Ein Turmzimmer für 350 Franken – Weitblick inklusive

Im Turm des Berner Münsters vermietet die reformierte Kirche neu Räume für Sitzungen und Events.

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Wem hier in so luftiger Höhe die Ideen nicht zufliegen, dem ist nicht zu helfen. Wer hier an Strategiesitzungen nicht den Überblick behält, ist mit dem Sack geschlagen. Hoch oben auf dem Münsterturm vermietet die Evangelisch-reformierte Gesamtkirchgemeinde Bern neu Konferenz- und Sitzungsräume. Die Turmwohnung und die darüberliegende achteckige Turmhalle sind für rund 500'000 Franken renoviert und umgebaut worden. Der achteckige Raum gehört noch zum mittelalterlichen Teil des Turms, wie Münsterarchitekt Hermann Häberli bei einer Besichtigung erklärte. Das Oktogon bestehe seit 1588. Auf den Rippen des Gewölbes sind wichtige Familien aus jener Zeit mit ihren Wappen verewigt. Die Fenster wurden jedoch erst eingebaut, als zwischen 1889 und 1893 der Turm auf die heutige Höhe von 101 Meter vollendet wurde.

Seit 2007 keine Wohnung mehr

Man wolle die Räume vermehrt der Öffentlichkeit zugänglich machen, sagte der stellvertretende Kirchmeier Bruno Banholzer. Seit zehn Jahren wohnt niemand mehr im Münsterturm, damals nahm das Turmwartpaar Ivo Zurkinden und Elisabeth Bissig den Abschied und stieg aus der luftigen Höhe herunter.

Die achtzig Quadratmeter grosse Halle wurde während der Sanierung des Münsterturms als Baubüro und Werkstatt genutzt. In der 3-Zimmer-Wohnung hat die derzeitige Turmwartin Marie-Therese Lauper einen Arbeitsraum eingerichtet. Zwei weitere Zimmer werden wie das Oktogon vermietet. Neu sind zudem die Küche und die WC-Anlage. Bei Laupers Anstellung war bereits klar, dass die Wohnung nicht mehr zur Turmwartstelle gehört.

Mit der Vermietung als Wohnung hätte die Kirche wahrscheinlich mehr Geld einnehmen können, sagt Andreas Hirschi, Präsident des Kleinen Kirchenrats. «Es geht uns aber darum, die Nutzung zu verbreitern und zu öffnen.» Denkbar seien private und öffentliche Anlässe. Das könnten Sitzungen, aber auch Events oder Feste sein, so Hirschi. Einschränkungen gibt es höchstens bei der Erreichbarkeit, denn man muss wegen der engen Wendeltreppe einigermassen gut zu Fuss sein. Die Miete für den Gewölbesaal beträgt 350 Franken für drei Stunden. Auf Wunsch wird das Catering organisiert.

Als Reflexionsraum gedacht

Das Interesse, das Oktogon zu nutzen, wird von der Kirche als recht gross beurteilt. Auch die Kirche selber organisiert hier Veranstaltungen. Die Fachstelle Reformierte im Dialog plant mehrere «Formate», um eine Vernetzung mit der Gesellschaft zu erreichen, wie deren Leiter Michael U. Braunschweig sagte. Zum Beispiel startet eine Reihe von Veranstaltungen zu Leadership und Ethik («Mit Weitblick»). Hinzu kommen theologisch-ethische Erörterungen («Salon TheoPhil») sowie Podcasts mit Gesprächen über Gott und die Welt. Für Braunschweig kann die Turmhalle auch als «Reflexionsraum für Führungskräfte» dienen. Geplant ist weiter eine Zusammenarbeit mit dem Politforum Käfigturm.

Sitzungen oder Konferenzen 50 Meter über dem Erdboden im historischen Kirchengemäuer garantieren nicht nur Weitblick: Es gibt weitere Vorteile. Dank der vielen Treppenstufen geniessen die Teilnehmenden ein gratis Fitnesstraining, das die Lebensgeister weckt. Bis zur Turmwohnung auf der Plattform sind es 222 Stufen hinauf. Hinunter sind es mit 254 Stufen übrigens etwas mehr. Die Absätze in den beiden Treppenhäusern sind unterschiedlich hoch. Zudem ist sichergestellt, dass die Teilnehmenden während der Sitzung nicht eindösen oder wegdämmern, denn unterhalb der Wohnung befindet sich das Glockengestühl. Da sind alle sofort wieder hellwach – auch wenn die Präsentation noch so sedativ sein sollte. (Der Bund)

Erstellt: 13.09.2017, 16:22 Uhr

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