Und ewig brodelt es im Strahlenmeer

Der Schweizerpsalm wird dieses Jahr 50, aber gratulieren mag niemand. Die Melodie ist akzeptiert, der Text jedoch berührt die meisten nur noch peinlich. Besserung ist derzeit keine in Sicht.

Der Schweizerpsalm: ein Lied fürs Herz, aber nicht fürs Hirn.

Der Schweizerpsalm: ein Lied fürs Herz, aber nicht fürs Hirn.

(Bild: Keystone)

Dölf Barben@DoelfBarben

Seit langem sei er, «wie viele andere Schweizer», unglücklich über den Text des Schweizerpsalms. Die Melodie wirke bei besonderen Anlässen zwar identitätsstiftend, der Text aber sei «mehr als problematisch». Dies sagt der pensionierte Gymnasiumsrektor Gerhart Wagner. Die Liedzeilen täuschten eine allgemeine Frömmigkeit der Schweizer vor, die es längst nicht mehr gebe. Aber auch aus religiöser Sicht sei der Text nicht haltbar, wie ihm von berufener Stelle versichert worden sei. Deshalb könne sich, «streng genommen», weder der Gläubige noch der Ungläubige damit identifizieren.

Wagner kritisiert nicht nur. Vor einigen Jahren hat er, wie viele andere auch, selber Verse geschmiedet. Das war damals, als die Bolliger Nationalrätin Margret Kiener Nellen den Bundesrat in einer Motion aufforderte, für eine neue, zeitgemässe Landeshymne zu sorgen. Weil es für ihren 2004 eingereichten Vorstoss nicht gut aussah, zog sie ihn zurück. Das Anliegen gelangte in eine Kommission, wo es schliesslich mit einem knappen Entscheid beerdigt wurde. Auch Kiener Nellen kritisierte vor allem den Text - «den Schwulst und das Pathos des 19. Jahrhunderts», «das patriarchale, nationale Gottesbild», «die Gebetsartigkeit» und «das ausschliessliche Ansprechen der Männer».

Der Bundesrat hatte den Schweizerpsalm 1961 provisorisch und 1981 definitiv als offizielle Landeshymne bezeichnet. Kiener Nellens Motion empfahl der Bundesrat zur Ablehnung: «Trotz gewisser Mängel» sei der Schweizerpsalm dank seiner Bekanntheit «eine würdige Landeshymne». Kiener Nellen empfindet den Text nach wie vor als «einfach blöd und veraltet». Eine ihrer Bekannten habe einmal gesagt, wenn man aus dem Schweizerpsalm den lieben Gott entferne, bleibe bloss noch ein Wetterbericht zurück. Als sich Kiener Nellen für eine neue Landeshymne einsetzte, sind ihr zahlreiche Kompositionen und Texte zugestellt worden, ein paar davon hat sie dem «Bund» freundlicherweise zur Verfügung gestellt (siehe Box links). Auch wenn derzeit keine Hoffnung auf rasche Besserung bestehe, so gebe es doch «eingefleischte Kritiker», die nach wie vor auf eine neue Hymne hofften.

Im Worblental scheint die Kritikerdichte besonders gross zu sein. Vor einem Jahr hat sich in einer Ansprache zum 1. August auch der Stettler Pfarrer Christoph Jungen zum Schweizerpsalm geäussert - auf dessen Aussagen bezieht sich Gerhart Wagner, der ebenfalls in Stettlen wohnt. Weil er Mühe habe mit dieser Hymne, singe er, wie viele andere auch, «nicht nur aus Unkenntnis des Textes ‹na, na, na›», sagte Jungen damals. Gestern bestätigte er seine Kritik: Der Text vermöge nicht zu befriedigen - wie man ihn auch betrachte. Es komme darin eine Frömmigkeit zum Ausdruck, die gerade aus biblisch-theologischer Sicht sehr befremdend sei. Selbst konservativen Menschen falle es zunehmend schwer, dieses Lied noch aus vollem Herzen zu singen, sagt Jungen. Selber könne er sich damit nicht identifizieren. Der Text berühre ihn nur noch peinlich.

Margret Kiener Nellen hatte in ihrer Motion geschrieben, es sei überfällig, «für unser Land eine Hymne zu verfassen, die unserer Zeit, unserer Zukunftsperspektive sowie dem aus der Geschichte Gelernten entspricht». Doch etwas Neues zu schaffen, ist nicht einfach. Bereits zwischen 1961 und 1981, als der Schweizerpsalm noch als provisorisch eingestuft war, wurden dafür viele Versuche unternommen. Doch ihnen blieb der Erfolg versagt. «Es zeigte sich», schrieb der Bundesrat, «dass kein anderer Vorschlag so viele Stimmen auf sich vereinigen konnte wie der Schweizerpsalm.»

Wie die anderen Autoren hat auch Gerhart Wagner seinen Text der Zeit angepasst. Die Beziehung der Schweiz zur Welt kommt bereits in den ersten Zeilen zum Ausdruck. Die Schweiz als «glückliches Herz der Welt» zu bezeichnen, sei womöglich etwas «frech», räumt er ein. «Aber eine Hymne darf oder muss sogar etwas plakativ sein», sagt er. Und es sei durchaus angebracht, auf die Schweiz stolz zu sein - wenn die Dankbarkeit mitgemeint sei. Für die Beschreibung der Landschaft habe er sich übrigens durch das norwegische Vaterlandslied anregen lassen. Wagner hofft, die Diskussion um den Schweizerpsalm komme wieder in Gang. Und er hofft auf eine neue Hymne - «auf eine, die länger als 50 Jahre Bestand haben wird».

Der Bund

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