Trotz Erfolg: Mehrweg-Projekt 
Grüne Tatze droht das Aus

Die Initianten der Take-away-Box wollen das Projekt über Bern hinaus ausweiten. Doch ohne Geldspritze ist bald Schluss. Ob sich die Stadt beteiligt, ist offen.

Die Initiantinnen Carole Staub (links) und Jeanette Morath wollen mit der Grünen Tatze den Abfallberg verringern.

Die Initiantinnen Carole Staub (links) und Jeanette Morath wollen mit der Grünen Tatze den Abfallberg verringern.

(Bild: Valérie Chételat)

Adrian Müller@mueller_adrian

Jeden Tag verpflegen sich in Bern Tausende Leute auf der Gasse. Ob Pizza­schachtel, Dönerbox oder Burgerkarton: Die Take-away-Verpackungen verursachen einen riesigen Abfallberg –pro Jahr sind es in Bern über 1000 Tonnen.

Um die Müllmenge zu reduzieren, wurde im Juni von privater Seite das Pilot­projekt Grüne Tatze gestartet. Das Mehrweg-Konzept funktioniert wie folgt: Wer zehn Franken Depot hinterlegt, kann in zwölf Berner Lokalen Take-away-Gerichte in einer wiederverwendbaren Plastikschale, der «Bring-back-Box», beziehen und diese bei einer beliebigen der teilnehmenden Speisewirtschaften zurückbringen.

Bis zu 100 Mal lässt sich das Mehrweg-Tupperware wiederverwenden. Beim Pilotprojekt mit von der Partie sind etwa der Ängeli-Beck, das Restaurant Way to India oder das Lötschberg.

Mit Box gegen Littering-Gebühr

Sechs Monate nach dem Start zieht Ini­tiantin Jeanette Morath eine positive Zwischenbilanz: «Das System funktioniert und kommt bei den Leuten gut an.» Pro Tag benutzen durchschnittlich rund 150 Leute die grüne Essensbox. Dies reduziere die Abfallmenge bereits um drei 110-Liter-Abfallsäcke.

Das freut Walter Matter, Leiter von Entsorgung und Recycling Bern (ERB). Der Erfolg des ursprünglich von ERB konzipierten Systems zeige exemplarisch, wie Take-away-Lokale künftig die von der Stadt geplante Littering-Gebühr, den sogenannten Sauberkeitsrappen, umgehen oder zumindest reduzieren könnten.

1350 Schalen im Umlauf

Insgesamt sind in Bern 1350 Take-away-Boxen im Umlauf. «Besonders gut eignet sich die Schale für Schöpfgerichte wie etwa asiatisches Essen», so Morath.

Beim Thai-Lokal Quick Asian Food in der Genfergasse bezieht laut Angaben von Geschäftsführer Erkan Obay bereits ­jeder dritte Gast sein Essen in der Mehrweg-Box. «Die Kunden haben Freude, wenn es weniger Abfall gibt.» Er profitiere von sinkenden Kosten, weil er weni­ger Take-away-Geschirr benötige.

Weniger gut funktioniert das Konzept bei Essen mit grösserem Volumen wie Salaten und Menüs: «Dafür ist die Box zu klein», sagt Morath. So wünschen sich die Kunden wie auch die Take-away-Betreiber verschiedene Boxengrössen und Schalen mit mehreren Abteilen.

Kapital für Expansion gesucht

Doch die Zukunft der Grünen Tatze ist ungewiss: Um das bis März verlängerte Pilotprojekt in Bern weiterführen und neue Schalen entwickeln zu können, benö­tigen die Initiantinnen um Jeanette Morath eine Anschubfinanzierung von mindestens 350'000 Franken.

Ziel sei, das Konzept der Grünen Tatze in die Berner Quartiere und schliesslich auf die ganze Schweiz auszuweiten. «Unsere Vision ist, dass ein Kunde in Bern seine Mahlzeit in der Box kaufen, im Zug nach Zürich essen und dann in der Limmatstadt zurückgeben kann.» Morath hat nun auf der Crowdfunding-Plattform 100-days.ch eine nur 77-tägige Sammelaktion gestartet. Ob sich die Stadt am Projekt beteiligt, ist laut Matter noch völlig offen.

Der Bund

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