Zum Hauptinhalt springen

Vergessene Geschichten aus dem Äther

Das Berner Lokalradio Rabe veröffentlicht ein Buch über sein 20-jähriges Schaffen. Wieso dieses erst nach über 21 Jahren herauskam und warum über einen Wegzug nachgedacht wird.

Radiomacher Magdalena Nadolska und Martin Schneider mit dem neuen Rabe-Buch.
Radiomacher Magdalena Nadolska und Martin Schneider mit dem neuen Rabe-Buch.
Adrian Moser
Seit 20 Jahre am Randweg eingemietet: Das Radio Rabe.
Seit 20 Jahre am Randweg eingemietet: Das Radio Rabe.
zvg
Der 20. Geburtstag wurde mit einem grossen Fest gefeiert.
Der 20. Geburtstag wurde mit einem grossen Fest gefeiert.
zvg
1 / 8

Sie sind zu einem inoffiziellen Wahrzeichen der Stadt Bern geworden: Die Fahnen von Radio Rabe hängen von so manchem Berner Balkon oder Fenster. Einige in leuchtendem Rot, andere in vom Wetter verwaschener Blässe. Eines haben sie aber gemeinsam. Alle stammen sie aus diesem grauen Betonklotz am Ende des Randwegs.

Ein Haus eingeklemmt zwischen Bahngleisen und Lorraine. Die dreckige Fassade wird durch heruntergelassene Storen unterbrochen, die Sprayern als Leinwand dienten. Dahinter wird seit über zwanzig Jahren lokale Radiogeschichte geschrieben. Eine Geschichte, die es nun auf 187 Seiten zu lesen gibt.

Das Rabe-Werk ist ein Hybrid aus Geschichtsbuch, Bildband, Anekdotensammlung und Poesiealbum. Es geht um den steinigen Weg zur UKW-Konzession, den Wandel der Medienlandschaft, die Abschaffung des Tonbands und um all die Personen, die das miterlebt haben oder weitertragen. Bei aller Abwechslung hat das Buch dennoch einen Schönheitsfehler. Es kommt zu spät.

So klang es als Radio Rabe 1996 auf Sendung ging:

Mediales Fremdgehen

Eigentlich hätte das Buch zum letztjährigen 20. Geburtstag des Senders erscheinen sollen. Was ist passiert? Magdalena Nadolska hat am Buch mitgearbeitet. Sie sitzt in der Redaktionsküche. Neben ihr türmen sich Kisten, in denen die 1000 gedruckten Exemplare gelagert sind. Dass diese erst seit letzter Woche dort stehen, hat viel mit dem zu tun, was Radio Rabe ausmacht. «Wir sind basisdemokratisch organisiert, haben keinen Chef oder Chefin.» Dadurch entsteht Redebedarf. «Bei uns wird immer viel diskutiert, bevor etwas passiert.» Sorgt das für ein Arbeitstempo von frustrierender Langsamkeit? «Nein, das sorgt für die nötige Vielfalt», sagt Nadolska.

Mit dem Buch tauscht Rabe die Hörer- gegen eine Leserschaft aus. Die Gründe dazu liegen in der Vergänglichkeit der Zeit. «Radio ist etwas sehr Flüchtiges. Wir wollten etwas erschaffen, in dem geblättert werden kann.» Wer das tut, entdeckt Geschichten, die schon Jahre zurückliegen, aber nichts an Unterhaltungswert verloren haben.

So rätseln die Sendergründer bis heute, ob der Studiobrand 1999 nicht durch einen Brandstifter gelegt wurde. Der Erklärung der Feuerwehr, dass das Feuer durch vier aufeinandergestapelte Videorekorder verursacht wurde, begegnen sie immer noch mit Skepsis.

Ein ganz anderes Feuer entfachte Semih Yavsaner, besser bekannt als Müslüm. Seine «Semih Seminte Samen Show», die zwischen 1997 und 1999 ausgestrahlt wurde, zog den Ärger der Programmkommission auf sich. Schlussendlich wurde sie wegen wiederholter Verstösse gegen den Rabe-Grundsatz «kein Sexismus» gestrichen.

Müslüm tätigte für Rabe so einige Telefonanrufe:

Der Traum vom Umzug

Musikredaktor Martin Schneider sitzt an seinem Schreibtisch. Er zählt etwas, das bei Rabe seit zwanzig Jahren Mangelware ist: Geld. «Die Einnahmen des Rabe-Fests von letztem Wochenende», sagt er. Das Rabe-Buch hat er noch nicht gelesen. Er ist bereits dazu übergegangen, an der Zukunft zu schreiben. In dieser braucht der Sender mehr Scheine als jene, die Schneider in einer schwarzen Kassenbox verstaut. «Die Studios müssen erneuert werden.» Die habe man vor zehn Jahren dem SRF abgekauft und bestünden aus Top-Geräten. Aber: «Es werden keine Ersatzteile mehr hergestellt. Wenn etwas kaputtgeht, bleibt es kaputt.»

Hinter der Tür von Studio 1 hat die tägliche Infosendung begonnen. Es geht um die Flüchtlingsrettung durch NGOs auf dem Mittelmeer. «Da können wir jetzt nicht rein», sagt Schneider. Im Aufenthaltsraum hängt kalter Zigarettenrauch. Manchmal spielen hier Bands nach einem Interviewtermin. «Dann sind hier manchmal bis zu hundert Zuschauer.» Das gehe nicht alle Tage – wegen der Nachbarn.

Schneider träumt von einem Umzug in ein «schöneres und schickeres Studio». Ein Traum, der rund 200'000 Franken koste. Dazu braucht der Sender mehr Vereinsmitglieder. Mit Flaggen sollen diese angeworben werden. Neben den Kisten mit den Büchern liegen 4000 Stück parat.

Das Buch kann unter www.rabe.ch bestellt werden.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch