Veloverleih ist eine Kampfzone

Dass die Postauto-Tochter einen Fehlstart hinlegte, sorgt in der Branche nicht unbedingt für Mitleid. Die verschiedenen Anbieter bekämpfen sich seit Jahren – auch vor Gericht.

Publibike muss in Bern viel Lehrgeld zahlen. In aller Eile soll die Flotte nun nachgerüstet werden.

Publibike muss in Bern viel Lehrgeld zahlen. In aller Eile soll die Flotte nun nachgerüstet werden. Bild: Franziska Rothenbühler

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Sie kombinieren Nachhaltigkeit und Sharing-Economy und damit zwei Megatrends: die Veloverleiher. Unzählige Anbieter drängen auf den Markt. Ein «regelrechtes Wettrennen» sei im Gang, heisst es in einer neuen Studie des Beratungsunternehmens Roland Berger. Auch in Schweizer Städten stehen immer mehr Leihvelos.

Doch um das Image der Anbieter steht es nicht zum Besten. Das liegt vor allem an Publibike, der Postauto-Tochter, die nun alle Velos, die nicht schon gestohlen wurden, mit besseren Schlössern nachrüsten muss.

Hinter den Kulissen zeigt sich die Branche aber nicht von einer besseren Seite. Der Veloverleih in der Schweiz gleicht einer Kampfzone. Jeder ist mit jedem zerstritten. Anbieter fühlen sich übergangen. Konkurrenten zu Unrecht ausgestochen. Gerichtsfall reiht sich an Gerichtsfall.

Fehde hat eine Vorgeschichte

Das hat weit zurückliegende Gründe. Zwei Akteure spielen in der Geschichte die Hauptrollen: Intermobility und Publibike. Intermobility stammt ursprünglich aus Biel, betreibt heute aber Veloverleihsysteme in 39 Gemeinden, darunter Thun, Neuenburg, La Chaux-de-Fonds oder Locarno. Velospot nennt sich ihr System. Nach Angaben seines Geschäftsführer François Kuonen war Velospot das erste System der Schweiz ohne feste Abstellstationen. Das bedeutet: Die Velos brauchten Schlösser.

«2012 haben wir unsere ersten Velos mit Schlössern getestet», sagt Kuonen und setzt zu einem Seitenhieb gegen Publibike an: «Wir haben den Test allerdings mit 50 Velos gemacht und nicht mit 2000.» Auch seine Schlösser hätten anfangs Fehler gehabt. Doch diese seien mittlerweile behoben worden. «Die Städte sind jetzt überrascht, dass das Schloss von Publibike nicht funktioniert. Aber das war ja klar. Die hatten damit gar keine Erfahrung», meint Kuonen. Publibike-Sprecherin Katharina Merkle sagt: «Das Schloss ist seit November in Betrieb.» Damals sei es in Lausanne eingeführt worden. «Vorher gab es das Schloss nicht, das stimmt.» Zuvor mussten die Publibikes an festen Abstellstationen angedockt werden und waren so vor Diebstahl gesichert.

Hinter den Gehässigkeiten steht ein handfester Streit zwischen Intermobility und Publibike. Auslöser waren die Ausschreibungen der Städte Bern und Zürich, die je ein Veloverleihsystem bestellen wollten. In beiden Städten bewarben sich beide Konkurrenten. Und beide Male erhielt Publibike den Zuschlag. Unfairerweise, wie Kuonen überzeugt ist.

Publibike verteidigt sich

Die Ausschreibungen der beiden Städte hätten verlangt, dass das Material geprüft sei, heisst es bei Intermobility. Bei Publibike sei das nicht der Fall gewesen. «Die hatten damals noch gar kein Schloss», argumentiert Kuonen. Publibike-Sprecherin Merkle entgegnet, dass die Vergabe rechtmässig gewesen sei. Und verweist auf entsprechende Urteile. Kuonen zog die Vergabeentscheide bis vor das Bundesgericht. Doch er unterlag.

Ein anderes Unternehmen, ein Schweizer Velohersteller, fühlt sich ebenfalls übergangen. Denn Publibike hat bei der Bestellung seiner Velos keine öffentliche Ausschreibung durchgeführt. Dazu ist Publibike allerdings auch nicht verpflichtet. Zwar gehört das Unternehmen der Post und damit einem Staatsbetrieb. Doch auch die Post ist nur in jenen Bereichen, in denen sie ein staatliches Monopol besitzt, dem Vergaberecht unterstellt. Und von einem Monopol im Wachstumsmarkt Veloverleih ist Publibike weit entfernt. (Der Bund)

Erstellt: 21.08.2018, 06:40 Uhr

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