Achtung Gassenkinder

In der Brunngasse in der Berner Altstadt treffen spielende Kinder auf Verkehr und Gewerbe. All deren Ansprüche lassen sich nicht leicht unter einen Hut bringen.

In der Berner Brunngasse lässt sich trefflich spielen – wenn nicht gerade Autos durch die enge Gasse fahren.

In der Berner Brunngasse lässt sich trefflich spielen – wenn nicht gerade Autos durch die enge Gasse fahren. Bild: Marco Raho

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Eugen, Wrigley und Co., die Helden aus Klaus Schädelins Roman «Mein Name ist Eugen» würden ihr Unwesen heute wohl in der Brunngasse, statt – wie im Buch – in der Herrengasse treiben. Die schmale, gekrümmte Gasse in der Berner Altstadt unweit des Zytglogge «wird bei Familien immer beliebter», sagt Sibylle Stillhart, Mutter und Anwohnerin in der Brunngasse.

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Bei schönem Wetter und vor allem im Sommer werde «Versteckis», Fussball und anderes auf der Gasse gespielt, «das Gassenleben ist wieder belebt und vor allem familiär geworden». Gegen zehn Kinder spielten regelmässig in der Gasse, sagt Monika Eckert, ebenfalls Mutter und Anwohnerin – zudem kämen bisweilen Kinder aus anderen Gassen hinzu.

Achtung Auto

Doch die Kinder, die heute in der Gasse spielen, haben ein Problem, das Eugen und seine Clique noch kaum kannten: den Autoverkehr. Die Brunngasse ist im oberen Teil wegen einer Kurve unübersichtlich – Parkplatzsuchende oder Paketkuriere bögen oft mit hohem Tempo in die Gasse ein. «Sie wissen dabei nicht immer, dass sie in eine Begegnungszone mit spielenden Kindern hineinfahren», sagt Stillhart.

Um die Situation zu verbessern, plante die Stadt laut Stillhart und Eckert ursprünglich eine Vergrösserung des Veloparkplatzes am Eingang der Brunngasse sowie einen Sichtschutz, um den Verkehr bei der Einfahrt in die Begegnungszone zu verlangsamen. Aus den fixen Installationen ist aber nichts geworden – auch auf Betreiben des Rathausgass-Brunngass-Leists. Nach einem Treffen der Quartierbewohner und des Leist mit der Stadt am letzten Dienstag wurde vereinbart, dass die Eltern vor der gefährlichen Kurve Pylonen aufstellen können, wenn die Kinder auf der Strasse spielen.

Dadurch liessen sich die Verkehrsteilnehmer zusätzlich sensibilisieren und die Verkehrssicherheit erhöhen. Zudem dürften Eltern temporär einen Tisch und Stühle in der Nähe des Brunnhöfli auf die Gasse stellen, wie Renato Grassi, der zuständige Verkehrsplaner bei der Stadt, sagt.

Pylonen und Tische reichen nicht

Die Eltern in der Brunngasse sind mit der gefundenen Lösung – Pylonen und Tische – nicht ganz zufrieden. Eckert versteht nicht, weshalb eine bessere Signalisation nicht möglich sein soll. «Von einer besser markierten Einfahrt würden alle profitieren, und niemand würde etwas verlieren», sagt sie – «doch jetzt wurden wir von den Leuten im Leist überstimmt». Dabei hätten doch die Läden in der Gasse sicher auch ein Interesse daran, dass die Strasse belebt sei. Zudem seien die Kinder nicht dauernd auf der Gasse, sondern oft im Kindergarten oder in der Schule – oder normalerweise spätestens um acht oder neun Uhr im Bett.

Für Edi Franz, Präsident des Rathausgass-Brungass-Leists, ist die getroffene Abmachung eine gelungene Lösung: «Ich freue mich, dass dank der Flexibilität des Behördenvertreters eine pragmatische und unbürokratische Massnahme zur Erhöhung der Sicherheit gefunden werden konnte.» Es sei nämlich nicht so einfach, die Brunngasse mit Signaltafeln zu versehen, das habe er auch erst selber erfahren müssen.

