Vandalen nehmen trendige Lokale in der Lorraine ins Visier

Im Schaufenster des Zeppelin prangte ein grosses Loch. Es ist nicht das einzige Lokal an der Berner Lorrainestrasse, das mit Sachbeschädigungen zu kämpfen hat.

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Andreas Egli wirkt gelassen. Der Vorfall von der Nacht auf Freitag überrascht ihn kaum: Unbekannte haben ein Schaufenster des Zeppelin eingeschlagen. Egli, der Geschäftsführer des Lokals in der Lorrainestrasse, glaubt, dass Gentrifizierungsgegner hinter dem Angriff stehen – also Leute, die sich an der Aufwertung des Quartiers stören. Das Schaufenster sei schon öfter versprayt worden, sagt er. «Einmal schrieb jemand ‹Yuppies› an die Tür.»

Eglis Vermutung kommt nicht von ungefähr. Die Lorrainestrasse hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Wo früher das Handwerkerstübli war, ist jetzt das indische Restaurant Okra. Die Sandwich-Bar wurde durch das Artundweise, eine Mischung aus Büro und Galerie, ersetzt. Tinu’s OK Bar ist verschwunden, dafür findet sich jetzt ein Laden für vegane Produkte im ehemaligen Arbeiterquartier.

Dass diese Entwicklung nicht nur auf Zustimmung stösst, haben auch schon andere Unternehmer zu spüren bekommen. «Mir wurde schon zweimal die Tür mit einem Veloschloss zugesperrt», sagt Donat Fritschy von Artundweise. Nicht besser erging es dem Lorraineladen LoLa. Der Laden führte diesen Frühling einen ganzen Dialog mit den Vandalen. Während der LoLa auf Facebook und Fensteraushängen kommunizierte, schrieben die Vandalen mit Spraydosen auf das Schaufenster. Etwa, dass die Lebensmittel zu teuer seien.

Der LoLa reagierte mit Ironie und bot den Vandalen eine Stelle an, so dass sie sich die Waren künftig leisten könnten. Der Dialog ging mehrmals hin und her und wurde vom Onlineportal Watson dokumentiert. Daniel König, der Betriebsleiter des LoLa, wollte auf Anfrage aber keine Stellung nehmen.

Überraschenderweise zeigen viele der betroffenen Gewerbler Verständnis für die Anliegen, die hinter den Sachbeschädigungen vermutet werden. «Ich habe gehört, dass in der Lorraine für manche 3-Zimmer-Wohnungen mittlerweile schon 3000 Franken bezahlt werden müssen», sagt etwa Egli vom Zeppelin. «Ich verstehe, dass das bei einigen Unbehagen auslöst.»

Einig sind die Unternehmer aber auch darin, dass sich die Angreifer die falschen Ziele aussuchen. Seine Galerie etwa sei nicht profitorientiert, sagt Fritschy. «Ich versuche, damit dem Quartier etwas zurückzugeben.» Ähnlich tönt es bei Egli: «Im Zeppelin können auch Künstler aus dem Quartier auftreten.»

«Auch Teil der Gentrifizierung»

Für Sandra Ryf vom Nachbarschaftskomitee gegen Luxuswohnungen in der Lorraine machen es sich die Unternehmer damit aber zu einfach. Sie sei zwar auch der Meinung, dass die steigenden Mieten das Hauptproblem in der Lorraine darstellten, sagt sie. Aber solch «hippe Lokale» zögen Personen an, die bereit seien, viel Geld für eine Wohnung zu bezahlen. «Diese Lokale sind auch Teil der Gentrifizierung.»

Sie verstehe daher den Unmut, der hinter den Vandalenakten stehe. Nicht äussern will sie sich zur Frage, ob dieser Unmut auf die richtige Weise kundgetan wird. «Es ist nicht an mir, die verschiedenen Formen des Widerstands zu beurteilen.»

Der Bund

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