbeigeführt hatte.

«So enden Terroristen» Wils zitierte eine Studie des konservativen US-Instituts Rand: «So enden Terroristen». Von 650 untersuchten Gruppen hatten 268 den bewaffneten Kampf aufgegeben – fast die Hälfte wegen ihrer Niederlage gegen Polizei und Militär, ein Zehntel wegen ihres Sieges und 43 Prozent infolge einer politischen Einigung. Dieser letzte Prozentsatz gilt auch für grössere Gruppen (mehr als 1000 Kämpfer), aber wo es nicht zur Einigung kam, hielten sich Sieg und Niederlage die Waage. Die politische Einigung garantiert allerdings den Frieden noch nicht, wie an der Swisspeace-Tagung Beispiele aus Afrika zeigten. Auf dem Kontinent wurde seit 1999 in 17 Fällen eine Machtteilung vereinbart, oft mit Straflosigkeit für Kriegsverbrechen auf beiden Seiten, sodass sich Gewalt als lohnend erwies – und weiterging. Häufig ist auch die Grenze zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Gewalttätern verwischt, etwa wenn verfeindete Nachbarländer gegenseitig Guerillagruppen unterstützen. Das Fazit zu solchen Erfahrungen lautete an der Tagung, das Gespräch zu suchen, wo immer es sich als nützlich erweisen könnte – und nach einer Einigung die «befriedeten» Länder nicht sich selber zu überlassen, sondern bei der Aufarbeitung des Geschehenen und bei der Eingliederung der ehemaligen Kämpfer ins Zivilleben zu begleiten.

Der Schweizer Vermittler Jean-Pierre Gontard (Mitte) begrüsst einen Kommandanten der kolumbianischen Farc-Rebellen auf landesübliche Art. Foto: El Tiempo (Keystone)

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