Tschäppät gibt Druck aus der Kultur-Szene nach

Dampfzentrale und Schlachthaus-Theater sollen ein bis zwei Jahre mehr Zeit erhalten, um ihre Zusammenführung zu einem Mehrspartenhaus vorzubereiten. Vertreterinnen der beiden Institutionen zeigen sich erleichtert.

Die Fusion ist vertagt: Dampfzentrale (l.) und Schlachthaus.

Die Fusion ist vertagt: Dampfzentrale (l.) und Schlachthaus.

(Bild: Franziska Scheidegger/Martin Guggisberg)

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Die Kulturförderung 2016–2019 stand bisher unter einem unglücklichen Stern: Politiker bemängelten das Fehlen jeglicher Strategie. Die Stadtberner Kultur­szene wiederum probte den Aufstand gegen das einzige strategische Element der Vorlage, die geplante Fusion von Dampfzentrale und Schlachthaus-Theater.

Da war von einer inakzeptablen «­autoritativen Anordnung» die Rede. Der Berufsverband der freien Theaterschaffenden (Act) reichte eine Petition mit 1000 Unterschriften bei der Abteilung Kulturelles ein. Und Stadttheater-Intendant Stephan Märki wetterte im «Bund» gegen die «Planwirtschaft» der städtischen Kultursekretärin Veronica Schaller. Diese zeigte sich von den Angriffen unbeeindruckt.

Der Alt-Kultursekretär tritt auf

Nun hat aber Schallers Vorgesetzter, Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP), ein Einsehen und gibt dem Drängen der Szene nach einem «Time-out» nach. Auslöser für das Einlenken ist ein Treffen zwischen Vertretern der Stadt und der Kulturszene von Anfang August, bei dem der ehemalige Kultursekretär Christoph Reichenau eine einjährige Überbrückungsfinanzierung für die gesamte städtische Kulturförderung vorschlug, um vertieft über die städtische Förderstrategie zu diskutieren. Knapp eine Woche nach dem Treffen verfasste Tschäppät ein Schreiben an die ­Präsidien von Dampfzentrale und Schlachthaus-­Theater, in dem er erstmals seine Bereitschaft für einen Aufschub von ein bis zwei Jahren bei der Fusion signalisierte.

Ein ähnliches Schreiben ging kurz darauf an die Teilnehmer der Vernehmlassung zur städtischen ­Kulturförderung, die Ende August abläuft. Die Briefe stammen direkt von Tschäppät und wurden von der Abteilung Kulturelles nicht mitunterzeichnet. Mit dem Aufschub für die Fusion verbinde er die Erwartung, «dass alle sinnvollen und zukunftsweisenden Optionen der Kooperation – bis hin zu einer Fusion der beiden Häuser – geprüft werden», hält der Stadtpräsident fest.

«Wir nehmen nun Dampf weg»

Tschäppät sagt auf Anfrage, er rechne damit, dass viele kulturelle Institutionen mit dem Vierjahresplan ­Kulturförderung zufrieden seien. Die Einwände in Bezug auf die Zusammenführung von Dampfzentrale und Schlachthaus-Theater aber nehme er ernst. «Wir nehmen hier nun Dampf weg.» Da die beiden ­Institutionen künftig von der Stadt alleine finanziert würden, seien die politischen Entscheidwege kürzer und Lösungen einfacher zu treffen. «Was die Stadt alleine ­bestimmen kann, steht weniger unter Zeitdruck», sagt Tschäppät. Zudem müssten die ­beabsichtigten ein- bis zweijährigen Leistungsverträge nicht vom Volk ­genehmigt werden.

Bei den von Stadt, Kanton und ­Region gemeinsam finanzierten Institutionen sei der Zeitplan bis zur ­Volksabstimmung aber eng getaktet. Der Gemeinderat müsse bereits im Dezember die vierjährigen Leistungsverträge zuhanden der politischen Gremien verabschieden, damit die Volksabstimmungen im Juni 2015 stattfinden könnten. Das sei auch mit ein Grund, warum die von Reichenau vorgeschlagene Verlängerung der bestehenden Leistungsverträge für alle von der Stadt mitfinanzierten Institutionen nicht möglich sei, sagt Tschäppät.

«Völlig neuer Ton»

Im Schreiben an die Vernehmlassungsteilnehmer kündigt Tschäppät zudem eine Diskussion mit den Kulturschaffenden am 20. Oktober zur Auswertung der Vernehmlassung über den Vierjahresplan an. Dabei soll auch über die Inhalte von jährlich zweimal wiederkehrenden Treffen zwischen der Kulturszene und den Verantwortlichen der städtischen Kulturförderung debattiert werden. Hinter vorgehaltener Hand ist man sich in der Kulturszene einig: Der Stadtpräsident hat der Abteilung Kulturelles die Zügel entrissen und das Dossier zur Chefsache gemacht. Es herrsche ein «völlig neuer Ton».

Bei den beiden unmittelbar betroffenen Institutionen ist man erleichtert: «Wir sind sehr froh, dass auf die Bedenken Rücksicht genommen wurde», sagt Nicola von Greyerz, Präsidentin des Vereins Dampfzentrale. Ein Annäherungsprozess zwischen den beiden traditionsreichen Häusern könne nicht unter derart grossem Zeitdruck erfolgen. Seitens der Dampfzentrale stehe man einer Annäherung grundsätzlich positiv gegenüber. «Wir vermissen von der Stadt aber nach wie vor inhaltliche Argumente für eine Zusammenführung», sagt von Greyerz.

«Man kann auch etwas lernen»

Ursula Dubois, Präsidentin des Vereins Schlachthaus-Theater, spricht von der einzig richtigen Entscheidung. «Wir sind froh, vom Kleinkrieg mit der Stadt befreit zu sein.» Bis anhin sei Druck ausgeübt worden, um die Sache möglichst rasch über die Bühne zu bringen. Nun habe man bei der Stadt aber gemerkt, dass ein strategischer Entscheid von derart grosser Tragweite umfassender Abklärungen bedürfe. «Man kann ja auch etwas lernen», sagt Dubois. Dass die Briefe von Tschäppät persönlich und nicht von der Abteilung Kulturelles unterzeichnet wurden, wertet Dubois ­positiv: «In einer solchen Situation ist es richtig, wenn der politisch Verantwortliche seine Verantwortung auch wahrnimmt», sagt Dubois.

Der Bund

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