Eine Geschwindigkeitstafel sei in einer Begegnungszone in der Signalisationsverordnung nämlich nicht vorgesehen. Die Idee, eine der geplanten Veloverleihstationen in der Gasse zu platzieren, sei am Widerstand der Geschäfte der Gasse gescheitert. Diese Station näher an den Gasseneingang zu rücken, sei wiederum wegen der Zufahrt von grösseren Fahrzeugen nicht möglich. «Ich habe das Gefühl, dass jedes Vorhaben, auch nur einen Stein in der Altstadt umzudrehen, immer unzählige Konsequenzen nach sich zieht», sagt Franz.

Spezialfall Altstadt

Die Brunngasse sei als Begegnungszone im Unesco-Weltkulturerbe ein Spezialfall, bestätigt auch Grassi. Man habe nur schon aus denkmalpflegerischen Gründen nicht dieselben Möglichkeiten, die Gasse zu markieren, wie dies in Begegnungszonen in Quartieren geschehe. Zudem erwähnt auch Grassi die engen Platzverhältnisse: Feuerwehr und Kehrichtabfuhr müssten die Gasse jederzeit passieren können. Man prüfe aber weitere Massnahmen, um die Begegnungszone deutlicher hervorzuheben.

So wie die Altstadt einen Spezialfall der Verkehrssignalierung darstellt, ist die Brunngasse als «Spielgasse» ein Spezialfall. Von ähnlichen Problemen hätten sie nichts vernommen, sagen sowohl Nicola Schneller, Vizepräsident der Vereinigten Altstadt-Leiste, als auch Barbara Geiser, Vorstandsmitglied im Leist der Unteren Stadt. Die meisten anderen Gassen seien auch nicht unbedingt für Kinderspiele geeignet, sagt Schneller. Die Kramgasse etwa sei zu breit und zu befahren. Kinder aus der Herren- oder Junkerngasse vertrieben sich die Zeit wohl eher auf der Münsterplattform.

Dass es in den anderen Altstadtgassen eher ruhig ist, könnte auch damit zusammenhängen, dass nach wie vor nicht sehr viele Familien in der Altstadt wohnen. Ende 2017 lebten gemäss Zahlen der Stadt Bern 315 Personen im Alter von null bis 19 Jahren in den Altstadt-Quartieren – 119 davon allein im Schwarzen Quartier, also in der Matte.

Das hängt auch mit der Wohnungssituation zusammen, wie Dagmar Boss von Immobilien Stadt Bern auf Anfrage sagt. Wohl strebe die Behörde über das gesamte Stadtgebiet belebte und sozial durchmischte Quartiere an. Die Stadt besitze in der Altstadt aber nur wenige Wohnungen, die von ihrer Grösse her für Familien geeignet seien. Andere, von der Quadratmeterzahl her taugliche Wohnungen seien zum Teil wegen ihrer Raumeinteilung und Beschaffenheit nicht familienfreundlich, so Boss. (Der Bund)

Erstellt: 16.04.2018, 06:27 Uhr

Begegnungszone Seit 2002

Seit 2005 ist die untere Altstadt eine Begegnungszone. In Bern gibt es gegen hundert solcher Zonen, wie sie das Gesetz in der Schweiz seit 2002 definiert. Es sind Flächen, «auf denen die Fussgänger die ganze Verkehrsfläche benützen dürfen». Zudem haben Fussgänger immer Vortritt, dürfen aber «die Fahrzeuge nicht unnötig behindern».

Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 20 km/h. Fahrzeuge dürfen zudem nur in markierten Bereichen parkiert werden. Das Spielen auf der Strasse ist gemäss der eidgenössischen Verkehrsregelnverordung (VRV) erlaubt: Fussgänger dürfen vorgesehene Flächen auf Nebenstrassen für Spiele nutzen, solange es «die übrigen Verkehrsteilnehmer weder behindert noch gefährdet».(zec)

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