Ursula Wyss fällt ein Stein vom Herzen – Gegner sind konsterniert

Die Stadt Bern hat das Tram Bern–Ostermundigen gleich deutlich angenommen wie das gescheiterte Vorgängerprojekt. Nun rüsten sich beide Lager für die kantonale Tram-Abstimmung.

Geht es nach dem Stadtberner Souverän, sollen die Busse nach Ostermundigen durch Trams ersetzt werden.

Geht es nach dem Stadtberner Souverän, sollen die Busse nach Ostermundigen durch Trams ersetzt werden.

(Bild: Adrian Moser)

Simon Thönen@SimonThoenen

Am kleinen Tisch im Altstadtrestaurant Lirum Larum herrscht aufgeräumte Stimmung. Ein knappes Dutzend Mitglieder des Ja-Komitees hat eben erfahren, dass das Stadtberner Stimmvolk das Projekt für ein Tram von Bern nach Ostermundigen mit 62,2 Prozent Ja-Stimmen gutgeheissen hat. Noch ein bisschen deutlicher also, als 2014 das Ja der Stadt zum grösseren Vorgängerprojekt Tram Region Bern ausfiel, das damals am Nein der Vororte scheiterte.

Diesen Sieg hat man eigentlich erwartet. «Ostermundigen will, Bern sowieso» war der selbstbewusste Slogan der Trambefürworter – in Anspielung darauf, dass Ostermundigen 2016 im zweiten Anlauf doch noch für das Tram gestimmt hat. Dennoch sagt SP-Gemeinderätin Ursula Wyss, als sie sich zur Komiteerunde gesellt: «Mir fiel ein Stein vom Herzen.» Denn das Resultat war gut, obwohl eingetroffen ist, was die Befürworter am meisten fürchteten: Die Stimmbeteiligung war mit 33 Prozent tief, fast 20 Prozentpunkte tiefer als bei der Tram-Abstimmung in Bern 2014. «Bei einer so tiefen Stimmbeteiligung wird es ein bisschen unberechenbar», sagt Wyss. Zumal die Gegner den aktiveren Abstimmungskampf geführt haben und mit ihrem Referendum gegen den Kantonsbeitrag für das Tram «eine Grundmobilisierung auf ihrer Seite hatten».

Resultat 2014 und 2017 fast gleich

Trotz der massiv tieferen Stimmbeteiligung sind die Resultate der städtischen Tram-Abstimmungen von 2014 und 2017 auch im Detail fast identisch: Alle sechs Stadtteile stimmten zu – und in beiden Abstimmungen jeweils fast im gleichen Stimmenverhältnis. Besonders freue sie, dass der direkt betroffene Kreis Breitenrain-Lorraine diesmal mit knapp 62 Prozent noch ein wenig deutlicher zugestimmt habe als vor drei Jahren, sagt Wyss später an der Medienkonferenz des Gemeinderats. Dies sei ein «ganz wichtiges Signal» im Hinblick auf die kommende kantonale Volksabstimmung.

Denn allen ist klar, dass der wichtige Entscheid zum Tram nach Ostermundigen nun in der kantonalen Abstimmung vom 4. März 2018 fallen wird. Dann wird über den Kantonsbeitrag für das Tramprojekt entschieden, gegen den ein Komitee um SVP-Grossrat Stefan Hofer erfolgreich das Referendum ergriffen hat.

Die jetzige tiefe Stimmbeteiligung in der Stadt empfindet man in der Komiteerunde nicht als Nachteil für die Kantonsabstimmung. In der Tat deuten fast identische Resultate bei massiv unterschiedlichen Beteiligungen gerade auf eine stabile Meinungsbildung hin. Und am 4. März dürfte die Stimmbeteiligung hoch sein, weil auf nationaler Ebene die umstrittene «No Billag»-Initiative zur Abstimmung kommt. Dennoch müssten die Trambefürworter in Bern und Ostermundigen auch im kantonalen Abstimmungskampf aktiv bleiben, sagt SP-Stadträtin Marieke Kruit. «Wir müssen an die Solidarität aller Agglomerationsgemeinden appellieren.» Doch klar ist, dass die Führung nun an das politisch breit zusammengesetzte kantonale Komitee «Ja zum Tram» übergehen wird, das sich am Sonntag präsentiert hat.

Lange Gesichter bei Gegnern

In der kleinen Gruppe der Gegner des Ostermundigen-Trams, die sich vor der Medienkonferenz des Gemeinderats im Parterre des Erlacherhofs trifft, ist die Konsternation gross. «Enttäuscht nehmen wir das Abstimmungsresultat zur Kenntnis», schreiben sie in ihrem Communiqué. Ihr Grundton bleibt die Anklage gegen die Behörden. Das Resultat zeige, «dass die Stadt ihrer Regierung offenbar fast blind vertraut, sogar wenn diese mit Unwahrheiten operiert».

Der wichtige Mann allerdings fehlt in der Gegnergruppe. Der Stadtberner SVP-Grossrat Stefan Hofer hat es nicht in den Erlacherhof geschafft. Hofer hat bereits die Unterschriftensammlung für das Referendum gegen den Kantonskredit von 102 Millionen Franken teilweise aus eigenen Mitteln finanziert. Und er will auch die kantonale Nein-Kampagne im geschätzten Umfang von 50'000 Franken zu «einem gewichtigen Teil» selber bezahlen, wie er auf Anfrage sagt. Das Resultat in der Stadt habe ihn nicht überrascht, meint er. «Das Projekt ist ja ein Geschenk an die Stadt Bern.»

Das Communiqué des Komitees «Nein zum Luxustram nach Ostermundigen» gibt die Linie der Gegner im kantonalen Abstimmungskampf vor: «Angesichts der laufenden Spardebatte im Grossen Rat ist das Referendumskomitee der Meinung, dass die 102 Millionen Franken sinnvoller investiert werden können.» Das kantonale Ja-Komitee argumentiert positiv. Es gelte, den Kanton «schlau voranzubringen» mit einer Verkehrspolitik, «die auf die Besonderheiten der Regionen Rücksicht nimmt». Und das Tram Bern–Ostermundigen sei eben im städtischen Gebiet optimal.

Die neue Tramlinie (Klicken, um Grafik zu vergrössern).

Der Bund

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