«Unbekanntes wird oft als bedrohlich empfunden»

Der 31-jährige Michael Kohn ist Assistenzrabbiner in der Jüdischen Gemeinde Bern. Er bezeichnet sich als «modern orthodox».

Assistenzrabbiner Michael Kohn in der Berner Synagoge.

Assistenzrabbiner Michael Kohn in der Berner Synagoge.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Markus Dütschler

Durchs Fenster erblickt die Sekretärin den angemeldeten Besucher und öffnet die Tür zur Schleuse. Das Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde Bern (JGB) und die Synagoge sind nicht frei zugänglich – aus Sicherheitsgründen. Letzthin hätten Passanten spontan die Synagoge besichtigen wollen, doch habe er sie nicht einfach einlassen können, bedauert Michael Kohn, seit kurzem JGB-Assistenzrabbiner.

«Schade, denn eigentlich wäre man gern offen und gastfreundlich gegenüber Menschen, die sich für das Judentum interessieren.» Doch wie überall in Europa sei die Sicherheit jüdischer Einrichtungen auch hier ein Thema, dafür gebe es Gründe. «Viele Israelis sind überzeugt, dass Juden in Europa gefährlich leben.» Umgekehrt fänden es europäische Juden mutig, wenn jemand die Alija mache, also nach Israel auswandere, mitten ins nahöstliche Pulverfass.

Der bald 32-jährige Norweger hat während des Studiums acht Jahre in Jerusalem gelebt und weiss, dass man in Israel keinen Supermarkt, kein Verwaltungsgebäude und keinen Bahnhof betritt, ohne die Taschen zu öffnen. Hat er in Bern je unfreundliche Begegnungen gehabt? Nein, noch nie habe ihn jemand angepöbelt, sagt der nach eigener Definition «modern Orthodoxe», der stets die Kippa trägt. Einige Juden verzichten inzwischen auf das Tragen der kleinen Kopfbedeckung, um nicht unnötig die Aufmerksamkeit rabiater Antisemiten auf sich zu ziehen.

«Tun wir genug?»

Security sei nötig, aber nicht alles, sagt Kohn, während er für den Besucher einen Kaffee aus der Maschine laufen lässt. «Die andere Frage ist, wie man Antisemitismus verhindern kann.» Es sei «schon ein guter Anfang», wenn sich die Gesellschaft diese Frage stelle, doch müsse sie sich auch überlegen: «Tun wir genug?» Kohn hat zusammen mit dem Berner Rabbiner David Sandor Polnauer kürzlich an einer Diskussion im Haus der Religionen teilgenommen.

Solche Anlässe seien wichtig, damit Menschen das scheinbar Fremde kennen lernten. «Unbekanntes wird oft als bedrohlich empfunden.» Für Kohn gehört es zu den Aufgaben des Judentums, aber auch anderer Religionen, «einen guten Einfluss auf die Gesellschaft» auszuüben und ein Leuchtturm zu sein. «Es braucht mehr als blosse duldende Toleranz gegenüber anderen, sondern echte Wertschätzung.»

In der JGB erteilt Kohn den Kindern Religionsunterricht. Schon für Zweijährige gestaltet er Kindergottesdienste vor dem Schabbat, dem samstäglichen Wochenfeiertag. Kindern im frühen Primarschulalter erzählt er biblische Geschichten und übt später mit ihnen die hebräische Sprache, «damit sie im Gottesdienst während der Thora-Lesung verstehen, worum es geht».

Mit den älteren behandelt er auch das düstere Kapitel der Schoah, des Judenmords in Europa. In seiner Heimat Norwegen sei während der deutschen Besatzung die Hälfte der jüdischen Bevölkerung zur Vernichtung in die KZ deportiert worden, sagt Kohn. Die andere Hälfte konnte nach Schweden fliehen und nach dem Krieg zurückkehren. Heute leben in Norwegen noch etwa 1000 Juden, rund 700 davon in Oslo. In der Schweiz gibt es je nach Zählung 15'000 bis 18'000. Die JGB umfasst einige 100 Personen.

Erinnerung ist wichtiges Element

Das hebräische Wort Rabbi bedeutet Lehrer, doch sieht der Alltag eines Rabbiners ähnlich aus wie der eines Pfarrers. «Menschen brauchen jemanden, der sie durchs Leben begleitet, spirituell und auch praktisch.» Besonders nötig sei das bei Ereignissen wie Geburt, Eheschliessung oder Tod, sagt Kohn. Dann schaut er auf die Uhr. Mit Rabbiner Polnauer wird er zu einer Purim-Feier in einer Berner Seniorenresidenz erwartet. An Purim gedenken Juden der biblischen Esther, die ihr Volk in der persischen Diaspora mit ihrem Mut vor der Vernichtung bewahrte. Weil man sich an Purim verkleidet, erscheint das Fest Aussenstehenden als eine Art Fasnacht, auch wenn der Sinn ein anderer ist.

Erinnerung ist im Judentum ein wichtiges Element, auch zu Pessach, das in diesem Jahr am 10. April gefeiert wird. Dann vergegenwärtigt man sich den Auszug des Volks Israel aus Ägypten. Zu essen gibt es ein Mahl mit Zutaten, die die bittere Sklaverei sinnlich erlebbar machen, etwa Rettich. Jüdinnen und Juden sollen laut Kohn dabei eines begreifen: «Wenn Gott uns nicht befreit hätte, wären wir immer noch Sklaven.»

Der Bund

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