Über das Geschäft mit dem Genuss

Die Ausstellung scheint den Nerv der Zeit zu treffen: Die Helvetas-Schau «Wir essen die Welt» im Berner Politforum Käfigturm thematisiert etwa das Rüebli und ist dennoch erfolgreich unterwegs.

Die Ausstellung «Wir essen die Welt» vereinfacht komplexe Zusammenhänge.

Die Ausstellung «Wir essen die Welt» vereinfacht komplexe Zusammenhänge.

(Bild: zvg)

«Ich liebe Spargeln, könnte jeden Tag davon essen. Doch ich habe mich dazu entschieden, nur noch einheimische Spargeln zu kaufen», spricht Moderatorin Monika Schärer per Videobotschaft zum Ausstellungsbesucher, der soeben die vielen Käfigturm-Treppenstufen in den 3. Stock geschafft hat. Monika Schärers Statement zum Thema «Genuss, Geschäft und Globalisierung» ist aktueller denn je und konfrontiert die Besucher bereits zu Beginn des interessanten Rundgangs mit dem eigenen Gewissen. «Sachen, die wir genussvoll und gerne essen, können eine negative Seite haben. Je mehr wir über die heutigen Marktmechanismen wissen, desto besser können wir unser Konsumverhalten anpassen», sagt Michael Fritsche, Leiter des Polit-Forums Käfigturm.

Wie leben die Menschen in Bangladesh und Indien, die unsere Crevetten züchten und unseren Reis anbauen? Wie lange muss ein Mensch in Burkina Faso für einen Franken arbeiten? Und was hat die Sojaproduktion in Brasilien mit Treibhausgas-Emissionen und Artensterben zu tun? Die komplexen Zusammenhänge zwischen Produktion und Konsum, Genuss und Geschäft, Nachfrage und Verfügbarkeit werden an der Helvetas-Ausstellung «Wir essen die Welt» beleuchtet.

Hightech oder Bio?

Seit dem Beginn vor drei Wochen haben sich 140 Schulklassen angemeldet, Tendenz steigend. 35 Schulklassen haben die Ausstellung bisher besucht – mehr als die Hälfte davon nahmen an den Führungen «Take-away» und «5-Gang-Menu» mit anschliessendem Workshop teil. Sämtliche Abendveranstaltungen sind bereits restlos ausverkauft. Wer vom Rahmenprogramm profitieren will, hat an der Museumsnacht vom 21. März oder an einer der Mittagsveranstaltungen Gelegenheit dazu. «Dieser Erfolg ist überdurchschnittlich, das Thema scheint den Nerv der Zeit zu treffen», sagt Fritsche.

Bewegungen wie Slow Food, Tischlein deck dich oder Blue Community sowie Angebote wie Öpfelchasper, Fairtrade, Soliterre und Bio-Abi liegen im Trend. «Wir liefern seit 2010 lokal und nachhaltig produzierte Lebensmittel an Haushalte in der Stadt Bern, die Zahl der Abos hat sich seither verdoppelt», sagt Christina Grünewald von Bio-Abi. Doch es gibt auch andere Haltungen: Auf die Frage, ob Hightech oder Bio, antwortet Beda Stadler, Verfechter von Gentechfood und Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern: «Es gibt kein einziges wissenschaftliches Verfahren, mit dem man ein Biorüebli von einem normalen unterscheiden könnte. Der einzige Unterschied besteht im Glauben und im Preis.» Dass Rüebli heikle Gewächse sind und lange Transporte sie bitter werden lassen, hat einst eine Bio-Bäuerin auf dem Bantiger verraten, deren Bauernhof-Gemüsekeller regen Zuwachs erhält.

Linsen statt Fleisch?

Während draussen auf dem Bärenplatz in der Mittagspause Fastfood und Fertigsalate verspeist werden, referiert drinnen Michael Beer vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen zum Thema «Welche Ernährung empfiehlt der Staat?». Seine Ausführungen zum nationalen Ernährungsbericht und der daraus abgeleiteten Strategie stossen auf rund 50 interessierte Ohren. Was ist gesund, was sollte man meiden? «Da hilft uns die altbekannte Ernährungspyramide.

Früchte, Gemüse und Fisch sollte man regelmässig essen, kalorienreiche Nahrungsmittel wie Pasta oder Brot hingegen sind mit Vorsicht zu geniessen», sagt Beer, und wird im Anschluss auf die fehlenden Hülsenfrüchte in der Pyramide angesprochen. «Als Veganer verzichten wir auf Fisch, dafür gibts bei uns täglich Linsen oder Bohnen, das ist ein perfekter Proteinlieferant», sagt eine ältere Dame im Publikum. Und einmal mehr wird klar: Die Themen rund um Nahrung, Genuss, Geschäft und Globalisierung bewegen, polarisieren und interessieren.

Die kostenlose Ausstellung dauert bis am 24. Mai. Öffnungszeiten: Mo bis Fr 8 bis 18 Uhr, Sa 10 bis 16 Uhr.www.kaefigturm.ch, www.wir-essen-die-welt.ch.

Der Bund

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