Verlottert Bern ohne Wachstum?

Für die einen würde es «gemütlicher», wenn die Stadt Bern das Wachstum drosselte. Andere sehen die Lebensqualität bedroht.

«Klein und gemütlich» versus «Citydruck»: Die Stadt Bern von oben.

«Klein und gemütlich» versus «Citydruck»: Die Stadt Bern von oben.

(Bild: Valérie Chételat)

Adrian Schmid@adschmid

Die Stadt Bern wächst und wächst und wächst seit einem Jahrzehnt – und passt ständig ihre Ziele an. Noch 2010 sagte Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP), bis 2020 strebe man eine Einwohnerzahl von 140'000 an. Die Marke wurde aber schon im letzten Jahr erreicht. Daher hat sich die Stadt unterdessen ein neues Ziel gesetzt: Bis 2030 sollen bis zu 157'000 Menschen in Bern wohnen. Dies sieht das neue Stadtentwicklungskonzept (Stek) vor, das voraussichtlich im August in die Mitwirkung geht. Damit übernimmt die Stadt die Wachstumsvorgabe, die der Kanton im neuen Richtplan macht.

Urs Dürmüller, Mitglied der Freien Arbeitsgruppe Verkehr und Wachstum Bern, findet die Entwicklung falsch: «Bern ist schön, weil die Stadt klein und gemütlich ist.» Dies werde aufgegeben, wenn die Stadt weiterwachse. Dürmüller räumt ein, dass Wachstum naturgegeben ist. «Die Politik sollte das Wachstum aber nicht zusätzlich fördern, sondern es so managen, dass die Folgen für die Bevölkerung verträglich sind.» Die Viererfeld-Überbauung bringe der Stadt zwar zusätzliche Steuereinnahmen. Gleichzeitig gehe aber eine Grünfläche verloren, und die neue Infrastruktur verursache Kosten. Die Rechnung geht für Dürmüller nicht auf.

Noch höhere Mieten

Was wären die Folgen, wenn das Viererfeld nicht überbaut würde und die Bevölkerungszahl der Stadt Bern auf dem heutigen Niveau stagnierte? Stadtplaner Mark Werren geht davon aus, dass kurzfristig nicht viel passierte: «Mit den Projekten, an denen wir arbeiten, entstehen nur noch einige wenige Wohnungen», sagt er. Vermutlich müssten kaum neue Sportanlagen oder Schulhäuser gebaut werden.

Werren stellt aber schon heute einen starken «Citydruck» fest – ein europäisches Phänomen: «Die Leute wollen vom Land in die Stadt ziehen.» Im Falle einer Stagnation könnte das Angebot an Wohnungen in Bern noch weniger mit der Nachfrage mithalten. Als Folge würden die Mietzinse weiter steigen. Werren befürchtet, dass das Gewerbe noch mehr aus der Stadt vertrieben werden könnte, weil es attraktiver wäre, auf den Gewerbearealen neuen Wohnraum zu schaffen.

Über 160'000 in den 60er-Jahren

Der Stadtplaner befürchtet auch, dass das Wachstum sich noch stärker in die Agglomeration und andere Städte wie Biel, Thun oder Neuenburg verlagern könnte. Eine mögliche Folge: Um die Leute von dort nach Bern an ihre Arbeitsplätze zu bringen, müsste die Verkehrsinfrastruktur schneller ausgebaut werden. Längerfristig rechnet Werren auch damit, dass noch weniger Familien in der Stadt leben und die Steuereinnahmen wohl zurückgehen werden. Er fragt sich, wie dann die Zentrumslasten und der zunehmende Unterhalt bezahlt werden sollen. Werren betont, dass der hohe Lebensstandard in der Schweiz auch auf Wachstum und Entwicklung basiere. «Ich kenne kein Beispiel einer Gesellschaft, die über längere Zeit stagnierte und dennoch einen hohen Lebensstandard halten konnte.»

157'000 Einwohner wären für die Stadt nichts Neues. Bereits in den 1960er-Jahren lebten über 160'000 Personen in Bern. Damals benötigten die Menschen allerdings deutlich weniger Wohnraum als heute.

Der Bund

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