Unter Tage durch Berns Geschichte

Lauschige Plätzchen mitten in der Kloake, Tropfsteinhöhlen in bombensicheren Schutzräumen: Berns Kanalnetz erstreckt sich über rund 300 Kilometer und beherbergt gut gehütete Schätze und Geheimnisse.

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Schmuck, Uhren, Pinzetten, Nagelknipser, Spielzeugautos: «Das sind alles Gegenstände, die wir hier aus der Kanalisation gefischt haben», sagt Raphael Flückiger und zeigt auf die Vitrine am Eingang des Rathauskanals. Er leitet den Kanalnetzbetrieb beim Tiefbauamt der Stadt Bern und kennt die Geschichten und Geheimnisse rund um die Berner Kloake. So ist der Rathauskanal nämlich nichts anderes als das Abwassersystem des Rathauses. Eigentlich ist es hier unten angenehm kühl und feucht. Der schmale Pfad und die beidseitig vor sich hinplätschernden Rinnsale laden beinahe zum Verweilen ein – wüsste man nicht, dass hier so manches Geschäft der Gross- und Stadträte wortwörtlich den Bach runtergeht.

Noch vor wenigen Jahrzehnten floss das Abwasser ungefiltert in die Aare, mittlerweile wird es zunächst in die Kläranlage geleitet. «Der Zufluss zur Aare ist heute zubetoniert», sagt Flückiger. Gestank ist keiner wahrzunehmen, denn derzeit fliesst noch genug Wasser, dass dieser ausbleibt. «Ich musste allerdings schon Personen kurz nach dem Einstieg wieder nach oben führen, weil ihnen schlecht wurde.»

Kosten: 1 Milliarde Franken

Der Rathauskanal ist im Kern ein Relikt aus alter Zeit: Im 17. Jahrhundert erbaut, diente er als einer von vielen Ehgräben, wie sie in älteren Städten wie Bern häufig sind. Sie verliefen meist als offene, schmale Gässchen an den Häuserrückseiten. Viele Gebäude verfügten damals über einen Abtritterker – eine Art Plumpsklo, das in einiger Höhe an der Aussenseite angebracht war. Die Erker sind vereinzelt heute noch zu sehen, dienen allerdings meist als Wohnraum. In den Ehgräben sammelten sich die herabgefallenen Fäkalien – daher wohl auch die mittelalterliche Bezeichnung «Schissgruob». Ein Spülmeister leitete täglich den Stadtbach mithilfe eines ausgeklügelten Schleusensystems durch die einzelnen Kanäle, um sie zu reinigen. Über 200 Jahre und einige Typhusepidemien später liess die Stadtregierung das Kanalnetz von Grund auf modernisieren. «Nur ein Kanal stammt noch etwa aus dieser Zeit, der ist rund 140 Jahre alt», sagt Flückiger. Die meisten müssten nach 80 bis 100 Jahren saniert werden.

Heute sind die Ehgräben kaum mehr zu erkennen. Die Gebäude sind enger zusammengerückt, die Passagen meist überbaut. «Das Schleusensystem des Stadtbachs funktioniert aber immer noch sehr ähnlich», so Flückiger. Durch das ständige Bevölkerungswachstum und die massive Bautätigkeit in den letzten beiden Jahrhunderten sei das Berner Abwassersystem zu einem riesigen Kanalnetz herangewachsen. Dieses wird gemäss Tiefbauamt mithilfe von 6770 Kanalisationsschächten überwacht. Würde die Stadt die gesamte Anlage erneut bauen, müsste sie dafür fast 1 Milliarde Franken hinblättern. Und hängt man alle Kanäle aneinander, beträgt deren Länge rund 300 Kilometer – das entspricht in etwa der Distanz vom westlichsten zum östlichsten Zipfel der Schweiz.

Bikini legte Pumpe lahm

Am Ende des Rathauskanals führt eine Metallleiter zurück ans Tageslicht. Wenige Gehminuten später öffnet Flückiger eine Bodenluke. Wieder gehts in den Untergrund. «Es ist nicht immer möglich, das Abwasser in freiem Gefälle in die ARA abzuleiten.» Dafür gebe es die Pumpwerke wie hier am Langmauerweg. Die drei Pumpen können bis zu 150 Liter Abwasser pro Sekunde vier Meter hoch in Richtung Reinigungsanlage befördern. «Vor allem das Abwasser aus der Matte wird hier im Pumpensumpf gesammelt. Ist ein bestimmter Pegel erreicht, springt das Werk automatisch an.»

Fällt eine der drei Pumpen aus, erledigen die anderen ohne Flückigers Zutun die Arbeit. Es braucht aber nicht viel, damit das gesamte Pumpwerk zum Erliegen kommt: Ärgerlich seien etwa Zahnseide oder Kondome. «Die müssen nur im richtigen Winkel in das Pumpwerk gespült werden, und das Chaos beginnt.» Es sei sowieso kaum fassbar, was die Bernerinnen und Berner alles via Klo entsorgten, sagt Flückiger. «2013 hat eine Schlaumeierin ihren Bikini die Toilette hinuntergespült. Das hat hier alles lahmgelegt.»

Stollen wurde zu Kleinod

Die Tour durch den Untergrund endet am Klösterlistutz. Hier liegt ein wahres Juwel versteckt: Eine Tropfsteinhöhle. Die Wände des Gewölbes sind mit einer milchigen Schicht überzogen und sehen aus, als hätte sie jemand mit zu viel Zuckerguss verziert. Von oben tropft es herab, am Ende des Ganges steht ein kleines Becken. In dessen glasklarem Wasser spiegelt sich die Decke und zeigt die korallenförmigen Muster des Kalks, der durch den Sandstein an die Oberfläche gelangt ist und sich dort kristallisiert hat. Die mystische Atmosphäre trügt aber: «Eigentlich ist die Höhle ein Sondierungsstollen», sagt Flückiger und weist auf die Informationstafeln beim Eingang hin. Wie dort zu lesen ist, begann der städtische Baudirektor 1944 mit dem Projekt – um abzuklären, ob sich der Hang des Aargauerstaldens als «bombensicherer Luftschutzraum» eigne. Es stand gar zur Debatte, zwei weitere Schutzräume in den Hang zu bauen. Die Kosten für das Projekt hatte die Stadtregierung mit 157'000 Franken veranschlagt. Ein Jahr nach Beginn der Bauarbeiten stellte sich heraus, dass der Stollen zu viel Wasser führte und der Hang für den Bau eines Luftschutzraums deshalb ungeeignet war. Der Plan, den Sondierungsstollen wenigstens als Lagerraum zu nutzen, scheiterte an der zu hohen Luftfeuchtigkeit. So ordnete der Gemeinderat an, den Eingang zuzumauern. Erst in den 80er-Jahren drangen Mitarbeiter des Tiefbauamts wieder in den Tunnel ein, um den Bau des Murifeld–Aare-Kanals voranzutreiben. Dort fanden sie unerwartet die Tropfsteinhöhle.

Das Tiefbauamt feiert in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass werden Führungen durch Berns Unterwelt organisiert. (Der Bund)

Erstellt: 25.07.2015, 09:03 Uhr

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