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«Verjagen ist die viel schlechtere Variante als offizielle Plätze»

Für Regierungsrat Christoph Neuhaus ist die Suche nach Plätzen für Fahrende der «Lackmustest für unseren Umgang mit Minderheiten.»

Platzt plötzlich der Platz? Zumindest in der Nacht vom Samstag auf Sonntag war der provisorische Durchgangsplatz für Fahrende an der Wölflistrasse in Bern so belebt, wie wohl nie zuvor. Ursache dafür waren allerdings nicht allein fahrende Jenische und Sinti, sondern auch die vielen sesshaften Normalbürger, die sich trotz herbstlichem Regenschauer den Begegnungsanlass gönnten, zu dem die Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende geladen hatte.

Seitenblick auf Wileroltigen

Obwohl der Anlass sehr fern von den negativen Schlagzeilen rund um den geplanten Transitplatz Wileroltigen stattfand, steuerte Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP) am Anlass das heikle Thema ziemlich gradlinig an. Bis jetzt habe der Wileroltiger Streit «primär meinen Bekanntheitsgrad etwas verbessert», stichelte Neuhaus und zerstreute die Hoffnungen seiner Kritiker: Das Angebot des Bundesamtes für Strassen, den Kanton Bern an der Autobahn bei Wileroltigen einen Transitplatz für ausländische Roma bauen zu lassen, bestehe unvermindert. Und einen Grund, das Angebot auszuschlagen, sehe er keinen.

Neuhaus, der übrigens die Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende präsidiert, sagte zugleich, der Weg zu neuen Plätzen bleibe steinig. Letztlich setze die Schaffung neuer Plätze «ein gemeinsames Engagement» von Bund, Kanton und Gemeinden voraus. Gleichzeitig betonte Neuhaus deutlich, er stehe «aus Überzeugung» für neue Plätze ein. Gerade der sehr gut genutzte provisorische Durchgangsplatz Wölflistrasse belege «das wachsende Bedürfnis nach Plätzen». Der unproblematische Betrieb in Bern zeige zudem, wie reguläre Plätze zu Entspannung führten: «Verjagen ist immer die viel schlechtere Variante als offizielle Plätze.»

Die Schaffung neuer Plätze – den vom Kanton Bern angestrebte Transitplatz für ausländische Roma eingeschlossen – werde «zum Lackmustest für unseren Umgang mit Minderheiten», sagte Neuhaus. Wenn die Mehrheit zu bestimmen beginne, wie genau Minderheiten zu leben hätten, bewege man sich auf gefährliches Terrain: «Es braucht primär die Fähigkeit zum Dialog.»

Unüberhörbarer Applaus für «Unerhört jenisch».

Nebst dem politischen Statement bestimmte tatsächlich Dialog den Begegnungsanlass. Als dialogfördernd erwies sich primär der vor Ort gezeigte Dokumentarfim «Unerhört Jenisch» der beiden Filmemacherinnen Karoline Arn und Martina Rieder: Den Sesshaften lieferte er den facettenreichen Einblick in die Kultur der Jenischen, während die Jenischen und Sinti vor Ort das filmische Dokument als Beitrag zur Anerkennung werteten und mit unüberhörbaren Applaus quittierten. Musikalisch veredelt wurde der Abend schliesslich von den mit jenischem Zwick aufspielenden Martin Mader (Bassgeige), Joseph Mühlhauser (Schwyzerörgeli) und dem Berner Juristen Erich Eicher (Schwyzerörgeli), dessen Entdeckung der eigenen jenischen Wurzeln so weit noch nicht zurückliegt.

Die für den Begegnungsanlass verantwortliche Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende, die seit 20 Jahren im Auftrag des Bundes die Lebensumstände der Jenischen und Sinti in der Schweiz zu verbessern sucht, will sich übrigens in Zukunft auf die Schwierigkeiten des Fahrens fokussieren, «und zwar unabhängig der Nationalität». Es brauche also auch Transitplätze, sagt Simon Röthlisberger, der Geschäftsleiter der Stiftung. Ohne solche Plätze drohe sich der Lebensalltag der fahrenden Jenischen und Sinti mit Schweizer Wurzeln weiter zu verschlechtern. Im Interview mit dem «Bund» erklärte Röthlisberger, die Kritik an ausländischen Roma wandle sich rasch zu einer generellen Kritik an sämtlichen Fahrenden.

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